und Haiku-Besprechung
von René Possél
Südwind
ein Feuerwehrmann
weint
Birgit Heid
Boote
nach dem Sturm
auf Landgang
Friedrich Winzer
laue Nacht
im Nachbarhaus gähnt
ein Fenster
Wolfgang Hölz
Sie bietet
ihrem Gast eine Schale
Herzlichkeit
Heinrich Brückner
Sommerende …
ich lösche wieder
deine Handynummer
Cezar-Florin Ciobîcă
sommerstadt
der geruch der gehwege
nach dem regen
Annika Carmen Schmidt
Sonnenuntergang
alle Sandburgen
in Flammen
Cezar-Florin Ciobîcă
im tierheim
sie benennt ihn
nach ihrem mann
Alexander Groth
Andacht
die Frau neben mir singt
gotterbärmlich
Friedrich Winzer
nach dem Sturm
der Mähroboter begraben
unter dem Baumstamm
Helga Schulz Blank
Im August 2025 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 594 Kurzgedichte von 93 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
Südwind
ein Feuerwehrmann
weint
Birgit Heid
Manche Haiku setzen „nur“ voraus, dass man als normaler Zeitungleser oder Fernsehzuschauer die Nachrichten verfolgt. Dann kann man, wie hier, aus „nur“ vier Worten erkennen, um welche Katastrophe, welches Drama es geht.
Das Haiku beginnt gekonnt mit einem eher positiv konnotierten Begriff, nämlich „Südwind“. Für sich genommen lässt er denken an Sommer, Urlaub und jenen wärmenden Wind des Südens. Bereits die zweite Zeile zerschlägt dieses Idyll. „ein Feuerwehrmann“ lässt befürchten, dass es um einen Brand geht. In diesem Fall vermutlich um das Brennen von Wäldern und ganzen Gebieten. Die Schreckens-Fantasie des Hörers ist damit geweckt bzw. die Informiertheit des Zeitgenossen.
Wer liest nicht jedes Jahr von verheerenden Waldbränden – in Südeuropa, aber auch Kanada, USA – anderen Ländern?! Wer bewunderte nicht den Einsatz der Feuerwehrmänner, die diese Brände bekämpfen – oft unter Einsatz des eigenen Lebens! Die drei Worte in den zwei Zeilen lassen bereits ahnen, dass es in diesem Haiku um sie geht. Die letzte, dritte Zeile enthält eine Steigerung der Kämpfe und Auswirkungen solcher Brände. Denn der Ausdruck: „ein Feuerwehrmann weint“ macht ein menschliches Drama der Helfer in dieser Naturkatastrophe deutlich.
Der Feuerwehrmann, der einen dieser Großbrände im Sommer löschen hilft, wird Zeuge, wie der (sonst positive und wärmende) Südwind auf einmal zum Brandbeschleuniger des noch anhaltenden, riesigen, lebensgefährlichen Brandes wird. Seine Reaktion darauf ist menschlich und macht das Ausmaß der Katastrophe auf seine Weise deutlich: Der vom Kampf gegen die Flammen zu Tode erschöpfte und am Ende seiner Möglichkeiten stehende Feuerwehrmann „weint“ nur noch …
Dass man eine Katastrophe mit ihren Implikationen von schrecklicher Erfahrung der Natur und Verzweiflung der ankämpfenden Menschen in „nur“ vier Worten vermitteln kann ist für mich das Beeindruckende dieses „Sommer-Haiku“.