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Angelika Wienert Das Kigo (Jahreszeitenwort, Jahreszeitenbezug) ist elementarer Bestandteil des klassischen japanischen Haiku. Lydia Brüll nennt die Verwendung eines Jahreszeitenwortes oder -themas als ein Kriterium der Haiku im traditionellen Stil (neben der Konzentration auf ein einziges Ereignis, Prägnanz und Kürze, der Forderung eines Nachhalls usw.). „Die Anhänger des ‘Haiku im traditionellen Stil’ gaben den ersten Anstoß zur Erneuerung des Haiku. Sie orientierten sich am Haiku der ‘klassischen’ Zeit und plädierten vor allem für die Beibehaltung der siebzehn Silben, des Jahreszeitenwortes/themas und der Zäsur ... Zahlreichen Haiku-Dichtern waren diese Vorschläge nicht fortschrittlich genug. Gerade um die Spontanität der Dichter zu gewährleisten, verweigerten sie die sklavische Einhaltung der siebzehn Silben. Auch sie traten für Prägnanz und Kürze des Haiku ein ... Einige gingen noch weiter und verwarfen auch die Verwendung des Jahreszeitenwortes/themas. Ihre Begründung lautete: Industrialisierung und Technisierung verändern nicht nur die Natur, sondern setzen auch andere Wertmaßstäbe zwischen Mensch und Natur ... Diese Dichter sahen den Sinn des Haiku nicht mehr im Kopieren oder in der meditativen Betrachtung der Natur in ihrem Ablauf der vier Jahreszeiten mit vornehmlich traditionellen der Natur entnommenen, oft klischeehaften Sujets oder im Besingen berühmter Landschaften, sondern forderten eine Haiku-Lyrik mit lebens- und zeitnahen Themen. Damit war das ‘Haiku im freien Stil’ geboren ... Die ‘Traditionalisten’ wehrten sich zwar vehement gegen das ‘Haiku im freien Stil’ und gegen die Versuche, das Haiku durch westliche Ismen zu verfremden, nolens volens öffneten jedoch auch sie sich neuen Inhalten und gestalteten ihre Haiku manchmal auch unter Weglassung des Jahreszeitenwortes/themas – wobei zu beachten ist, dass der Naturbezug auch im ‘klassischen’ Haiku weiter gefasst wurde, als dies bei uns bekannt ist.“ (Brüll, Lydia: Haiku-Dichtung – eine zeitgemäße Lyrik?) Diese Gedanken fortführend schreibt Martin Berner in einem Essay: „Die Gegenstände des Haiku: Natur, Jahreszeiten, einverstanden ... Dass das klassische japanische Haiku ein Naturgedicht ... zu sein hat, ist leicht zu erklären ... Warum das Haiku des 21. Jahrhunderts sich darauf beschränken soll, kann ich nicht verstehen. Warum soll es keine Haiku über Krankheit und Tod, über Arbeitslosigkeit, Armut und Ehekrach geben (auch wenn die traditionalistischen Haikuschreiber in Japan all dies Unschöne nicht lesen und hören möchten). Zu unserem Leben gehört es dazu, und dann ist es wert, besungen zu werden.“(Berner, Martin: Einige Überlegungen zum deutschen Haiku.) Beides existiert also: Haiku mit Jahreszeitenbezug, Haiku ohne Jahreszeitenbezug. Als erstes ein Blick auf Haiku mit Jahreszeitenbezug: Haiku ohne Jahreszeitenbezug: my best friend died – Robert Bebek deserted town – Mile Stamenkovic Beide genannten Haiku enthalten kein Kigo. Kacian verweist darauf, dass „dust“ und „victims“ hier in einer analogen Weise wirken. Diese Schlüsselwörter sind Basis dafür, dass die Aussage des Textes eine Botschaft transportiert, eine gemeinsame Assoziationsebene von Schreiber und Leser entstehen kann. (Kacian, Jim: Kigo: Haiku in the Next Millenium.) Mit dieser beschriebenen Funktion von Schlüsselwörtern haben andere Haiku-Dichter Probleme. Als Beispiel sei hier Lee Gurga angeführt, der die Wichtigkeit gewisser jahreszeitlicher Bezüge betont und bei der Verwendung von Schlüsselwörtern auf den Bezug zur nicht menschlichen Natur besteht. Gurga sieht die Gefahr einer Verwässerung, einer Auflösung der poetischen Form Haiku, die man ohne klare Vorgaben nicht mehr von anderen poetischen Formen abgrenzen könne. (Gurga, Lee: Toward an Aesthetic for English-Language Haiku.) Ich präferiere die Position Kacians, habe keine Probleme, wenn sich Schlüsselwörter auf die menschliche Natur beziehen und will dies an einem Beispiel verdeutlichen: Im Treppenhaus ... Gerd Börner Das Wort „Lächeln“ ist in diesem Haiku meines Erachtens ein Schlüsselwort – dem Wort „Lächeln“ kommt eine tragende Funktion zu, es ist gewissermaßen die Mitte des Textes. Dass dieses Wort am Ende der Mittelzeile zu finden ist, unterstreicht seine Bedeutung, wird doch durch dieses Wort die überraschende Wendung, die Kernaussage des Haiku eingeleitet. Der Autor fokussiert das Geschehen auf eben dieses „Lächeln“, das explizit zur menschlichen Natur gehört, drückt es doch Freude, Beziehung usw. aus. Ein „Lächeln“, das „ schon oben“ ist (einer anderen Person gewissermaßen entgegenfliegt) hat eine verstärkte Aussagekraft. Nichts spricht gegen die Verwendung von Kigo, nichts gegen die Verwendung von Schlüsselwörtern. Der Haiku-Schreiber kann sich für das eine oder das andere entscheiden. Wichtig ist, dass die Verwendung eines Kigo bzw. eines Schlüsselwortes stimmig ist, dass Prägnanz und Nachhall (yojo) gegeben sind. Literatur Berner, Martin: Einige Überlegungen zum deutschen Haiku. Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, Septemberheft 2001, Seite 15-20. Brüll, Lydia: Haiku-Dichtung – eine zeitgemäße Lyrik. Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, Maiheft 2001, Seite 2-6. Buerschaper, Margret: Das Jahreszeitenwort im deutschen Haiku. Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, Dezemberheft 2002, Seite 2-13. Gurga, Lee: Toward an Aesthetic for English-Language Haiku. 2000. Kacian, Jim: Beyond Kigo: Haiku in the Next Millenium. 2000. Shirane, Haruo: Beyond the Haiku Moment: Basho, Buson and Modern myths. 2000.
15.03.2004 auf www.Haiku-heute.de
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