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Ruth Franke
Gras

„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da ...“ (Psalm 103)

Ein letzter Blick zurück in das grüne, sonnendurchflutete Tennenbacher Tal mit der alten Klosterkapelle, Rest einer ehemals einflussreichen Zisterzienser-Abtei. Dann folgen wir der blauen Raute, begleitet vom gluckernden Bach, vorbei an einem Forsthaus, dessen besondere Atmosphäre innehalten lässt.

Seerosenblüten
auf altem Badeteich
ein Boot voll Wasser

Es geht bergauf. Links am Hang mächtige Douglasien mit langen Stämmen, erst ganz oben Äste und Zweige. Unvermutet eine Holztafel: „Höchste Douglasie Südbadens, 60 m, 1893 gepflanzt.“ Mehr als drei Generationen hat sie erlebt, verschiedene Staatsformen und zwei Weltkriege. Dürren, Stürme und Feuerbrünste konnten ihr nichts anhaben, keine Säge fällte ihr kostbares Holz. Wir müssen uns weit zurücklehnen, um ihren Wipfel sehen zu können.

Jetzt führt die blaue Raute zum Bach hinab ins Dunkle. Vom glitschigen Steg sieht man hinunter auf Schlammberge und angeschwemmtes Sturmholz, doch am anderen Ufer fällt Sonnenlicht durch niedrige Bäume. Ein kurzer Aufstieg, und wir sind am Ziel: Soldatengräber. Gedenksteine am schmalen Pfad, ihre Inschrift, halb verdeckt von Gras, schwer zu entziffern. Max von Schenkendorf, ein Dichter der Freiheitskriege gegen Napoleon: „... Die lieben Waffen glänzen / hell im Morgenrot, / man träumt von Siegeskränzen / man denkt auch an den Tod ...“

Ein Pfauenauge flattert voran bis zu einer kleinen Lichtung, die zum Verweilen einlädt.

Brombeerblüten
runden und röten sich schon
hoch steht die Sonne

Hainbuchen begrenzen die Parzellen mit ihrem wuchernden Gras und Farnkraut, in der Mitte ein großer, verwitterter Gedenkstein. Nach siegreichen Kämpfen in den Freiheitskriegen fanden hier im Winter 1814 mehr als 1400 zurückgelassene Österreicher und Bayern ihre letzte Ruhe. „Sie starben an ihren Wunden und am Lazarettfieber“ heißt es lapidar in alter Schrift. Mangelhafte ärztliche Versorgung, Infektionen? Ganz aufgeklärt wurde dieses Massensterben nie. Die leer stehenden Klostergebäude, längst säkularisiert, dienten damals als Lazarett.

Vergessenes Leiden, vergessene Ruhestatt. Und doch –

Moosbedeckter Stein
im hohen Gras verborgen
ein liebendes Paar


 

15.12.2007 auf www.Haiku-heute.de
Alle Rechte bei Ruth Franke