Buchvorstellung von Volker Friebel
Frank Dietrich (2026): Taumelnder Kreisel. Haiku. epubli, Berlin, gedrucktes Buch, 60 Seiten, 6,99 €
Erhältlich über den Buchhandel.
Das Buch von Dietrich hat DIN-A5-Format und enthält 118 Kurzgedichte in 12 Kapiteln, zwei oder drei auf eine Seite gesetzt, einige in künstlerischer Gestaltung (konkrete Poesie). Das ist eine Auswahl aus über 600 Haiku, die in mehr als zehn Jahren entstanden. Einige Beispiele.
Nachtwind
der Flug des Falters
von Stern zu Stern
blutplasma
unterm mikroskop
die kriege der zukunft
blauer Lidschatten
der Flügelschlag
eines Schmetterlings
60 Seiten scheinen nicht viel – aber mit diesen Versen kann man eine lange Zeit verbringen. Fast durchweg sind sie hoch anspielungsreich und lesen sich immer wieder neu. Die Themen sind vielfältig, meist kreisen sie um das „moderne Ich“. Natur gibt nur die Ruhe, in die die Abgründe der menschlichen Existenz verwoben sind.
ferner Hahnenschrei
ein Riss in der Schale
meines Traums
alles auf die 7
die Welt schrumpft auf die Größe
der Roulettekugel
Enthauptungsvideo
ich öffne den obersten
Hemdknopf
aufwachen will ich taumelnder Kreisel
Diesen Einzeiler halte ich für eines der stärksten Haiku. Es zu verstehen, ist aber davon abhängig, einen bestimmten Film gesehen zu haben (Inception, 2010) und obendrein Kenntnis zu Fragen der virtuellen Realität zu haben. Wie es heißt, leben viele Kurzgedichte der japanischen Klassiker von solchen Anspielungen. Bei uns ist die Kultur unüberschaubar geworden. Mir scheint, dass Autoren deshalb lieber bei den einfachen Dingen und Wörtern bleiben. Doch ich finde es ausgesprochen gut, mindestens hin und wieder ein Risiko für das Verständnis einzugehen und einen solchen Text zu wagen. Das Thema der Wirklichkeit in Film und Haiku ist ein unerschöpfliches. Im Haiku-Jahrbuch 2013 findet sich dazu bereits ein Text von Wolfgang Beutke.
vorm Spiegel
suche den Mond
in meinem Gesicht
Fenster zum Meer
auf meinen Lippen
Walgesänge
Im Vorwort schreibt Dietrich: „Viele Haiku-Dichter berichten davon, bei ihrem ersten Kontakt mit dem Haiku eine gewisse Faszination empfunden zu haben. Das war bei mir nicht anders. Inzwischen ist meine Faszination etwas abgeklungen und ich habe mich anderen Formen und Genres zugewandt.“ Und: „Während mir die meisten Haiku damals noch recht „frisch“ erschienen, ist es mir heute, als habe sich auf vielen von ihnen bereits eine feine Staubschicht gebildet. Daher sollte ich sie veröffentlichen, bevor sie mit der fortschreitenden Entwicklung des deutschsprachigen Haiku irgendwann überholt wirken.“
Ich denke dagegen: Wir Leser werden älter und nehmen deshalb die Dinge im Laufe der Zeit anders wahr. Verse aber altern nicht, wenn sie gut sind. Und die Haiku von Frank Dietrich sind gut. Deshalb hoffe ich, dass er, was immer er macht, immer wieder zum Haiku zurückfindet. Und im Übrigen gilt eine Patina mindestens in der japanischen Ästhetik als Qualitätsmerkmal.