und Haiku-Besprechung
von René Possél
Du fehlst mir
An den schönsten Tagen
Liebste Migräne
Bernd Kösters
mitten in der Nacht
aufgeweckt – vom
ersten Schneelicht
Gérard Krebs
Seniorenball
stilvoll übertanzt er
die Arthrose
Friedrich Winzer
Lorelei
die raue Stimme
der Touristin
Eleonore Nickolay
Unsere Schatten
auf der Straße als müßten
sie ohne uns zieh’n
Beate Conrad
vermisst
die alten gespräche
beim abwasch
Martin Speier
ganz eingeschneit
das Fahrrad des
Schneepflugfahrers
Bernadette Duncan
Heimfahrt
der Mond führt mich
fort von ihm
Anke Holtz
Herbstspaziergang –
ein alter Mann sammelt den Glanz
der Kastanien
Gabi Buschmann
platter Reifen
so viel Luft
um mein Fahrrad
Adrian Bouter
Im Februar 2020 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 309 Haiku von 72 Autoren ein. René Possél wählte hieraus ohne Kenntnis der Autorennamen 10 Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm gewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
Du fehlst mir
An den schönsten Tagen
Liebste Migräne
Bernd Kösters
Was für ein merkwürdiges Haiku! Wie so oft bedaure ich, dass man es beim ersten Mal nicht hören (statt lesen) kann. Denn allein die Kenntnis der beiden ersten Zeilen führt uns ja (gekonnt!) zunächst zur Erwartung einer Liebes-Idylle:
Der Schreiber / die Schreiberin sagt, dass ihm an den schönsten Tagen des Lebens jemand fehlt, ein „Du“! So weit so gut! Mit der dritten Zeile allerdings wird die übliche Erwartung gleich mehrfach „gebrochen“.
Es ist keine Person, die fehlt, sondern eine Krankheit! Diese Krankheit ist eine, von der man ganz und gar nicht erwarten würde, dass sie jemand vermisst:
Die Migräne. Jeder kann nachlesen, was das für ein unliebsames Leiden ist: Ein schlimmer, wiederkehrender, pulsierender, pochender oder auch stechender Kopfschmerz mit üblen Begleiterscheinungen.
Damit kann die letzte Zeile eigentlich nur ironisch gemeint sein – oder? Dafür sprechen auch die übertreibenden Superlative: die „schönsten Tage“ und die „liebste Migräne“! Die Ironie scheint mir aber noch etwas anderes zu enthalten. Die Migräne wird zu einer Person, einem „Du“, einer nolens volens „Lebensbegleiterin“ erklärt. Und die Gewöhnung an das dauerhafte Leben mit ihr hat die Migräne irgendwie „lieb“, vertraut werden lassen … Reine Ironie? Vielleicht ist hier auch der „Krankheitsgewinn“ gemeint, d.h. die Vorteile, die man selbst aus einem Leben mit der Migräne trotz allem ziehen kann.
Wer weiß? Auf jeden Fall ein merk-würdiges Haiku.
PS: Hat die Statistik Recht, ist es wahrscheinlich eine Frau, die das Haiku geschrieben hat.