Gesplitterte Zeit – Rezension von Volker Friebel

Horst-Oliver Buchholz (2019): Gesplitterte Zeit. Haiku und Haibun. BoD, Norderstedt, 140 Seiten, PapierBuch 12,90 €, eBuch 4,99 €.

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Auf fast jeder Seite des schön gemachten Buchs von Horst-Oliver Buchholz steht ein Haiku, gelegentlich ein Haibun. Oft seien die Texte auf Reisen entstanden, und so seien das Unterwegssein, das Abschiednehmen und Ankommen immer wiederkehrende Motive, schreibt der Autor. Das klingt privat, aber die offensichtlich fast alle aus persönlichem Erleben gespeisten Texte sind durchaus so gehalten, dass der Leser in ein Allgemeingültiges, Gemeinsames mitgenommen wird.

Frühlingsmorgen …
ich öffne die Tür
für einen Abschied

Gegenwärtigkeit ist immer Thema, nicht nur im Fluss des Reisens, auch in der Erinnerung, in den Gedanken an Kindheit.

zerbrochen
der Becher aus dem ich trank
als Kind

Im Haiku kann die Beobachtung schon genügen. Reflektierende Haiku sind deshalb eher selten, gelten manchen Kritikern gar fast als verdächtig. Buchholz setzt seinen Schwerpunkt klar ins Wahrnehmen, er lässt die Dinge für sich selbst sprechen. Gelegentliche Reflexionen können dabei aber durchaus eine Bereicherung sein.

was blieb vom Tage
ist dies Leuchten
fern dem Horizont

Wenn auch in der Wahrnehmung schon das ganze Haiku enthalten ist, wie in den beiden ersten Zeilen des folgenden Textes, ist es dann nicht manchmal für den Leser mindestens hilfreich auch hinzuschreiben, wo das Haiku hinläuft? Oder sollte dem Leser zugemutet werden, das bloße Haiku in seinem eigenen Erleben zu ergänzen, in diesem Fall also mit Verzicht auf „die Ruhe der Sinne“? Es ist die Entscheidung des Autors.

nach dem Regen
das Rauschen der Rispen
die Ruhe der Sinne

Die Möglichkeiten des Haiku zeigen sich oft im Spiel der Gegensätze, besonders, wenn diese nicht starr nebeneinander stehen, sondern eine Bewegung offen lassen. Eine Orange kann dem Leser zur Sonne werden, der Griff einer Hand um sie wird zur ganzen Zuversicht eines Lebens.

Neujahrsnacht
ihre Hand umschließt
eine Orange