Eingang  I  Aktuelle Ausgabe  I  Archiv  I  Jahrbuch  I  Teilnahme  I  Nachrichten  I  Impressum

 

 

Gerd Börner
Das Rengay

Das Rengay ist ein Kettengedicht, das nach einem festgelegten  Strophenmuster komponiert werden sollte, einem zentralen Thema oder Bild folgt und im erzählenden Zusammenhang stehen kann. Die sechs Strophen sollten im Wesentlichen Haiku (im traditionellen oder freien Format) oder haiku-ähnliche Strophen sein, die, würde man sie auskoppeln, auch für sich allein stehen und wirken könnten. Die Überschrift des Rengay greift meistens ein Wort oder eine Wortkombination aus der Gemeinschaftsdichtung auf.

Der Erfinder dieser Gedichtform ist der Amerikaner Garry Gay. Der Berufsfotograf und Dichter war Mitbegründer der „Haiku Poets of Northern California“ und in den Jahren 1989-1990 ihr erster Präsident. 1991 wurde er zum Präsidenten der Amerikanischen Haiku-Gesellschaft (HSA) gewählt.

Der Name Rengay ist eine Zusammensetzung aus dem ersten Teil der Bezeichnung für das japanische Kettengedicht Renga und dem Familiennamen von Garry Gay, zum Rengay. Gay selbst erkannte sehr früh, dass diese Form der Kettendichtung zum Experimentieren einlud und neue Varianten entstehen lassen musste:

Garry Gays Ursprungsform eines Zwei-Autoren(A&B)-Rengay sah folgenden Wechsel der Strophen vor.

A-3 · B-2 · A-3 · B-3 · A-2 · B-3

Bald entstand das Drei-Autoren(A&B&C)-Rengay:

A-3 · B-2 · C-3 · A-2 · B-3 · C-2

Diese beiden Strukturen kommen dem Basho-Gedanken sehr nahe, dass am Ende der Gemeinschaftsarbeit keiner wirklich führte und keiner nur folgte, das heißt einer nur Drei-Zeiler bzw. nur Zwei-Zeiler schrieb, wie es in der folgender Variante des Drei-Autoren-Rengay festgelegt wäre:

A-3 · B-2 · C-3 · A-3  ·B-2 · C-3

Während selten ein Sechs-Autoren-Rengay geschrieben wurde, erfreute sich sehr bald das Ein-Autoren-Rengay oder solo rengay einer wachsender Beliebtheit.

Das Rengay ist – im Gegensatz zur Renga-Dichtung – nicht als Spiel zwischen den Dichtern, sondern als an ein Thema gebundenes fertiges Kettengedicht (finished poem) gedacht. Es erlaubt an einem Ort, in einer Jahreszeit und innerhalb eines Themas, das ähnliche persönliche Erfahrungen mit dem andern Autor teilt, zu arbeiten. Dabei muss es – im Gegensatz zum Renga – keinerlei Hinweise zur aktuellen Jahreszeit, zum Ort des Entstehens des Rengay bzw. zu den Umständen der Zusammenkunft der Dichter geben.

Die Prinzipien des „link and shift“ aus der Renga-Dichtung sind probate Methoden der Dichter, um auf eine vorangegangene Strophe zu antworten, sind aber im Rahmen eines Rengay kein unabdingbares Kompositionsmittel. Über die Fragen des Anschlusses, der Sprünge und des Drehs zwischen den Strophen sollten sich die Rengay-Partner vorher einigen.

Der Erfinder des Rengay lässt auch den linear erzählenden Anschluss zu, solange dieser Haiku-Qualität hat und einem zentralen Thema oder Bild folgt. Im Gegensatz dazu entwickelte der holländische Haiku-Autor Max Verhart im Jahr 2000 die Variante des „mystery rengay“: Die Teilnehmer beginnen ohne vereinbartes Thema und lassen sich davon überraschen, welches sich im Verlauf der Dichtung herausbildet.

Garry Gay sieht die Priorität dieser amerikanischen Form eines Kettengedichtes nicht in einer anspruchsvolleren Regeltreue, sondern in der Poesie und Kreativität einer Gemeinschaftsarbeit. Allerdings bleibt bei der Kürze eines sechsstrophigen Rengay und der Beteiligung eines Autors mit drei oder sogar nur zwei Strophen nur wenig Zeit und Raum für die Entwicklung einer Dynamik mit einer ganz eigenen Stimmung bzw. Bewegung.

 

Zum Ein-Autoren-Rengay oder solo rengay

Garry Gay selbst hat noch kein solo rengay geschrieben und hat auch zum Zeitpunkt der Taufe das Rengay dieses als Zwei-Autoren-Kettengedicht angelegt. Dennoch ist es völlig legitim, auf diesem Gebiet zu experimentieren.

Es gab Versuche für ein solo rengay, die mit einem „Klassiker“ starteten und dann die Kette vollendeten. Es entstanden Rengay, die so angelegt waren, dass das Thema gegensätzlich oder von zwei verschiedenen Perspektiven aus bearbeitet wurde – das Rengay eines Autors mit zwei inneren Stimmen.

Bei der Komposition eines solo rengay ist es allerdings schwieriger, die Spannung zu erzeugen, die sonst entsteht, wenn ein zweiter Autor die Gedanken des anderen aufnimmt und unvorhersehbar weiter verarbeitet. Der Solo-Autor wird nur selten den Abstand zu sich selber haben, um den „Dreh“ einer unerwarteten Antwort oder den Zugang zu immer neuen Geheimnissen zu finden. Beim solo rengay dürfte in den meisten Fällen der Ausgang des Rengay vorgedacht sein. Bei einem Zwei-Autoren-Rengay bleiben Verlauf bis zu nächsten Strophe und der Ausgang der Gemeinschaftsarbeit bis zum Schluss unbekannt. Die Qualitätskontrolle eines Rengay erfolgt durch die Akzeptanz des Dichter-Partners. Dieser entfällt beim solo rengay.

Auch für das Ein-Autoren-Rengay bietet sich der Name Rengay an. Ketten, die sich an Garry Gays Minimal-Anforderungen (Struktur, Thema, Haiku-Qualität der Strophen) nicht orientieren, sind wohl eher unter der Bezeichnung Sequenz oder Themen-Zyklus einzuordnen.

 

Quellen

Garry Gay Homepage: http://www.brooksbookshaiku.com/ggayweb/rengay.html

Garry Gay: Korrespondenz mit Udo Wenzel

Werner Reichhold: Korrespondenz mit Gerd Börner

Werner Reichhold: A Few More Words About Symbiotic Poetry. Ein Essay für den WHC, 2001

Jane Reichhold: Writing and enjoying Haiku. A Hands-on Guide, Kodansha International, Tokyo, New York, London, 2002

Interne Diskussion der Redaktion von Haiku heute

Joan Zimmerman: http://www.baymoon.com/~ariadne/form/rengay.htm
http://www.baymoon.com/%7Eariadne/form/rengay.htm

Debi Bender: http://www.worldhaikureview.org/2-3/whcshortverses_symbiotic_rengay.shtml

 

 

10.03.2006 auf www.Haiku-heute.de
Alle Rechte bei den Autoren