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Angelika Wienert
In diesem Sommer stöberte ich ausgiebig in meiner Londoner Lieblingsbuchhandlung am Trafalgar Square – zugegeben, neben dem Sortiment verlängerte auch die Kühle in den Geschäftsräumen das Verweilen. Wahrscheinlich habe ich es also einer Klimaanlage zu verdanken, dass mir Hiroaki Satos „Erotic Haiku“ (Neuauflage 2005) dann doch noch begegneten. Die Entdeckung ist ein Taschenbuch (112 Seiten), von Seite 6 bis 107 finden sich die über hundert Haiku in englischer und japanischer Sprache (Übersetzungen des Herausgebers), Illustrationen von Emi Suzuki, die nur auf den ersten Blick die Unbefangenheit, Naivität, ja Plumpheit von Zeichnungen haben, die uns zum Beispiel von Toilettentüren in Schulen bekannt sind. Bei einem zweiten, dritten Blick in das Buch (und alle weiteren Blicke lohnen sich) wird dem Betrachter schnell klar, wie gezielt Text und Bild zusammenwirken, wie gut die einfache Gestaltung den Haiku tut. Der Leser hat Raum für seine Phantasie, den Rückgriff auf die eigene erotische Erfahrungswelt. Pamela Babusci, Janice Bostok, Mark Brooks, Lee Gurga, Jim Kacian, Michael McClintock, Gertrude Morris, Marlene Mountain, Hiroaki Sato, Serge Tomé, Cor van den Heuvel und viele andere mehr sind als Autoren zu nennen. Die noch weit verbreitete Dreizeiligkeit war bei den Haiku kein Auswahlkriterium – es findet sich auch eine Sequenz (zehn Haiku) von Caroline Gourlay. his undoing just three of her buttons Er öffnet nur drei ihrer Knöpfe (Caroline Gourlay, Seite 15) Tage später hatte ich dann am Flughafen erneut Gelegenheit, in diesem Buch zu lesen, da schwere Gewitter über dem Kanal den Abflug erheblich verzögerten. Ich saß mitten unter Rucksacktouristen aus aller Welt, eine Australierin zur Linken wurde rasch zur Mitleserin. „Erotic ...“ war klar, aber was war ein Haiku? Spätestens auf Seite fünfzig schien sie (wenn man von ihren ah, oh, mmmh auf Verständnis schließt) zu wissen, was „Erotic Haiku“ sind. phone call – Telefonanruf – (Micheline Beaudry, Seite 50) Verheiratet sei sie mal gewesen, aber…Die unerfreuliche Geschichte wurde durch eine Lautsprecherdurchsage beendet. Es war noch Zeit für ein Haiku. after nach (Lee Gurga, Seite 70) Schnell wurde das Buch weggepackt, unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht – der Abschied war herzlich. Gemeinsames Haiku-Lesen (wohl besonders erotischer Haiku ...) verbindet. Hiroaki Sato (Hg.): Erotic Haiku. Stone Bridge Press, 2005 (Englisch-Japanisch). ISBN: 4896840208
10.09.2006 auf www.Haiku-heute.de
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