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Angelika Wienert
1909, kurz nach ihrem Examen an der Ocha-no-Mizu Women`s High School, heiratet Akabori Hisa den Kunstlehrer und Maler Sugita Unai, Sohn eines Großgrundbesitzers. Bald darauf werden zwei Töchter geboren. Eine der beiden wird als erwachsene Frau äußern, dass ihre Eltern völlig gegensätzlich gewesen seien. Die junge Familie lebt in Kyushu, wo Sugita Unai über vierzig Jahre lang als Lehrer arbeiten wird. (Echoes Over Hills). Ein älterer Bruder führt Sugita Hisajo, die Takahama Kyoshi (1874-1959), Haikudichter und ab 1898 Herausgeber des Magazins Hototogisu, bewundert, 1915 oder 1916 (die Angaben in der Literatur sind widersprüchlich) in die Kunst der Haikudichtung ein. So erfolgreich auch die Einarbeitung in diese Form der Poesie verläuft, so deprimierend sind ihr Alltag, ihre Ehe. (Ueda, ebd.) hoku no ware jibo taru ware ya natsu yasenu haiku poet, (in: Ueda, Seite 90) Haikudichterin, (Übersetzung AW) Sie erwägt eine Ehescheidung, verbringt kurz nach dem Tod ihres Vaters über ein Jahr bei ihrer Mutter und muss sich 1920 wegen einer Nierenerkrankung in Tokio behandeln lassen. Als ihre Mutter Sayo, die unter dem Unglück ihrer Tochter leidet, Sugita Unai um das Einverständnis zu einer Trennung bittet, lehnt dieser ab und Sugita Hisajo beschließt, sich wegen ihrer Kinder in die ungeliebte Rolle einer in Abhängigkeit lebenden Hausfrau zu fügen. Dies, obwohl sie doch eigentlich eine Intellektuelle ist, Visionen hat, innovativ denkt. Wie viele gebildete Frauen ihrer Zeit in Japan, hat auch sie Ibsens „Ein Puppenheim“ gelesen und sich in die Hauptperson des Stückes, Nora, hineinversetzt, sich mit ihr, der es gelang, sich aus gesellschaftlichen Fesseln zu lösen, verglichen. Eben jener Nora, die Ibsen im dritten Akt seines Schauspiels sagen lässt: „Ich muß versuchen, mich selbst zu erziehen. Und du bist nicht der Mann, mir dabei zu helfen. Das muß ich allein schaffen. Und darum geh` ich jetzt weg von dir…Ich muß ganz auf meinen eigenen Füßen stehen…muß versuchen, Erfahrungen zu sammeln,...“ Dem Ehemann, der sie daran erinnert, dass sie in erster Linie Frau und Mutter sei, ruft Nora entgegen, dass sie dies nicht glaube, in erster Linie sei sie ein Mensch. (Ibsen: Ein Puppenheim. Seite 102 und 103; Echoes Over Hills) tabi tsugu ya Nora to mo narazu kyoshizuma she mends socks (in: Ueda, Seite 93) Sie stopft Socken (Übersetzung AW) Der christliche Glaube spricht die mit ihrem Leben Unzufriedene an, sie konvertiert, wird Methodistin und engagiert sich mehrere Jahre in diesem Bereich. (Ueda, Seite 85f.) baiburu wo yomu sabishisa yo hana no ame reading the Bible (in: Ueda, Seite 89) In der Bibel lesen. (Übersetzung AW) Schreibt sie zuerst auch Novellen und Tanka, so spezialisiert sich Sugita Hisajo dann auf das Genre Haiku und sie hat schnell den Ruf, dass ihr Themenbereich weit gefächert sei. (Yutaka, 1999) gikyoko yomu fuyu yo no shokki tsukeshi mama reading a play (in: Ueda, Seite 93) Ein Schauspiel lesen (Übersetzung AW) hi ni nute ko ni oshiyuru ji aki no ame sewing in the lamplight (in: Ueda, Seite 92) Nähend im Lampenlicht (Übersetzung AW) tokonatsu no aoki shio abi waga sodatsu I grew up Übersetzung, Eiko Yachimoto) Ich wuchs auf (Übersetzung AW) Takahama Kyoshi, der durch das renommierte Magazin Hototogisu auch Autorinnen fördern will, die Rubrik „Küchenlieder“ speziell für Frauen eingerichtet hat, erkennt schnell Sugita Hisajos Talent. (Echoes Over Hills) hanagoromo nugu ya matsuwaru himo iroiro Slowly undressing (Übersetzung Nakamura Yutaka) Sich entkleiden (Übersetzung AW) Zur Erklärung dieses Haiku sei angemerkt, dass es in Japan Brauch ist, im April die Kirschblüten in Parks und Tempelgärten zu bewundern, ja zu feiern (hana-mi). Frauen kleiden sich zu diesem Anlass gern traditionell, tragen einen hana-goromo (spezieller Kimono). (Yotsuya) Zum klassischen Kimono gehören sieben Schärpen und Schnüre von unterschiedlicher Breite und Farbe. 1928 schreibt Sugita Hisajo über dieses Haiku, dass es für eine Frau zwar lästig sei, all die vielen Schnüre zu lösen, da sie nach den Veranstaltungen erschöpft sei, sie aber auf der anderen Seite so ganz für sich allein die Farbenpracht der sonst verborgenen Kleidung genießen könne. (Yutaka) Kyoshi schätzt dieses Haiku sehr, spricht davon, dass das Weibliche dieses Textes von keinem Mann imitiert werden könne. (Ueda, Seite 89) Ab 1931 beginnt für Hisajo auf dem Gebiet der Haikupoesie eine besonders erfolgreiche Zeit. Sie gewinnt Wettbewerbe, arbeitet für Hototogisu und gründet 1932 ihr eigenes Haiku-Magazin Hanagoromo. Als Mitglied des elitären Kreises um Kyoshi und aufgrund ihrer literarischen Erfahrung gelangt sie zu einer führenden Rolle unter den Autorinnen. Hashimoto Takako (1899-1963), die durch Hisajo gefördert wurde, wird bei Hanagoromo veröffentlicht, was wesentlich zu ihrem literarischen Durchbruch beiträgt. (Echoes Over Hills; Bender/Yachimoto: Toward the Starry Sky; Ueda, Seite 97ff) Vier Jahre später, im Oktober 1936, ereignet sich Seltsames. Aus unerfindlichen Gründen wird Sugita Hisajo zusammen mit zwei anderen Dichterinnen, Hino Sojo und Yoshioka Zenjido, aus der Hototogisu-Gruppe um Kyoshi ausgeschlossen. Fühlt sich der Bewahrer Kyoshi durch Hisajos literarische Experimente vor den Kopf gestoßen? Gibt es zwischen ihr und Kyoshi private Verstimmungen? Liegen möglicherweise ganz einfach Missverständnisse vor? (Echoes Over Hills) Jedermann hat eine Erklärung für den Ausschluss der beiden anderen Dichterinnen, sind diese doch Kritikerinnen Kyoshis. Niemand aber versteht, warum Hisajo, die stets loyal ist, ja Kyoshi verehrt, dieses Schicksal trifft. (Ueda, Seite 86). Später wird vermutet, dass ihr eine Portion Egoismus, die Neigung zu Prahlerei und extremen Verhaltensweisen eigen gewesen seien. (Echoes Over Hills) David McMurray sieht die Erklärung eher in den feministischen Ansichten Sugita Hisajos, die Kyoshi trotz ihres Talentes als destabilisierenden Faktor verstanden haben mag. (McMurray, 2003). So hoch ihr Aufstieg war, so tief wird nun der Fall. Sie gehört der Hototogisu-Gruppe nicht mehr an, ihr Magazin Hanagoromo existiert nicht mehr, und es kommt noch schlimmer. Kyoshi weigert sich, die Einleitung zu Hisajos neuer Haiku-Sammlung zu schreiben. Für die tief gekränkte Autorin macht eine Veröffentlichung ohne Vorwort ihres Idols keinen Sinn. (Echoes Over Hills) Der Zweite Weltkrieg bricht aus und auch Japan leidet unter Luftangriffen. Isoliert von der Gemeinschaft der Haikuautoren, muss Hisajo ihre Ehekrisen, die Belastungen der Kriegszeit ertragen. Ihr Nierenleiden verstärkt sich, sie wird depressiv. Im Herbst 1945, zwei Monate nach Kriegsende, wird sie in eine Klinik eingewiesen. Es kursieren Gerüchte, dass sie schizophren sei, andere meinen, es handele sich um depressive Verstimmungen, die mit der Menopause einhergehen. Die Ernährungslage in diesen Nachkriegsjahren ist denkbar schlecht und verstärkt ihre organischen Probleme. Sugita Hisajo stirbt am 21. Januar 1946. Begraben wird sie in einer Grabstätte der Familie ihres Mannes, ein Teil ihrer Gebeine wird aber elf Jahre später in der Provinz Shinano (heute Nagano), wo die Vorfahren der Familie Akabori eine Grabstätte besitzen als Ehrung dieser Familie dort beigesetzt. (Echoes Over Hills) 1952, sechs Jahre nach ihrem Tod, schreibt und veröffentlicht Kyoshi die Novelle Kuniko no tegami (Briefe von Kuniko). Kenner meinen, dass der Inhalt durch den Briefwechsel zwischen Kyoshi und Hisajo inspiriert sei. Die älteste Tochter Hisajos wendet sich schriftlich an Kyoshi, bittet ihn, die Haiku ihrer Mutter zu veröffentlichen und durch ein Vorwort zu ehren, was dann auch so geschieht. (Echoes Over Hills) Sugita Hisajos Leben war geprägt durch Erfolge und Krisen, ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Die Verdienste, die sie durch die literarische Förderung von Frauen erwarb, sind bis heute unbestritten. (McMurray,ebd.) cho ote haruyama fukaku mayoikeri chasing a butterfly (in: Ueda, Seite 96) Einem Falter hinterher – (Übersetzung AW)
Ein visueller Eindruck Bleistiftzeichnung (2004), Susumu Takiguchi
Literatur Bender, Debra Woolard / Yachimoto, Eiko: Echoes Over Hills – the haiku of Sugita Hisajo. in: World Haiku Review, Vol. 1, Issue 3: November 2001 Bender, Debra Woolard / Yachimoto, Eiko: Toward the Starry Sky – the haiku of Hashimoto Takako. in: World Haiku Review, Vol. 2, Issue 1: March 2002 Ibsen, Henrik: Ein Puppenheim. Schauspiel. Frankfurt am Main 1978 (Insel-Verlag) McMurray, David: Haiku Composed in Kagoshima. 2003 Ueda, Makoto: Far Beyond the Field. Haiku by Japanese Women. New York 2003 (Columbia University Press) Yachimoto, Eiko: Haiku by Sugita Hisajo. Selected, classified and translated by Eiko Yachimoto. In: World Haiku Review, Vol. 1. Issue 3, November 2001 Yotsuya, Ryu: Hisajo Sugita (1890-1946). In: Mushimegane. History of Haiku. 10 haikuists and their work. Chapter 8 Yutaka, Nakamura: Haiku and Nature. In: Nipponia, No. 8, 1999
Aktuell 10.09.2005 auf www.Haiku-heute.de, erstmals 10.08.2005
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