und Haiku-Besprechung
von René Possél
winterknospen
opas gedichtband
weiterführen
Alexander Groth
Meine Teeschale
ist heruntergefallen –
zwei schöne Scherben
Torsten Hesse
museumslicht –
mein schatten
gerahmt im gemälde
Benno Schmidt
Wattwanderung –
im flachen Wasser
Schritte ohne Spur
Hubert Heizmann
sommerausflug
ich verliere mich im duft
des antiquariats
Annika Carmen Schmidt
Sternenhimmel
der Kleine erklärt seinem Papa
Gott
Marianne Kunz
neuer haarschnitt
wie zärtlich der wind
meinen hals berührt
Isabella Kramer
regenpause –
ein tropfen zögert
am fensterrand
Benno Schmidt
kurz vor morgengrauen
nur wir zwei
in einem schatten
Alexander Groth
Jugendherberge
unterm Bett
eine Dose Monster
Christoph Junghölter
Im Juli 2025 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 539 Kurzgedichte von 91 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
winterknospen
opas gedichtband
weiterführen
Alexander Groth
Als ich das Haiku las, musste ich das Wort „winterknospen“ zuerst bei Google nachsehen. Ein ungewöhnliches Wort – ein Oxymoron! Wikipedia schreibt dazu: „Von Holzgewächsen, Wasserpflanzen oder manchen Pflanzen gebildete Überwinterungsorgane“.
Ein Phänomen der Natur, das ich überhaupt nicht kannte. Gewächse oder Pflanzen können also „Überwinterungsorgane“ bilden. Ich dachte: Vielleicht brauchen wir bald auch Organe zum Überleben, nicht nur des Winters, sondern … Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang des Opa-Gedichtes dieses Wort vorkam.
Der Schreiber/die Schreiberin lässt einen rätselhaften Satz über zwei Zeilen folgen „opas gedichtband weiterführen“. Von Winterknospen über Großvater und Gedichtband gelangt das Haiku zu einem (nicht erklärten) Entschluss des Autors/der Autorin: Ich will, was Opa im Gedichtband begann, weiterführen.
Hier ist so viel Rätselhaftes, Unbekanntes angedeutet, dass man vielleicht nur versteht, wenn man sich eine eigene Geschichte dazu auszudenkt – meine ich.
Meine geht so: Da ist ein Enkel/eine Enkelin auf den Entwurf für einen Band mit Gedichten des (verstorbenen!) Großvaters gestoßen. In einem steht das nicht alltägliche Wort „winterknospen“.
Vielleicht haben Enkel oder Enkelin (wie ich) erst mal nachschlagen müssen, was dieses Wort bedeutet.
Das Wort, das Gedicht, die Persönlichkeit des Großvaters haben bei dem faszinierten (vermutlich älteren, schon verständigen) Enkelkind ein Staunen und einen Prozess angestoßen. An dessen vorläufigem Ende steht die Idee, Gedichte zu schreiben wie der Großvater es tat und so sein „Werk“ weiterzuführen.
Für mich ist das Haiku Beispiel einer Erfahrung von Faszination, Überwältigung durch eine Person, ein Gedicht, ein Wort. Es erinnert mich an jene berühmte Gedichtzeile von R. M. Rilke in seinem Sonett „Archaischer Torso Apolls“: „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“
Kunst kann berühren, ja verändern … Ich kenne ähnliche, Leben verändernde Faszination durch eine Person oder ein Wort. Ein gutes, höchst komprimiertes Haiku!