Pressetexte

 

Volker Friebel
Autorenschaft im Haiku


Das deutsche Urheberrecht gilt als besonders autorenfreundlich. Der Urheber bestimmt, ob und wie sein Werk veröffentlicht wird – Ausnahme sind lediglich Zitate, das heißt die Aufnahme eines Werks oder von Teilen daraus in das Werk eines anderen beispielsweise zur Besprechung: Hierzu ist keine Einwilligung des zitierten Urhebers erforderlich. Die Urheberschaft an einem Werk aber liegt unübertragbar beim Autor, und der Autor kann bei einer Veröffentlichung seines Werks den Anspruch erheben, als Urheber genannt zu werden. Das Recht auf Verwertung seines Werkes kann vom Urheber ganz oder teilweise übertragen werden, was bei Literatur üblicherweise an einen Verlag geschieht, der sich dann darum kümmert, das Werk zu Geld zu machen, durch Veröffentlichung und Angebot im Handel.

Trägt man im Netz irgendwo ein Haiku ein, bleibt oft unklar, was dies im Lichte des Verwertungsrechts bedeutet. Es sollte sich als Standard durchsetzen, dass immer nur ein Abdruckrecht vom Herausgeber verlangt und vom Autor abgegeben wird (einfaches Nutzungsrecht), alle weiteren Nutzungsrechte bei der Aufnahme in Netzseiten oder Anthologien aber beim Autor bleiben – außer es wird dafür Honorar bezahlt. Letzteres ist bei Haiku aber sehr unwahrscheinlich, denn marktwirtschaftlich betrachtet sind sie nichts wert.

Zum Vergleich: 1998 gab es im Rowohlt Taschenbuch-Verlag für die „Beiträger“ eines Mehrautorenbuchs in einer (damals) auflagenstarken Sachbuch-Reihe umgerechnet etwa 18 Euro Vorauszahlung pro Druckseite, bezogen auf einen angenommenen Verkauf von 15.000 Exemplaren (die Herausgeber erhielten noch extra). Das macht umgerechnet auf die Auflagenerwartung eines deutschsprachigen Haikubuchs vielleicht 18 Cent Honorar pro Druckseite, die sich womöglich mehrere Haikuautoren untereinander teilen müssten.

Das sind die Verhältnisse keineswegs nur heute oder nur beim Haiku. Gottfried Benn, der mit seiner Lyrik schnell berühmt geworden war, zieht in einem Aufsatz 1926, das sind 15 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung, eine Bilanz und kommt, damals bereits zu den bedeutendsten Lyrikern Europas gezählt und in zahlreiche Sprachen übersetzt, auf 975 Mark, die er insgesamt für seine Literatur erhalten hat, davon 90 Mark für seine Lyrik (umgerechnet auf heutige Euro etwa mal 4 zu nehmen). „Gedicht ist die unbesoldete Arbeit des Geistes“, meint er dazu.

Diese Situation hat ein Gutes immerhin darin, dass Autoren frei von wirtschaftlichen Überlegungen handeln können. Die vollständige Abgabe des wirtschaftlich wertlosen Verwertungsrechtes eines literarisch wertvollen Haiku bedeutet, dass das Haiku nicht mehr frei weiter verwendet werden kann, sondern der Autor dafür auf die Erlaubnis des Verlags oder der Netzseite angewiesen ist. Im deutschsprachigen Raum wird soweit ich sehe von den Netzseiten, Verlagen und Zeitschriften nur das einfachen Abdruckrecht gesucht, dem Autor aber jede weitere Verwendung seines Werkes freigestellt. Im anderssprachigen Teil der Welt sollte man schon mal nachfragen, was der Eintrag eines Haiku auf einer Netzseite oder bei einem Wettbewerb eigentlich bedeutet.

 

Wenn das Urheberrecht nahe legt, dass der Autor eines Werkes genannt wird, wie steht es dann mit Haiku, die in einer Werkstatt zur Diskussion gestellt werden und dabei oft erhebliche Änderungen erfahren? Als Regel wird offenbar von den meisten Beteiligten angesehen, dass solche Änderungsvorschläge Lektoratsarbeiten gleichzusetzen sind, dass also der ursprüngliche Autor auch bei starken Änderungen alleiniger Autor bleibt. Das ist nicht unumstritten, praktisch allerdings kaum anders handhabbar. Ich denke, dass es sich als Regel festsetzen wird und festsetzen sollte. Ausnahmen wird es immer geben. Ich erwähne ein eigenes Haiku, das in der Werkstatt von Haiku.de bearbeitet wurde. Die Originalversion:

Am Waldbach sitzen,
vor meinen Füßen
der Himmel.

Eckhard Erxleben brachte nach verschiedenen Vorschlägen anderer Autoren und einer schon vollzogenen Änderung des ursprünglichen Haiku (die erste Zeile wurde zu „Waldbachstille“) folgende Verse ein:

waldseestille
eine fliege
ertrinkt im himmel

Auch wenn sich dieses Haiku aus der Diskussion um ein anderes entwickelt hat und ursprünglich vielleicht nur als Verbesserungsvorschlag gemeint war, ist doch einsichtig, dass mit der ertrinkenden Fliege etwas ganz Eigenes ins Leben getreten ist.

 

Manchmal werden Verse nicht so eindeutig als selbstständig eingeordnet werden können. So wurden schon zahlreiche Haiku als Nachahmungen bezeichnet, manchmal offensichtlich zu Recht, manchmal strittig, manchmal zu Unrecht. Einige Beispiele:

Nächtliche Heimkehr –
aus dem Fell meiner Katze
duftet der Winter.

    Monika Hermann

Diese Verse wurden Oktober 2004 in der Wettbewerbsanthologie „Haiku mit Köpfchen 2004“ veröffentlicht.

Seit November 2003 im „Autorentreffen“ auf der Netzseite der Deutschen Haiku-Gesellschaft veröffentlich ist:

Rückkehr am Abend
der Geruch des Winters
im Fell der Katze

    Dietmar Tauchner

Die Wortwahl ist etwas verschieden, Unterschiede in der Aussage sind aber kaum auszumachen. Einmal wird „Abend“ statt „Nacht“ gesetzt, aber gerade im Winter steht beides für Dunkelheit. Dann heißt es „duftet“ statt „Geruch“ – das ist ein geringer, wie ich meine zu geringer Unterschied.

Anders sieht es mit folgendem Haiku aus, das seit Oktober 2004 in der Autorengalerie von Haiku heute veröffentlicht ist:

Noch in der Nacht
der Geruch von Wiesen
im Fell des Hundes

    Marita Schrader

Zwar ist eine Ähnlichkeit mit Dietmar Tauchners Haiku unübersehbar, aber „hier findet man eine andere Atmosphäre vor und andere Aspekte, die eindeutig eine Weiterführung des Themas bedeuten“ (Dietmar Tauchner in einer Korrespondenz).

Variationen sind nach meiner Auffassung kein Problem, wenn sie zwar ähnliche Themen, aber voneinander unterscheidbare Atmosphären und Formulierungen haben. Wie aber umgehen mit Haiku unterschiedlicher Autoren, die als zu ähnlich oder gar weitgehend identisch angesehen werden?

Üblicherweise ist Priorität das Entscheidungskriterium, wer bei Konkurrenz als Urheber eines Werkes gelten soll. Als Erfinder der Relativitätstheorie gilt Albert Einstein – auch wenn ein anderer Jahre später dieselbe Theorie aufgestellt haben sollte und nachweisen könnte, dass er von Einsteins Theorie noch nichts gehört hatte. Das ist ungerecht, aber praktikabel. Das Kriterium der Priorität hat den Vorteil, frei von jedem Vorwurf zu sein. Nicht allerdings, dass damit alles geklärt wäre.

Im August 2004 wurde bei Haiku-heute.de eingereicht:

Hollywoodschaukel
im Mondschein –
das rauschende Meer ...

    Helga Härle

Das Haiku kam nicht in die Auswahl. Im folgenden Monat wurde, vielleicht von der Hollywoodschaukel angeregt, vielleicht nach eigenem Erleben notiert, ein Haiku von Andrea D’Alessandro veröffentlicht, die August in der Jury gewesen war:

Meeresrauschen –
ein Kinderschuh
im Mondlicht

Sowohl der Mondschein als auch das Meeresrauschen kommen in beiden Gedichten vor. Bei Helga Härle taucht eine Hollywoodschaukel alles in das Licht der romantischen Nacht eines Paares am Meer, bei Andrea D’Alessandro spüre ich wegen des rätselhaften Kinderschuhs eine Atmosphäre zwischen magisch und unheimlich. Für mich zwei unterschiedliche Haiku, beide bei längerem Hinsehen vielleicht etwas zu metaphernlastig und unbestimmt. Helga Härle allerdings sieht eine Verletzung ihrer (zu vermutenden) Priorität und betrachtet den „Kinderschuh“ nicht als eigenständig.

Wer zum ersten Mal in einem Haiku die Sonne genannt hat, erwarb dadurch kein exklusives Nutzungsrecht auf sie. Die Sonne ist frei, sie darf weiterhin in den Haiku dieses Urhebers wie in den Haiku anderer Menschen verwendet werden. Auch die einfache Verbindung von Begriffen wie Meeresrauschen und Mond (oder Himmel und Flugzeugschweife, Straßenrand und Unfallkreuz) ist noch keine schützenswerte kreative Leistung. Um einen Text zu individualisieren, bedarf es mehr. Das ist in diesen beiden Haiku einmal durch die Hollywoodschaukel geschehen, das andere Mal durch den Kinderschuh, und diese machen beide meiner Auffassung nach trotz Wortgleichheiten zu eigenständigen Versen, zumal die Stimmungen sich deutlich unterscheiden.

Dietmar Tauchner nennt in einer Korrespondenz einige Möglichkeiten, wie es zu Ähnlichkeiten kommen kann: (1) Zufall, etwa durch die Bearbeitung gleicher Grundbilder durch zwei Autoren oder die Verwendung von Grundmetaphern ohne ausreichende Individualisierung, (2) Plagiat, also absichtliche Übernahme mit geringer Änderung zur Tarnung, (3) unbewusstes Erinnern: „Man liest einen Text, ist begeistert, lagert ihn ins Unbewusste ab, und irgendwann taucht eine Erfahrung auf, die jener des Textes entspricht, und man schreibt ihn mit fast denselben Worten nieder, glaubt aber es sei der eigene.“

Die Ursache einer Ähnlichkeit dürfte kaum je sicher zu ermitteln sein. Daraus, dass ein Text bereits vorlag als ein sehr ähnlicher veröffentlicht oder zur Veröffentlichung eingereicht wurde, folgt eben nicht, dass der zweite Autor diesen ersten Text gelesen, und, falls gelesen, dass er ihn sich bewusst angeeignet hätte.

Peinlich ist eine solche Situation allerdings für beide. Denn spätere Leser beider Haiku werden nicht mehr wissen, welcher davon zuerst veröffentlicht wurde. Falls Dietmar Tauchner seinen Katzen-Text für eine Haiku-Anthologie einreicht, könnte er von jemandem, der den Text von Monika Hermann vorher in der Wettbewerbsanthologie gelesen hat, Dietmar Tauchners Erstveröffentlichung aber nicht kennt, für einen Plagiator gehalten werden.

Ich möchte dieses Problem und seine Weiterungen noch ausführen. 2003 hat Adelheid Treffer ein Haiku auf der Werkstattseite von Haiku.de erstveröffentlicht:

Wartezimmer.
Das offene Fenster
spiegelt die Wolken.

Das hat mir gut gefallen. Beim Blättern in meinem eigenen Haikubuch „Blumen im Heu“ finde ich nun zufällig ein Haiku, das mir ganz entfallen war:

Arztwartezimmer.
Der Glastisch spiegelt
ziehende Wolken.

Das ist 1997 geschrieben, März 2002 veröffentlicht – und Adelheid Treffer schreibt ihrer Galerieseite bei Haiku-heute.de zufolge erst seit März 2003 Haiku. Eine klare Sache eigentlich – aber ich glaube nicht, dass ich das Haiku im Netz irgendwo veröffentlicht habe und es scheint mir unwahrscheinlich, dass Adelheid Treffer mein Haiku gekannt hat. Die Haiku sind in Stimmung und Aussage allerdings sehr ähnlich. Und nun schien mir plötzlich mein vergessenes Kind gar nicht so schlecht. Also habe ich es im Netz veröffentlicht. Es steht auf meiner Galerieseite bei Haiku-heute.de. Da aber das Haiku von Adelheid Treffer im Netz früher veröffentlicht wurde, kann es sein, dass nun ich von manchen für einen Plagiator gehalten werde.

Das Gedicht von Adelheid Treffer wurde 2003 veröffentlicht, so lag es zur Auswahl für das Haiku-Jahrbuch 2003 vor („Gepiercte Zungen“, 2004). Ich war in der Redaktion und sprach das Problem an, und die Ähnlichkeit war auch schon aufgefallen. Wir entschieden, das Haiku aufzunehmen, als selbstständig genug und eine Bereicherung für das Jahrbuch. Denn nach den Arbeiten von Ruth Franke und Ingrid Kunschke lautet die Kernfrage: Leistet ein Haiku einen neuen Beitrag zum schon Vorhandenen, ist es eine Bereicherung für die Haiku-Welt? Wenn ja, hat es sich damit ein Daseinsrecht erworben, wie groß Ähnlichkeiten zu früheren Haiku auch sein mögen. Wenn nicht, gilt das Kriterium der Priorität und es sollte (wenn möglich) zurückgezogen werden. Solche Entscheidungen können aber immer nur subjektiv sein, der „Glastisch“ hätte auch abgelehnt werden können.

Ob Entscheidungen nun in diese oder die andere Richtung fallen, ungut fände ich Vorwürfe, sowohl von Autoren untereinander, ob da nun etwas geklaut wurde oder nicht, als auch von Autoren gegenüber Herausgebern, weil sie nun dieses Haiku aufgenommen haben und dadurch vielleicht ein anderes kompromittieren oder weil sie ein Haiku mit Hinweis auf eine zu große Ähnlichkeit ablehnen. Meinungen zu Fragen von Ähnlichkeit können verschieden sein, die Tatsachen sollten auch nicht verschwiegen, sondern so weit wie möglich geklärt werden, sonst führen sie nur unter dem Teppich ein fröhliches Eigenleben. Unterstellungen und Vorwürfe aber vergiften die Atmosphäre und dienen so letztlich niemandem.

 

Haiku sind kurz, die Menschen berührende Themen werden deshalb immer wieder in irgendeiner ähnlichen Form wiederkehren. Ähnlichkeiten haben so vielleicht das Gute, dass sie das Aufmerken, das genaue Lesen, und so eben ein differenzierteres Verständnis von Sprache und Welt fördern.

Wieder Oktober 2004 in der Wettbewerbsanthologie „Haiku mit Köpfchen 2004“ veröffentlicht, als zweiter Platz in der Kategorie „Klassische Haiku“:

Auf langen Stelzen
eilt mein Schatten übers Feld –
Dezembersonne

    Winfried Benkel

Mindestens seit Herbst 2002 als ein dritter Platz im Kusamakura-Wettbewerb im Netz und im Wettbewerbsheft veröffentlicht:

autumn sun
the girl’s shadow
walking on stilts

    Ingrid Kunschke

Dieses Haiku steht seit etwa Herbst 2003 deutsch beispielsweise auf der Galerie-Seite von Ingrid Kunschke bei Haiku-heute.de:

Herbstsonne
der Schatten des Mädchens
geht auf Stelzen.

Auf den ersten Blick zwei sehr ähnliche Haiku. Auf Winfried Benkels Preishaiku hingewiesen, findet Ingrid Kunschke jedoch viele Unterschiede (vollständig nachzulesen in Zwei Paar Stelzen), und in ihrer Betrachtung gewinnen beide Haiku an Tiefe – und an Abstand voneinander. Während sie bei ihren eigenen Versen „das Ungelenke, Giraffenähnliche eines wachsenden Kindes“ hervorhebt, „das sich ständig mit seinem sich ändernden Körper auseinandersetzen muß“ und schreibt: „Der genaue Beobachter (es ist sein Herbst!) erkennt in diesem [schnellen, punktgenauen] Auftreffen [des Schattens] bereits die Kraft und Eleganz der Jugend“, sieht sie beim anderen Haiku den Schatten der Ich-Person, die gar keine realen Stelzen hat, sondern einen optischen Effekt beschreibt, sieht deren eigenen (Lebens-) Schatten in der Winterabendsonne eilend über ein abgeerntetes Feld.

Bei der Arbeit sind viele, das Feld des Haiku ist noch lange nicht abgeerntet. Und mein Blick geht von den Schatten, die da manchmal zu Recht oder zu Unrecht in Fehde miteinander liegen, zurück auf das spielende Kind.

 

Literatur

Benn, Gottfried: Summa Summarum. In: Gesammelte Werke 3, herausgegeben von Dieter Wellershoff, Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 2003, Seite 1881-1884, Erstveröffentlichung in: Die Weltbühne XXI, 26, 1926.

Franke, Ruth: Originalität im Haiku. www.Haiku-heute.de, Mai 2004.

Friebel, Volker: Blumen im Heu. Haiku. Wolkenpfad, Tübingen, 2002.

Haiku heute (Hg): Gepiercte Zungen. Haiku-Jahrbuch 2003. Wolkenpfad, Tübingen, 2004.

Kunschke, Ingrid: Variationen, Zitate und Anspielungen im Haiku. www.Haiku-heute.de, Mai 2004.

Kunschke, Ingrid: Zwei Paar Stelzen, www.Haiku-heute.de, November 2004.

Urheberrechtsgesetz. Stand September 2003. Veröffentlicht beispielsweise auf der Netzseite des Instituts für Urheber- und Medienrecht: www.urheberrecht.org.

Wübbena, Erika (Hg): Haiku mit Köpfchen 2004. Anthologie zum 2. Deutschen Internet Haiku-Wettbewerb. Hamburger Haiku Verlag, Hamburg, 2004.

 

 

08.11.2004 auf www.Haiku-heute.de
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