und Haiku-Besprechung
von René Possél
Im Sucher
Deine Lippen
auf unendlich
Gerd Romahn
Vaterunser
sie versucht es
immer wieder
Martin Berner
Frühstück zu zweit
Die Wespe nimmt
etwas Kochschinken
Deborah Karl-Brandt
hinter der glaswand
wie sie lacht
meine großmutter
Michaela Kiock
Altweibersommer.
Grüne Tomaten lesen
alte Zeitungen.
Valdis Jansons
unter Quarantäne
der Rugby Trainer schaut
den Wolkenhaufen an
Cezar-Florin Ciobîca
Bohnen fädeln
meine Hände
wie ihre
Eva Limbach
Faltig –
Deine Stirn ist meine
Landkarte.
Anna Vriede
Strand
aus dem großen Schatten
löst sich ein kleiner
Stefanie Bucifal
wieviel weide braucht der wind?
Bernadette Duncan
Im August 2020 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 378 Haiku von 74 Autoren ein. René Possél wählte hieraus ohne Kenntnis der Autorennamen 10 Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm gewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
Im Sucher
Deine Lippen
auf unendlich
Gerd Romahn
Das Haiku bietet auf den ersten Blick die einfache Beschreibung eines technischen Vorgangs beim Fotografieren.
Da möchte jemand den andern fotografieren. Er/sie hält mit dem Sucher auf das Gesicht. Und entweder ist die Kamera vom letzten Foto noch auf „unendlich“ eingestellt oder er/sie stellt das Objektiv manuell auf „unendlich“. (Es ist von einer richtigen Kamera mit Einstellung-möglichkeit von Hand auszugehen; kein Handyfoto!)
Der Effekt bei dieser Einstellung: Das ganz Nahe wird undeutlich – d.h. in dem Fall: die Lippen verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit.
In einer „re-lecture“ kann das Ganze nun in seiner symbolischen Bedeutung gelesen werden. „Der Sucher“ steht für das Suchen, das Sehnen nach Begegnung mit dem andern.
„Deine Lippen“ (als „pars pro toto“ für den ganzen Menschen und gleichzeitig Organ der intimen Berührung) unterstreicht bildhaft: es geht hier um das Suchen und Verlangen nach personaler Liebe.
Die dritte Zeile beschwört eine Quasi-Desillusionierung des/der die Nähe des anderen im Kuss suchenden Liebenden. Das „Objekt der Begierde“ bleibt oder verschwindet im Unendlichen. Das Fotografier-symbol „unendlich“ spielt mit der metaphysischen Konnotation, die das Wort in der Alltagssprache wie in manchen Fachsprachen hat.
Ein gekonntes Haiku – gekonnt in seiner Andeutung von Bedeutung durch die quasi harmlose Beschreibung eines tatsächlichen Vorgangs.
Liest man das Haiku ohne die Bedeutungsmöglichkeit, bleibt es ein-dimensional und banal: Wenn man Nahes fotografisch mit der (falschen) Schärfeeinstellung unendlich betrachtet, wird es folgerichtig undeutlich!
Weniger banal könnte das Fazit der symbolischen Betrachtung lauten: „Doch alle Lust (Liebe?!) will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!“ (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Das Nachtwandler-Lied)