Top-Extra Oktober 2025

und Haiku-Besprechung
von René Possél

 

Uralte Eiche
im Arm hält sie
den Kinderdrachen

Roland Wiedenmann

 

Nebel
Boote ankern
im Nichts

Friedrich Winzer

 

an den Beinen
und Armen die Narben
ihrer Seele

Marie-Luise Schulze Frenking

 

Mittagessen
vor dem Schaukelpferd
ein Salatblatt

Wolfgang Hölz

 

fallende Blätter
die Lust
mich zu verlieren

Eva Limbach

 

Flohmarkttisch
ich verkaufe meine Kindheit

Hildegard Dohrendorf

 

helle Nacht am Meer …
sie macht ihre Seele winterfest

Ramona Linke

 

zwischen stille
und stille
ein vogelruf

Benno Schmidt

 

Lebenspläne
die Schrift im Tagebuch
verblasst

Birgit Heid

 

Im September 2025 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 571 Kurzgedichte von 86 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.

Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.

 

Uralte Eiche
im Arm hält sie
den Kinderdrachen

Roland Wiedenmann

 

Ich gestehe, dass ich für den Oktober ein Herbst-Haiku suchte. Dieses passt perfekt. Es enthält einige Requisiten des Herbstes, beginnend mit der „uralten Eiche“. Sie scheint weniger herbstlich als über alle Zeiten hinaus: Ein Baum, der schon immer da war. Das Bild evoziert auch das Alter, das im Herbst gerne Thema ist.

In der zweiten Zeile des Haiku taucht dann eine anthropomorphe Wendung auf: Die alte Eiche hat „Arme“ (= Äste), in denen sie etwas hält. Dadurch wird Spannung aufgebaut. Klar, dass dies keine einfache Baumbeschreibung mehr ist. Die Spannung ist sogar doppelt. Nicht nur die Vermenschlichung des Baumes erzeugt Spannung, sondern auch, was die Eiche in dem ihr menschlich zugeschriebenen Arm hält.

Die Auflösung in der dritten Zeile lässt beim Leser/Hörer vielleicht ein belustigtes, zustimmendes „O ja“ aufsteigen. Der Drachen (auch ein Herbst-Requisit!), den die Kinder im Herbst bei gutem Wind aufsteigen lassen, landet eben manchmal in einem Baum. Wer ihn dort sieht, der versteht den Zusammenhang. Er hat Mitleid mit den Kindern, aber auch Vergnügen, an dieses Kinderspiel erinnert zu werden.

Und noch etwas wird beiläufig erzählt. Der uralte Baum, älter als Menschen je werden, hat etwas Großväterlich/Großmütterlich Bergendes, Tröstendes. Als wollte er sagen: Kind, hier ist dein Drachen. Ich habe ihn für dich aufgehoben.

Das setzt die Vermenschlichung des Baumes, aber auch die Anregung zu einer menschlichen (kindlichen) Geschichte fort. Nicht zuletzt wird das Haiku als „lustiger Vers“ kenntlich.

Wahrlich ein gutes, mehrschichtiges, herbstliches Haiku.

 

Zur Monatsausgabe Oktober 2025