Pressetexte

 

Angelika Wienert
Issa, der verkannte Haijin


In Aufsätzen zum Thema Haiku werden oft die Haiku Bashôs, Issas, Shikis als Beispiele genannt. Es gibt Divergenzen über die Stimmigkeit der Übersetzungen, gibt Präferenzen für den einen, den anderen der großen Meister. In einem scheint bei einem Großteil der Autoren ein Konsens zu bestehen, in ihren Literaturangaben findet sich stets die durchaus wichtige Bezugnahme auf das Thema Zen.

Als ich die ersten Haiku Issas las (in verschiedenen Übersetzungsannäherungen) stutzte ich. Es schien mir so zu sein, dass in den Versen Issas eine Nähe zum Shin-Buddhismus gegeben ist. Ja, dass aus manchen Haiku Issas ein tiefes Verwurzeltsein im Shin spricht. „Issa, der sich zunächst an Bashô orientierte, brach entschieden mit dieser Art Haiku. Er machte seine Lebensverhältnisse, seine Armut und Not zum Thema seiner Haiku.“ (Mario Fitterer) Dem ersten Teil des Zitates stimme ich zu, der zweite Teil sollte meines Erachtens durch einen genaueren Blick auf Issa ergänzt werden.

In ihrem Aufsatz zum Haibun verweist Frau Dr. Lydia Brüll auf den religiösen Standort Issas. Issa war vom Amida-Buddhismus, der Schule des Reinen Landes geprägt. Diese buddhistische Richtung hat in Japan mehr Anhänger als der Zen (Küng, Hans: Spurensuche. Die Weltreligionen auf dem Weg. Seite 184). Die Wurzeln dieser Ausprägung der buddhistischen Frömmigkeit gehen auf Shinran Shonin (1173-1262) zurück. Im Mittelpunkt der Frömmigkeit steht Amida Butsu (japanisch für Buddha Amitâbha, der Buddha des grenzenlosen Lichts). Ziel der Anhänger der Schule des Reinen Landes, des Amidismus usw. ist die tiefe Gläubigkeit, das volle Vertrauen auf Amida Butsu, der gelobte, alle (Betonung: alle) Wesen zu retten. Im Gegensatz zum Zen, wo durch bestimmte Meditationsformen (Zazen), durch das „Lösen“ von Koan usw. die Erleuchtung (Satori) angestrebt wird, hat der Shin-Buddhist nur einen Gedanken: Die Abwendung von der eigenen Kraft (jiriki), die Hinwendung zur Anderen Kraft (tariki). Nur die Andere Kraft, nur das Versprechen Amida Butsus, alle zu retten, kann ihn erlösen. Der Shin-Buddhist rezitiert mit Hingabe die Worte „Namu Amida Butsu“ (Verehrung Amida Butsu; genauer: Ich nehme meine Zuflucht zu Amida Butsu) und hofft darauf, einst im Westlichen Paradies (sukhâvati) wiedergeboren zu werden, das als Vorstufe zum Nirvâna anzusehen ist.

In den Haiku Issas begegnet uns nun diese Richtung des Buddhismus augenfällig.

    Ein Segenszeichen:
    der Schnee auf der Bettdecke
    aus dem Reinen Land.

      (Issa) (siehe: Rudolf Thiem: Haiku-Anfänge und -Entwicklungen in Japan)

    Der Diener, ein bißchen dumm:
    Er schippt auch den Schnee
    des Nachbarn.

      (Issa; Übersetzung D. Krusche)

    Our simple honest servant: every day
    From next door, too, he sweeps the snow away.

      (Issa; in: Stewart, H.: Jodo Shu and Shin Buddhism. Übersetzer mir nicht bekannt)

Die Krusche-Übersetzung könnte den Leser des Haiku zu der Annahme verleiten, dass hier die Naivität eines Dieners herausgestellt werden soll. Hier geht es jedoch um einen Myokonin (besondere Form des Shin; einfache Menschen, die vollkommen ungebildet in gläubiger Herzensfrömmigkeit sich ganz in den Raum des Buddha geworfen haben). Bekannte Myokonin sind zum Beispiel Genza oder Saichi. In seinem Haiku setzt Issa diesen Myokonin ein literarisches Denkmal.

In seinem Essay „Jodo Shin Shu and Shin Shu“ betont Harold Stewart die Wichtigkeit der Lehre vom Reinen Land für den Haijin Issa („... Issa, a lifelong follower of Shin Shu whose spirit permeates so many of his haiku ...”). Bei der Nennung der folgenden Haiku Issas greife ich auf den Aufsatz H. Stewarts zurück. Der Übersetzer der Haiku in die englische Sprache ist mir nicht bekannt.

    A butterfly on the gilded lotus-flower
    Hears of Rebirth through Amitabha’s Power

      (Issa)

Nach den Ausführungen zur Schule des Reinen Landes dürfte dieses Haiku nun vom Leser besser verständlich sein. Während die Gläubigen im Shin-Tempel das Nembutsu (Namu Amida Butsu, siehe vorher) rezitieren, lässt sich ein Schmetterling auf der goldenen Lotusblume nieder, hört von Amidas Versprechen, hört von der Anderen Kraft.

Für den Shin-Buddhisten zählt eines – der Glaube.

    Simply have faith: let all attachements go.
    Do not blossoms scatter, even so?

      (Issa)

D.T. Suzuki (der große Lehrer des Zen) war ein Kenner der Schule des Reinen Landes. In seinem Buch „Der Buddha der Liebe“ führt er meisterlich in diese Richtung der buddhistischen Frömmigkeit ein. Leider ist dieses Buch falsch betitelt. Der vollständige Titel lautet: Der Buddha der Liebe. Herzensgüte im Zen-Buddhismus und christlicher Glaube. Im ganzen Buch geht es in keiner Zeile um Zen, sondern ausschließlich um Shin, aber auch der Herder-Verlag scheint den japanischen Buddhismus auf den Zen reduziert zu haben. D.T. Suzuki verweist in diesem Bändchen auf Issa, die Myokonin (siehe vorher).

Eine Stärke des Buddhismus scheint mir die Vielfalt der Formen, der Zugehensweisen zu sein – Issas Standort zur Kenntnis nehmen, bedeutet auch, die Realität der Verschiedenartigkeit im Buddhismus zur Kenntnis zu nehmen.

 

Literatur

Brüll, Lydia: Was ist ein Haibun? Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, 11. Jahrgang, Heft 41 vom Juni 1998, Fortsetzungen Heft 42, vom September 1998 und Heft 45 vom Mai 1999.

Krusche, Dietrich: Haiku. Japanische Gedichte. München 2002 (8. Auflage).  dtv.

Küng, Hans: Spurensuche. Die Weltreligionen auf dem Weg. München 2000 (4. Auflage). Piper-Verlag.

Stewart, Harold: Jodo Shu and Shin Shu. In: nembutsu.info. Journal of Shin Buddhism.

Suzuki, Daisetz T.: Der Buddha der Liebe. Herzensgüte im Zen-Buddhismus und christlicher Glaube. Einführung von Michael Brück. Freiburg 1997  (Herder-Taschenbuch, Band 4576).

Thiem, Rudolf: Haiku-Anfänge und -Entwicklungen in Japan.  Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, 8. Jahrgang, Heft 28 vom Februar 1995.

 

 

Aktuell 08.02.2006 auf www.Haiku-heute.de, erstmals 30.10.2003
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