Top-Extra August 2025

und Haiku-Besprechung
von René Possél

 

winterknospen
opas gedichtband
weiterführen

Alexander Groth

 

Meine Teeschale
ist heruntergefallen –
zwei schöne Scherben

Torsten Hesse

 

museumslicht –
mein schatten
gerahmt im gemälde

Benno Schmidt

 

Wattwanderung –
im flachen Wasser
Schritte ohne Spur

Hubert Heizmann

 

sommerausflug
ich verliere mich im duft
des antiquariats

Annika Carmen Schmidt

 

Sternenhimmel
der Kleine erklärt seinem Papa
Gott

Marianne Kunz

 

neuer haarschnitt
wie zärtlich der wind
meinen hals berührt

Isabella Kramer

 

regenpause –
ein tropfen zögert
am fensterrand

Benno Schmidt

 

kurz vor morgengrauen
nur wir zwei
in einem schatten

Alexander Groth

 

Jugendherberge
unterm Bett
eine Dose Monster

Christoph Junghölter

 

Im Juli 2025 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 539 Kurzgedichte von 91 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.

Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.

 

winterknospen
opas gedichtband
weiterführen

Alexander Groth

 

Als ich das Haiku las, musste ich das Wort „winterknospen“ zuerst bei Google nachsehen. Ein ungewöhnliches Wort – ein Oxymoron! Wikipedia schreibt dazu: „Von Holzgewächsen, Wasserpflanzen oder manchen Pflanzen gebildete Überwinterungsorgane“.

Ein Phänomen der Natur, das ich überhaupt nicht kannte. Gewächse oder Pflanzen können also „Überwinterungsorgane“ bilden. Ich dachte: Vielleicht brauchen wir bald auch Organe zum Überleben, nicht nur des Winters, sondern … Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang des Opa-Gedichtes dieses Wort vorkam.

Der Schreiber/die Schreiberin lässt einen rätselhaften Satz über zwei Zeilen folgen „opas gedichtband weiterführen“. Von Winterknospen über Großvater und Gedichtband gelangt das Haiku zu einem (nicht erklärten) Entschluss des Autors/der Autorin: Ich will, was Opa im Gedichtband begann, weiterführen.

Hier ist so viel Rätselhaftes, Unbekanntes angedeutet, dass man vielleicht nur versteht, wenn man sich eine eigene Geschichte dazu auszudenkt – meine ich.

Meine geht so: Da ist ein Enkel/eine Enkelin auf den Entwurf für einen Band mit Gedichten des (verstorbenen!) Großvaters gestoßen. In einem steht das nicht alltägliche Wort „winterknospen“.

Vielleicht haben Enkel oder Enkelin (wie ich) erst mal nachschlagen müssen, was dieses Wort bedeutet.

Das Wort, das Gedicht, die Persönlichkeit des Großvaters haben bei dem faszinierten (vermutlich älteren, schon verständigen) Enkelkind ein Staunen und einen Prozess angestoßen. An dessen vorläufigem Ende steht die Idee, Gedichte zu schreiben wie der Großvater es tat und so sein „Werk“ weiterzuführen.

Für mich ist das Haiku Beispiel einer Erfahrung von Faszination, Überwältigung durch eine Person, ein Gedicht, ein Wort. Es erinnert mich an jene berühmte Gedichtzeile von R. M. Rilke in seinem Sonett „Archaischer Torso Apolls“: „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“

Kunst kann berühren, ja verändern … Ich kenne ähnliche, Leben verändernde Faszination durch eine Person oder ein Wort. Ein gutes, höchst komprimiertes Haiku!

 

Zur Monatsausgabe August 2025