Rezension Wirth 2020

von René Possél

Klaus-Dieter Wirth, Stimmen der Steine (145 Haiku) – Mai 2020 – Allitera Verlag München – 14,90 €.

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Klaus-Dieter Wirth ist (mit seinem Hintergrund als Neuphilologe) in der Szene als Haiku-Schreiber wie als Autor über die Geschichte und Gestalt des Haiku bestens bekannt. Er ist (Gründungs-) Mitglied mehrerer nationaler Haiku-Gesellschaften, Vorstandsmitglied der DHG und publiziert seit 1995 Haiku und andere Artikel im internationalen Bereich. Erst kürzlich ist der zweite Band seines von vielen lange gewünschten, vielfältigen, grundlegenden Werkes über Haiku erschienen: Der Ruf des Hototogisu.

Nun gibt er seinen dritten Band mit eigenen Haiku heraus, die in den Jahren 2008–2010 veröffentlicht wurden. Das Besondere daran:  Sie erscheinen in vier (bzw. fünf) europäischen Sprachen unter dem Titel „Stimmen der Steine“ – Voices of Stones – Voix de pierres – voces de piedras.

Seine stupenden Kenntnisse, die Reisen und jahrzehntelangen Aktivitäten in diversen nationalen Haiku-Gesellschaften bewirken, dass Wirths neues Haiku-Buch im schönsten Sinne des Wortes „ein europäisches Buch“ geworden ist.

Sie machen damit die Assimilationsfähigkeit des Haiku (und Senryû!) in unterschiedliche Sprachen deutlich – und demonstrieren zugleich die Eigenheiten dieser Sprachen und Kulturen auf kleinstem Raum.

Um dem gerecht zu werden, müssten die Haiku eigentlich in den Sprachen gewürdigt werden, in denen sie verfasst sind – und das möglichst von einem „native speaker“. Ich kann, von meinem Hintergrund her, nur versuchen, meinen eigenen Eindruck wiederzugeben, was (neben den deutschen) die Haiku in Französisch und Englisch betrifft.

Spannend ist dabei festzustellen, wie das zunächst in einer Sprache verfasste Haiku seinen springenden Punkt in die Sprach- und Denk-Eigenart der anderen Sprachen überträgt. Das gilt umgekehrt auch für Haiku, die ursprünglich in der ausländischen (d.h. nicht Mutter-) Sprache verfasst wurden.

Um mit der Form zu beginnen: Wirth hat die Haiku durchgängig so präsentiert, dass pro Seite ein Haiku in vier (in einigen Fällen fünf) Sprachen erscheint. Die Haiku stehen in zwei Spalten untereinander, abwechselnd links- und rechtsbündig gesetzt. Das Original-Haiku ist kursiv hervorgehoben.

Gleich das zweite der 145 Gedichte, ein Haiku im Original deutsch, macht deutlich, welche Wortbildungen in der deutschen Sprache, anders als im Englischen, Französischen oder Spanischen, möglich sind, aber schwer bzw. kaum angemessen übertragen werden können in eine andere Sprache.

„Schattententakel“

ist das Wort, mit dem die erste Zeile beginnt. Es fasst mit einem Wort bild- und rätselhaft zusammen, was in den nächsten Zeilen aufgelöst wird, nämlich

„auf der frischen Schneedecke
der alte Ahorn“

Wenige andere Sprachen kennen diese Zusammenziehung zweier Teile, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Die meisten müssen mit einer Genitiv-Konstruktion arbeiten wie die Beispiele zeigen:

„tentacles of shadow“ – tentacules d’ombre – tentáculos de sombra“.

Das ist nicht nur eine harmlose sprachliche Beobachtung. Das Bild, um das es Wirth geht, ist der Eindruck sich schlängelnder Schattenarme. Aber nur das Deutsche kann mit der Länge des Kunstwortes „Schattententakel“ bildlich wie sachlich angemessen die Länge der Tentakel wiedergeben.

Dies mag als Beispiel im Deutschen genügen. Beim Englischen ist mir am Senryu-Beispiel auf S. 60 aufgegangen, wie konkurrenzlos knapp sich wieder in dieser Sprache ausdrücken lässt, was andere Sprachen ähnlich schlackenlos und elegant zugleich nicht ausdrücken können.

fireplace gone
grandfather continues
chopping wood

Wirth kommt es, wie er in seinem Vorwort erklärend betont, auch darauf an, die „missverstandene Unterscheidung“ und in der Folge Vernachlässigung der Eigenheiten von Haiku und Senryû zu überwinden.

Noch kürzer gesagt, als er es tut: Das Senryû fokussiert sich auf den Menschen in der Gesellschaft und lässt die persönliche Einstellung des Autors erkennen. Jahreszeitenwort (kigo) und Einschnitt (kire) wie beim Haiku spielen dagegen keine Rolle in dieser Gedichtform. Ein Beispiel dafür:

Gießkannengespräche
auch die Toten
stets auf dem Laufenden (S)

Unabhängig von der Gedichtform des Senryû gefällt mir hier vor allem die gleichermaßen reale wie transzendente und dazu humorvolle Aussage: Auch die Toten werden posthum ins Gespräch der Menschen einbezogen.

Ein apartes Haiku scheint mir auch das untenstehende. Es ist ursprünglich im Französischen formuliert wie die Kursivschrift ausweist. Es geht aber eigentlich um die Beobachtung eines typisch holländischen Phänomens.

Das Ganze ist nun allerdings gedichtet von einem Deutschen!

Hier mischen sich also die deutsche Muttersprache mit der Beherrschung der französischen Sprache und der Kenntnis von Land und Leuten in Holland.  Eine ungewöhnliche sprachlich-mimetische Leistung:

nuit en Hollande
à perte de vue des serres
illuminées

Diesen Coup bei allen fremdsprachigen Originalen und ihren Übersetzungen ins Deutsche bzw. die anderen Sprachen so überzeugend zu wiederholen, ist nicht einfach und kann nicht immer gelingen.

145 Haiku bzw. Senryû kündigt Klaus-Dieter Wirth in seinem Vorwort an. Das Ganze mal vier genommen für die Übersetzungen in die drei anderen Sprachen plus einige in die fünfte holländische macht fast 600 Gedichte (genau: 590). Der Leser bekommt also mehr als nur ein einfaches Buch mit deutschen Haiku und Senryû geliefert.

Er kann sich tatsächlich auf eine Lektüre freuen, die ihm Natur und Welt in fünf verschiedenen Sprachen und Kulturen Europas mittels der aus dem Japanischen kommenden Haiku und Senryû näherbringt. Es ist also nicht nur ein europäisches, sondern ein internationales Werk der Verständigung!