Der Horizont so weit

Rezension von Horst-Oliver Buchholz

Volker Friebel (2019): Das Haiku: Grundwissen – Vertiefungen – der Horizont. Edition Blaue Felder, Tübingen. ISBN 978-3-96039-029-9. 164 Seiten.

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Volker Friebel hat ein Buch vorgelegt, das ein reiches ist, einem Schatz gleich, zusammengetragen in, wie er selbst es im Vorwort erzählt, in vielen Jahren, zunächst gedanklich, dann zu Papier gebracht, und er teilt diesen Schatz mit seinen Lesern. Mit diesem Buch öffnet Friebel einen weiten Horizont, einen großen Raum, den er durchschreitet, durchmisst, die Tiefen auslotet. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, es ist eine Entdeckungsreise. Dafür hat Friebel eine klare Route vorgezeichnet. Das Thema Haiku – und verwandte Formen – wird Schritt für Schritt erkundet, eine klare Ordnung liegt dem zugrunde. Ein lehrreiches Buch ist es, aber nie belehrend. Als grundlegendes Werk verdient es in der Haiku-Literatur einen besonderen Platz. Es kann nur ein Ehrenplatz sein.

Doch der Reihe nach. In dem Buch werden zunächst die wesentlichen Merkmale eines Haiku, wie sie als gesichert beschrieben werden können, in einem Exkurs „Grundwissen“ vorgestellt und erörtert. Auch für erfahrene Autoren ein lohnendes Kapitel, um sich die Grundlagen der Haiku-Dichtung einmal neu zu vergegenwärtigen. Von dort geht die Reise zurück in die Vergangenheit, wenn Friebel die Geschichte des Haiku nachzeichnet, beginnend vor Jahrhunderten in Japan, bevor er sich verwandten Formen wie Haibun, Tan-Renga oder Haiga zuwendet. Hier findet Friebel die richtige Balance von Kürze und Länge, nichts bleibt ungesagt, was gesagt werden muss, nirgends aber wird das Gesagte zum Wortschwall, der den Leser einlullen könnte, es bleibt konkret erfahrbar. Denn wie das Haiku selbst findet Friebel zu einer Sprache, die konkret ist, sachlich beinahe, aber zugleich jedoch auch Raum lässt für eigene Gedanken. Eine anregende lyrische Landschaft breitet sich so vor uns aus, wohl auch eine inspirierende, der Leser durchwandert sie gerne.

Dies ist vielleicht das besondere Wesen dieses Buches, dass es nämlich Ordnung gibt in das vielschichtige Thema Haiku, Orientierung auch, dass es aber nie in dieser ordnenden Struktur verharrt oder gar erstarrt. Vielmehr erleben wir sensitive, beinahe sinnliche Annäherungen und Betrachtungen, denen zwar eine fundierte rationale Sachkenntnis zugrunde liegt, die sich zugleich aber davon lösen und einen poetischen Raum betreten.

Damit ist Volker Friebel ein Kunstgriff gelungen: die glückliche Verbindung fachkundiger Informationen mit der Natur des Lyrischen, die stets über das konkrete Wort hinausweist. Friebel wendet diesen Kunstgriff an, indem er vor allem eins ins Zentrum rückt: nämlich das Haiku selbst, von dem es viele Beispiele vieler Autoren auf den 164 Seiten gibt. Diese Auswahl zeichnet zugleich die Historie des Haiku nach, beginnend finit den alten Meistern wie Matsuo Bashō bis hin zu experimentellen Haiku der Gegenwart.

Friebels Betrachtungen dazu sind von einer besonderen Durchdringung von theoretischer Erklärung und feuilletonistischer Betrachtung, mit denen er Schicht um Schicht des vielschichtigen Sujets freilegt. Besonders deutlich wird dies in dem Buchteil „Ästhetische Momente“. Dort werden in 23 kurzen Kapiteln unterschiedliche Aspekte der Haiku-Dichtung beleuchtet, von Klang und Rhythmus über Nachhall und Gefühl bis hin zur Ästhetik des Wabi-Sabi. Kurz, konkret und poetisch geschieht dies, als sei es Lyrik selbst.

Einzigartig, der Rezensent zumindest las solches noch nie, sind die Schlusskapitel im Buch, zusammengefasst unter der Überschrift „Der Horizont“. Wie ein großer Essay treten sie dem Leser entgegen und betrachten Themen, die nicht allein der Literatur und Lyrik zugrunde liegen, sondern die ins Grundsätzliche weisen wie die Möglichkeiten und Grenzen von Sprache und Kommunikation, von Wahrnehmung und Täuschung, von Sinnlichem und Rationalem. Mit behänder Leichtigkeit bewegt sich Volker Friebel hier zwischen den Welten objektiver Erkenntnis und subjektiver Erfahrung, angereichert mit Gedanken philosophischer Natur. Aus dem Leser wird ein Staunender. Und hier, zum Ende des Buches, bekommt der Schatz noch einmal einen besonderen Glanz.

 

Erstmals erschienen in Sommergras – Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, Nummer 128 (März-Heft 2020), Seite 73-75.

Auf Haiku heute zweitveröffentlicht am Fr. 20.03.2020 mit freundlicher Erlaubnis des Autors.