Buchvorstellung von Volker Friebel
Friedrich Winzer (2026): Gedanken hinterm Wind. Haiku und Tanka. BoD, Hamburg, gedrucktes Buch, 107 Seiten, 8,00 €.
Zu beziehen über den Buchhandel.
Vorfreude
auf dem Autodach pfeift
ein Surfbrett
Ein Taschenbuch im DIN-A5-Format mit 400 Haiku, ohne weitere Einteilung je Seite fünf Haiku zentriert untereinander gesetzt, dann 80 Tanka, je Seite vier, alle bereits im Netz veröffentlicht, manche prämiert – ich blättere durch die Sammlung und staune, lese hier und da einen Text. Und beginne das ganze Buch von vorne. Anders als bei der allgemeinen Lyrik haben fast alle deutschsprachigen Foren für Kurzgedichte Redaktionen. Dort eine derart große Anzahl an Texten platzieren zu können, ist auch in den siebzehn Jahren, die Friedrich Winzer schreibend unterwegs ist, eine enorme Leistung. Schreibend unterwegs – im Rollstuhl, und wenn ich seine Angaben richtig deute, bereits als junger Mann. Ich erwähne das, weil seine Texte fast alle ausgesprochen positiv sind, auch bei dunklen Themen, es tut wohl, sie zu lesen.
Fahrscheinautomat
eine Dame verliert
die Contenance
todernst
meißelt der Bildhauer
ein Lächeln
Trauerbrief
Trost im weichen Bild
der Tinte
Sektempfang
ein Glas schwingt hinein
ins Geplänkel
Die Verse zeigen eine gute Beobachtungsgabe und treffende sprachliche Umsetzung. Im Alltäglichen, auch an Schwerem, das Schöne wahrzunehmen, sich daran zu freuen und dies auch anderen Menschen zeigen zu können, ist eine Kunst. Die Sprache der Haiku ist gut verständlich, konzentriert, meist bleiben sie deutlich unter den bekannten siebzehn Silben.
Positiv, freundlich, gut zu verstehen – dabei klug, die Haiku von Winzer zeigen, dass Weisheit nicht nur in dunklen, schwermütigen Versen zu finden sein muss, sondern auch in hellen, leichten, der Welt zugewandten möglich ist. Wortwitz ist da, aber ganz natürlich, unaufdringlich. Fast durchweg ist direkt die Welt des Menschen Thema, Gedichte mit Natur im Zentrum sind selten.
Bahnhofsuhr
zwei Kinder nicken
im Zeigertakt
Endstation
ihr Parfüm fährt mit
ins Depot
Friedrich Winzer zeigt, dass man auch schwere Themen mit einem Lächeln betrachten kann, ohne dabei die Tiefe zu verlieren. Sein Buch ist unbedingt empfehlenswert.