Top-Extra November 2025

und Haiku-Besprechung
von René Possél

 

nach dem Regen
Fußspuren füllen sich
mit Sonne

Friedrich Winzer

 

Dämmerung
Die Katze verliert
Ihre Streifen

Deborah Karl-Brandt

 

erster Frost
die dünne Haut
der Pfützen

Friedrich Winzer

 

Frühchen
ein Häufchen Atem
in ihren Händen

Marianne Kunz

 

Kranichrufe
eine Reisegruppe
wird still

Birgit Heid

 

meine Hände
im Alter die Hände
meines Vaters

Marie-Luise Schulze Frenking

 

Neonstrasse  der farbige Regen

Adrian Bouter

 

trüber Tag
im Futterhäuschen leuchtet
ein Dompfaff

Friedrich Winzer

 

Wunschtraum –
jemand legt ein kleines r
neben meine Wunde

Claudia Dvoracek-Iby

 

ruht abends
mit mir im Sessel
mein Tag

Jutta Petzold

 

Im Oktober 2025 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 591 Kurzgedichte von 90 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.

Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.

 

nach dem Regen
Fußspuren füllen sich
mit Sonne

Friedrich Winzer

 

Herbst – oftmals Wechsel von Regen und Sonne. Dieses Haiku bringt ein Bild, das beides auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet.

Die erste Zeile beschreibt den Ausgangspunkt. Es hat geregnet. Der Autor/die Autorin befindet sich draußen auf einem nicht befestigten Weg. Im Matsch sind die Spuren von Fußgängern.

Der Regen ist gefallen. Die Beschreibung in der zweiten Zeile „Fußspuren füllen sich“ wird aber in der Gegenwart formuliert. Dass sich Fußspuren mit Regenwasser gefüllt haben (Perfekt!), ist gut nachvollziehbar. Was aber heißt es, dass sie sich jetzt (Präsens!) noch einmal füllen?

Die dritte Zeile bringt die schöne Auflösung. Womit die im Schlamm eingedrückten und mit Regenwasser gefüllten Fußspuren nochmal langsam „sich füllen“, ist die nach dem Regen wieder scheinende Sonne. „Sich füllen“ – hier in übertragener Bedeutung für die zunehmende Spiegelung der Sonne in den Pfützen.

Für mich ist das Haiku einfach und kunstvoll zugleich. Die Zeitform der Gegenwart, die übertragene Bedeutung von „sich füllen“ (parallel zum „Regen“ überraschend mit „Sonne“) – das ist gut bemerkt und geschickt komponiert. Ein schlicht-schönes Herbst-Haiku.

 

Zur Monatsausgabe November 2025