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Udo Wenzel In Roland Barthes’ 1970 erschienenem Buch „L’empire de signes“ (dt: Das Reich der Zeichen, 1981) über die japanische Welt der Zeichen sind vier Kapitel dem Haiku gewidmet. Das Besondere des japanischen Zeichensystems und auch der Haiku-Dichtung sei, dass sie auf eine Leere verweisen, die dem westlichen sinnfixierten Denken fremd sei: „Der ganze Zen – und der Haiku ist nur dessen literarischer Zweig – erscheint so als ein gewaltiges Verfahren, das dazu bestimmt ist, die Sprache anzuhalten, ... um das unbezwingliche Geplapper der Seele zu leeren, auszutrocknen und in Sprachlosigkeit zu versetzen.“ (S. 102) ... Haiku reproduziert die Zeigegeste des kleinen Kindes, das mit dem Finger auf alles mögliche zeigt ... und nur „das!“ sagt ...“ (S. 115) Liest man diese Zeilen, könnte man schlussfolgern, die Gestaltung eines Haiku sei nicht nur überflüssig, sondern geradezu schädlich. Wichtig für das Haiku sei die Nichtgestaltung, denn jede sprachliche Gestaltung verstelle die Wahrnehmung des Wesentlichen. Nach heutigem Forschungsstand weiß man, dass Roland Barthes irrte, wenn er die lyrische Form des Haiku auf Zen und Satori reduzierte. Ein Haiku ist ein Gedicht. Ein Gedicht ist ein Sprachkunstwerk und als solches immer gestaltet. Eine wesentliche Besonderheit des Haiku ist, dass es ein sehr kurzes Gedicht ist und die Arbeit des Autors oft weniger erkennbar ist, als in längeren lyrischen oder gar in epischen Formen. erster schnee Diesen Text würde jedes weitere Wort zerstören. Er lebt vom Schweigen, von einer Stille und einer Einsamkeit, die erst in diesem wortkargen Stil angemessen erfahrbar wird. Demgegenüber ein Haiku, einen Monat später an erster Stelle der Auswahlliste: der puppenspieler In diesem Text von Eckhard Erxleben knacken, klappern und klicken die Laute wie die Glieder einer Marionette. Auch er ist nach meinem Empfinden optimal gestaltet. Die sprachlichen Mittel sind im rechten Maß eingesetzt. Eine für alle Haiku verbindliche formale Gestaltung gibt es nicht, Bild und Sprache müssen im Zusammenhang gesehen und ins rechte Verhältnis gebracht werden. Für mich ist Haiku schreiben eine asketische Kunst. Unter Askese verstehe ich nicht rigiden Verzicht, sondern die Übung, das richtige Maß zu finden. Diese Anstrengung bleibt vermutlich keinem Autor erspart. Selbst wenn am Ende zur ersten Version zurückgekehrt wird, dann doch im besseren Wissen um den Wert des gefundenen Textes gegenüber den verworfenen Möglichkeiten. Über je mehr Möglichkeiten von Sprache wir verfügen, desto wichtiger wird dieses Abwägen. Wie weit gehe ich in der Gestaltung, wo verzichte ich lieber auf Ausschmückungen, wie schlüssig passen Bild und Sprache zusammen, verstellt meine sprachliche Formung das Bild? Das sind nur einige der Fragen, die an die entstehenden Texte gestellt werden sollten. An diese Fragen mit Leichtigkeit und Unbefangenheit heranzugehen, wirkt nach meiner Erfahrung entscheidend auf die Qualität der Texte. Wie wir bei der Lektüre gelungener Haiku erleben, kann aus der Beschränkung und Begrenzung auf das Wesentliche eine Fülle aufblühen, die uns für einen Moment die Weite des Daseins spüren lässt. Diese Orientierung auf das Wesentliche beinhaltet die Suche nach dem, was Bashô fuga no makoto nannte und was mit poetische Wahrheit übersetzt werden kann. Manchmal geschieht es, dass schon der erste Einfall eine vollendete Gestalt aufweist. Meines Erachtens kann schon die Entscheidung, daran nichts mehr zu ändern, als gestaltende Tätigkeit angesehen werden. Erfahrung und ein sehr gutes Sprachgefühl sind dafür Voraussetzungen. Anmerkung 1: Der japanische Literaturwissenschaftler Haruo Shirane beschreibt in „Traces of Dreams“ die historische Entwicklung der haikai-Dichtung. Sie entstand in Abgrenzung zur klassischen höfischen Literatur mit ihren reichhaltigen Stilisierungen und stellte eine authentischere Wirklichkeitswahrnehmung des Bürgertums dagegen. Sie setzte eine gebildete Leserschaft voraus, die das jeweils Neue (atarashimi) der Verse erkennen konnte und zu schätzen wusste. Jedes haiku hatte also auch immer intertextuelle Bezüge. Eine Lesweise der klassischen Texte, die nur auf ein Nachempfinden abzielt, sollte sich ihrer eigenen Begrenztheit bewusst sein.
Verwendete Literatur Roland Barthes, Das Reich der Zeichen, Frankfurt a.M. 1981. Haruo Shirane, Traces of Dreams. Landscape, Cultural Memory and the Poetry of Bashô, Stanford 1998. Susumu Takiguchi, An Ecumenical View of Haiku, first published in Ginyu No. 5, revised for World Haiku Review, 01-2002.
Aktuell 08.03.2005 auf www.Haiku-heute.de, erstmals 28.03.2004
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