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Volker Friebel & Gerd Börner
Grußworte In seinem Grußwort brachte der japanische Generalkonsul Junichi Kosuge seine Freude über die Ausrichtung des 1. Europäischen Haiku-Kongresses zum Ausdruck. Er zollte der Stadt Bad Nauheim, seinem Bürgermeister Bernd Rohde, und dem Präsidenten der Deutschen Haiku-Gesellschaft Martin Berner seinen Respekt für die Realisierung dieses wichtigen Haiku-Ereignisses. Herr Kosuge wies darauf hin, dass die Rosenstadt Bad Nauheim in einer langen Tradition steht, Haiku-Dichtung in Deutschland zu würdigen. Haiku trägt dazu bei, die Verständigung der Menschen und der Völker dieser Welt zu vertiefen. In frohen sowie in sorgenvollen Momenten seien Haiku Partner in seinem Leben. Auch auf der kleinsten Insel Issa Martin Berner, Präsident der Deutschen Haiku-Gesellschaft (DHG), bedankte sich für die großzügige Unterstützung durch die Stadt Bad Nauheim und ihres Bürgermeisters – und bei den Aktivisten des Frankfurter Haiku-Kreises, insbesondere bei Erika Schwalm, für die Unterstützung bei der Vorbereitung zum Kongress. In seiner Begrüßungsrede erklärte Martin Berner den Schwerpunkt des Kongresses: Die Vertreter der teilnehmenden Nationen stellen Entwicklung und aktuellen Stand der Haiku-Dichtung vor, lernen sich kennen und starten gemeinsame Aktionen. Heller Rosensaal Bernd Rohde (Bürgermeister von Bad Nauheim)
Eröffnungsvortrag David Cobb machte in der Eröffnungsrede auf die Unterscheidung von Prozess und Produkt bei der Haiku-Dichtung aufmerksam: Für manche Autoren ist der Prozess, die Gemeinschaft mit anderen Haikuschreibern, alles was zählt. Wichtig sei aber, die richtige Balance zwischen der Freude am Dichten und der Qualität des literarischen Ergebnisses zu finden. Als gutes Beispiel nennt Cobb hier Basho, der durch die Lande zog, um mit anderen zusammen Renku zu dichten – dann aber wieder seine „Tore schloss“, um am Haiku zu arbeiten. Zum Produkt, dem Haiku selbst, greift Cobb auf eine Analyse des Waliser Haiku-Dichters Ken Jones zurück. Dieser unterscheidet vier Kategorien: 1. Das existenziell befreiende Haiku, das uns einen Moment mit einer neuen Einsicht in die Bedeutung unserer Existenz zeigt, ein Moment, der uns unser Dasein lebendig erfühlen lässt. Das Haiku, das uns alle Dinge so akzeptieren lässt, wie sie sind. 2. Das einfache Bild, das uns die Dinge zwar auch zeigt, wie sie sind, aber nicht durch die Oberfläche der Phänomene zu einer tieferen Wahrheit vordringt. Das ist shasei, das aber auch Shiki, der als sein großer Wegbereiter gilt, nur den Neulingen im Haiku als vorläufiges Ziel empfahl. 3. Das geschickt konstruierte Haiku, mit geschlossener Metapher, bei dem der Leser Geist und Witz bewundern kann, das aber ohne wirkliche Tiefe ist. 4. Symbolische Haiku, die über ein Bild etwa eine Beziehung darstellen, aber gleichfalls geschlossen bleiben und nirgendwohin durchbrechen. Wenn das Haiku als Literatur akzeptiert werden möchte, dann gilt es, nach Cobb, das Haiku mit Tiefe, das existenziell befreiende Haiku, mehr zu betonen. Das aber finde sich in den Veröffentlichungen eher selten. Ihm stehe auch das entgegen, was Cobb als den Prozess der Haiku-Dichtung charakterisiert. Denn im Austausch mit anderen Haikuautoren, auch in der Beurteilung durch die Gruppe, liege die große Gefahr, sich mit einem Durchschnittsniveau abzufinden, bereits akzeptierte Muster des Haikustrickens anzuwenden, sich über das Lob der anderen zu freuen und sich damit zufrieden zu geben. Das habe eine nivellierende Wirkung. Beurteilungsprozesse seien zu schnell, gerade inspirierte und inspirierende Haiku kämen dabei oft zu kurz, da diese Zeit zur Wirkung brauchen. So bleibt die Qualität auf der Strecke bzw. gute Texte werden übersehen. Zwar nennt David Cobb mit dem Muschelschalenspiel von Martin Lucas und dem Netzportal Haiku heute zwei Ein zweiter Punkt liegt David Cobb sehr am Herzen, nämlich das Haiku in den einzelnen Ländern und Sprachen seiner Autoren zu etablieren, selbst wenn das bedeutet, vorübergehend die internationale Dimension des Haiku auszublenden. Jedes Land und jede Sprache sollte das Haiku in die eigene Kultur und Sprache aufnehmen und heimisch machen, warum nicht anders als die anderen.
Vorträge aus den teilnehmenden Ländern Der Hauptteil des Kongresses bestand aus Vorträgen der einzelnen Haikugesellschaften. Wir haben sie kurz zusammengefasst und jeweils ein, zwei, drei Haiku aus den einzelnen Ländern hinzugefügt, die zum Teil dort gelesen, zum Teil von uns später herausgesucht wurden.
Deutschland (und Österreich): Das Haiku kam über französische Übersetzungen nach Deutschland, in den 1920er und 1930er Jahren gab es Versuche einiger bekannter Dichter mit dieser Lyrikform, so von Rainer Maria Rilke. Das 1962 veröffentliche Buch „Haiku“ der Österreicherin Imma von Bodmershof ist das erste bekannt gewordene eigenständige Haikubuch im deutschen Sprachraum. Martin Berner führte aus, dass viele deutschsprachigen Haiku in der Tradition des Interpretierens stehen, meist zu ihrem Nachteil. Zu großen Wert wurde lange Zeit auf die äußere Form eines 17-Silben-Schemas gelegt. Im allgemeinen literarischen Leben hat das Haiku im deutschsprachigen Raum eine Außenseiterposition. Großen Wert legt die Deutsche Haiku-Gesellschaft auf die Aktivitäten der Regionalgruppen und Haiku-Kreise. ein Krähenflügelschatten Martin Berner (Deutschland) Ein Fenster geht auf Dietmar Tauchner (Österreich)
Serbien und Montenegro: Dragan Ristic verwies auf das Jahr 1927 als dem der ersten Übersetzung japanischer Haiku in das Serbische, noch aus anderen europäischen Sprachen. Aber erst in den 1950er und 1960er Jahren wurden in Serbien selbst die ersten Haiku geschrieben. Eine erste serbokroatische Zeitschrift („Haiku“) erschien zwischen 1977 und 1981 im heutigen Kroatien. Die schwere Zeit des Krieges der 1990er Jahre sah einen Aufbruch in der serbischen Haiku-Literatur, in der viele Haiku-Clubs und -Zeitschriften gegründet wurden, oft mit nur kurzer Lebensdauer. Eine gesamtserbische Vereinigung gibt es nicht, aber sehr viele Haiku-Autoren, Bücher, Anthologien und Wettbewerbe. Das Haiku ist in Serbien recht populär, wird aber von der offiziellen Literaturkritik noch zu wenig gewürdigt. ein Falter folgt mir Dragan J. Ristic
Slovenien: Alenka Zorman trug zur Situation in Slovenien vor. Erst in den 1970er Jahren erschienen erste Übersetzungen japanischer Haiku. Der Haiku Club of Slovenia (HCS, 1997 gegründet, heute etwa 40 Mitglieder), gibt eine Zeitschrift („Jahreszeiten“) heraus, zwei Doppelnummern im Jahr, mit einer Auflage von 200 Exemplaren. Der literarische Club Apokalipsa beschäftigt sich auch mit Haiku. Er organisiert jedes Jahr einen internationale Haiku-Wettbewerb und veröffentlicht in seiner Zeitschrift Apokalipsa von Zeit zu Zeit Haiku. Haiku wird auch in slowenischen Grund- und weiterführenden Schulen gelehrt, wo es jährlich einen Haiku-Wettbewerb gibt. Haiku sind nicht durchgehend als literarische Form anerkannt, die wichtigsten Zeitungen des Landes veröffentlichen aber Artikel und Buchbesprechungen.
Ungarn: Judit Vihar führte aus, dass das Haiku schon Anfang des 20. Jahrhunderts in englischen und französischen Übersetzungen nach Ungarn gekommen sei und von impressionistischen Schriftstellern aufgenommen worden war, manchmal recht frei, auch gereimt, manchmal mehr der japanischen Form angenähert. Etwa ab Anfang der 1980er Jahre wurde das Haiku in Ungarn populär, wieder in verschiedenen Strömungen. Der Ungarische Haiku-Club wurde im Jahr 2000 gegründet und hat gegenwärtig etwa 60-70 Mitglieder.
Der Flug der Schwäne Andres Ehin
In Bulgarien erschien 1985 ein erstes Buch mit klassischen japanischen Haiku. 2000 wurde in Sofia ein Haiku-Club gegründet, der etwa 40 Mitglieder hat und sich zweimal im Monat trifft. Es gibt Wettbewerbe, recht viele Buchveröffentlichungen, die Beachtung in der Öffentlichkeit, in Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen erscheint gut. Geruch nach Regen Ginka Biliarska
Schlussfolgerungen Aus den einzelnen Berichten fügt sich uns ein Gesamtbild. Das Haiku ist im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Europa angekommen, recht bald folgten schon eigene Versuche in den jeweiligen Landessprachen, von Anfang an und bis heute vom offiziellen Literaturbetrieb mehr oder weniger ignoriert. Ab 1980 bis etwa 1990 begann ein starker Schub in der Anzahl der Veröffentlichungen, und in der Gründung von Haiku-Clubs und -Gesellschaften. Mehrere Redner sprachen davon, dass die ersten Versuche in ihren Ländern recht unbeholfen gewesen seien, dass sich inzwischen aber nicht nur ein gutes Verständnis des japanischen Haiku entwickelt habe, sondern eine eigene Haiku-Kultur, ein heimisch Werden des Haiku in der eigenen Sprache. Die noch zu geringe Beachtung des Haiku durch den allgemeinen Literaturbetrieb wird fast überall mal etwas mehr, mal etwas weniger heftig beklagt.
Die Silbenzahl, im deutschsprachigen Raum noch bis vor wenigen Jahren hart umkämpft, scheint nirgendwo ein Problem darzustellen, denn die meisten Haiku-Dichter kommen mit weniger als 17 Silben aus. In manchen Ländern scheint es eine größere Nähe des Haiku zur „normalen" Lyrik zu geben, ganz besonders ist das in Frankreich so. Ob das zu einer Bereicherung oder zu einer Infragestellung des Haiku als eigenständige Literaturform führt, wird sich zeigen müssen. Dass beim Haiku, anders als bei anderen Lyrikarten, Autorenvereinigungen eine so große Rolle spielen, ist interessant, die Wichtigkeit der einzelnen Gesellschaften für die Ausbreitung des Haiku wurde offenkundig. Einzelne Berichte deuten darauf hin, dass in vielen europäischen Ländern das Haiku von den Medien, der Öffentlichkeit, von Vertretern anderer Literaturformen stärker beachtet wird als im deutschsprachigen Raum. Wir sehen den Kongress als eine Bestätigung des breiteren Weges, den das Haiku im deutschsprachigen Raum die letzten Jahre zu gehen versucht. Das Ringen um den Text, gemessen nicht an einer in fremder Kultur gefertigten äußeren Form, sondern in Befragung der inneren Wahrheit eines Textes, seiner Tiefe, seiner Kraft und seiner Relevanz für andere Menschen, ist einfach unverzichtbar – für jeden einzelnen Autoren in seiner Schreibstube und für die Zusammenarbeit der Autoren in Arbeitskreisen, Regionalgruppen oder im Netz. Wir müssen weniger empfindlich werden, wenn unsere Texte bei anderen Menschen nicht den gleichen Nachhall finden wie bei uns selbst, wir müssen an ihnen arbeiten. Es ist wohl besser, eher noch kritischer bei der Aufnahme von Texten in Auswahlen zu werden, vielleicht müssen wir neue Formen der Kritik und Auslese finden. Das Potenzial des Haiku für die Bereicherung jeder europäischen Kultur ist offensichtlich, seine Bildhaftigkeit und sein Gegenwartsbezug mit der Faszination des Augenblicks sind einzig in der europäischen Literatur. Vielleicht kommt langsam die Zeit, sich nicht nur mit den inneren Problemen des Haiku und seiner Dichter-Gemeinschaft zu beschäftigen, sondern ausdrücklich die Stellung des Haiku in der Literatur zu thematisieren, damit nach außen zu gehen, sich offensiver der Auseinandersetzung mit anderen Literaturformen zu stellen. Dichtung findet in der Stille statt, der kreative Prozess verläuft im Verborgenen, in der Abschließung – so war es sehr interessant zu erleben, dass die Zusammenkunft, das Gespräch mit anderen Autoren, das gemeinsame Handeln in der Verbreitung der Dichtung gleichfalls bereichern kann. Selbstverständlich ist das nicht – uns schien aber, dass der Haiku-Kongress mit seinen produktiven Begegnungen für alle Teilnehmer einen enormen Motivationsschub bot.
Nachspiel Der erste Europäische Haiku-Kongress hatte noch ein dichterisches Nachspiel: Dick Pettit aus Dänemark leitete die gemeinsame Arbeit an einem 20-strophigen Renku (nijûi). Viele Teilnehmer des Haiku-Kongresses beteiligten sich daran und brachten ihre Ideen und ihre Dankbarkeit gegenüber der Stadt Bad Nauheim ein. Via email wurden die Renku-Autoren auf dem Laufenden gehalten, konnten das Wachsen des Renku verfolgen, Änderungswünsche vorschlagen und Übersetzungsversuche diskutieren. Das Renku ist in englischer und deutscher Sprache veröffentlicht. Über den Kongress hinaus ist so ein wunderbares Projekt gestartet und vollendet worden, das auch in Zukunft auf eine engere Zusammenarbeit der Haiku-Dichter in Europa hoffen lässt.
Aktuell 14.08.2005 auf www.Haiku-heute.de, erstmals 10.06.2005
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