Top-extra September 2022

und Haiku-Besprechung
von René Possél

 

Dürreperiode
das Ufer wächst weit
in den See

Brigitte ten Brink

 

heilfastenwoche
er hat schon abgenommen
der mond

Tobias Tiefensee

 

turmruine
die treppe endet
in den wolken

Tobias Tiefensee

 

Weinlese
mehr Gedanken als Reben
im Korb

Birgit Zeller

 

Zugfahrt beendet
mein Hut
fährt weiter

Christa Beau

 

Windstill
Selbst die Pappeln
Stellen das Zittern ein

Stefanie Wachowitz

 

Sommerabend
im Restlicht das Leuchten
ihrer Augen

Friedrich Winzer

 

Privat –
Park und Schloss betritt
allein der Mond

Angelica Seithe

 

wohnungsauflösung
alte düfte treten aus
den tapeten

Rosemarie Schuldes

 

T-Shirt, XL
die Erinnerung an den Ex
verwaschen

Stefanie Bucifal

 

Im August 2022 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 421 Haiku von 77 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr 10 Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm gewählten Reihenfolge.

Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.

 

Dürreperiode
das Ufer wächst weit
in den See

Brigitte ten Brink

Wir haben den heißesten Sommer seit 1951 hinter uns. Da gab es eine veritable „Dürreperiode“ – mit Ernteausfall, Hitzerekorden, Überschwemmungen, zugleich Wassermangel in Flüssen und Seen usw.

Das erste Wort des Haiku ist also auf dem Hintergrund der Zeitgeschichte ein im Wortsinn „heißes“ Stichwort, das jedem etwas sagt. Wie kann man diese Zeiterscheinung in einem Haiku ansprechen?

Der Haiku-Schreiber/die Schreiberin wählt ein Bild mit den Elementen See und Ufer. Sie definieren einander: Das Ufer begrenzt den See – der See macht ein Stück Erde zum Ufer. Beides ist veränderlich. Steigt der Wasserstand des Sees – drängt er das bisherige Ufer zurück. Sinkt er, geschieht das, was das Haiku hier mit dem Wachsen des Ufers benennt:

Das „In-den-See-wachsen“ ist vom Bild her nachvollziehbar. In Zeiten des Regenmangels scheint es, als dränge das Ufer den See zurück. In Wahrheit zeigt sich mehr Ufer-Erde, weil der See austrocknet. Das eine „wächst“ auf Kosten des anderen – DIE Aussage unsrer Zeit!

„Dürreperiode“ und „die Kosten des Wachstums“ sind die Symptome des Klimawandels – Menschen gemacht und Menschen bedrohend. Die Bilder häufen sich, die Katastrophe rückt immer näher. Das wird im Haiku mit einem Bild und acht Worten kurz und ernst gesagt.

 

Zur Monatsausgabe