und Haiku-Besprechung
von René Possél
nach dem Regen
Fußspuren füllen sich
mit Sonne
Friedrich Winzer
Dämmerung
Die Katze verliert
Ihre Streifen
Deborah Karl-Brandt
erster Frost
die dünne Haut
der Pfützen
Friedrich Winzer
Frühchen
ein Häufchen Atem
in ihren Händen
Marianne Kunz
Kranichrufe
eine Reisegruppe
wird still
Birgit Heid
meine Hände
im Alter die Hände
meines Vaters
Marie-Luise Schulze Frenking
Neonstrasse der farbige Regen
Adrian Bouter
trüber Tag
im Futterhäuschen leuchtet
ein Dompfaff
Friedrich Winzer
Wunschtraum –
jemand legt ein kleines r
neben meine Wunde
Claudia Dvoracek-Iby
ruht abends
mit mir im Sessel
mein Tag
Jutta Petzold
Im Oktober 2025 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 591 Kurzgedichte von 90 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
nach dem Regen
Fußspuren füllen sich
mit Sonne
Friedrich Winzer
Herbst – oftmals Wechsel von Regen und Sonne. Dieses Haiku bringt ein Bild, das beides auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet.
Die erste Zeile beschreibt den Ausgangspunkt. Es hat geregnet. Der Autor/die Autorin befindet sich draußen auf einem nicht befestigten Weg. Im Matsch sind die Spuren von Fußgängern.
Der Regen ist gefallen. Die Beschreibung in der zweiten Zeile „Fußspuren füllen sich“ wird aber in der Gegenwart formuliert. Dass sich Fußspuren mit Regenwasser gefüllt haben (Perfekt!), ist gut nachvollziehbar. Was aber heißt es, dass sie sich jetzt (Präsens!) noch einmal füllen?
Die dritte Zeile bringt die schöne Auflösung. Womit die im Schlamm eingedrückten und mit Regenwasser gefüllten Fußspuren nochmal langsam „sich füllen“, ist die nach dem Regen wieder scheinende Sonne. „Sich füllen“ – hier in übertragener Bedeutung für die zunehmende Spiegelung der Sonne in den Pfützen.
Für mich ist das Haiku einfach und kunstvoll zugleich. Die Zeitform der Gegenwart, die übertragene Bedeutung von „sich füllen“ (parallel zum „Regen“ überraschend mit „Sonne“) – das ist gut bemerkt und geschickt komponiert. Ein schlicht-schönes Herbst-Haiku.