und Haiku-Besprechung
von René Possél
der Wind
bläst Licht
in eine Pappel
Wolfgang Hölz
weiße Leinwand
sie rührt einen Klecks
Sonne an
Birgit Heid
auf alten fotos
du und ich und ein leises
könnte
Alexander Groth
altes Grab
ein Stein
verneigt sich
Wolfgang Hölz
Angelausflug –
vorsichtig zieh‘ ich den Haken
aus meiner Haut
Alexander Groth
in deinem blick
der stern
erloschen
Alexander Groth
sie wird neunzig
wenn sie vom Vater spricht
weint sie
Marie-Luise Schulze Frenking
an der landstraße
ein hölzernes kreuz
umgefahren
Alexander Groth
ein langes leben …
sie feiert
ihren eigensinn
Helga Stania
im Gartenteich
von Blättern bedeckt
ihr Spiegelbild
Frank Sauer
Im November 2025 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 591 Kurzgedichte von 94 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
der Wind
bläst Licht
in eine Pappel
Wolfgang Hölz
Das Haiku gewinnt seinen Reiz, wenn man die Zeilen eine nach der anderen hört – und so die Auflösung bzw. Pointe erst mit dem Hören der letzten Zeile.
Die zwei Zeilen: „Der Wind / bläst Licht“ enthalten zunächst eine unverständliche Aussage. Dass der Wind bläst, ist banal. Dass er aber (in einer synästhetischen Ausdrucksweise) „Licht bläst“ – das ist überraschend und ungewöhnlich.
Die Auflösung in der dritten Zeile „in eine Pappel“ erschließt sich, wenn man die charakteristische Eigenart von Pappelblättern kennt. Die Rückseite von Pappelblättern ist heller, sogar silbrig-weiß bei den Silberpappeln. Man bemerkt sie oft erst dann, wenn man die Unterseite zu sehen bekommt. Das geschieht nun, wenn der Wind hineinbläst und die helle Unterseite erscheinen bzw. aufblitzen lässt.
Der Haiku-Schreiber/die Schreiberin hat diesen Zusammenhang ungewöhnlich ausgedrückt in der Formulierung: „der Wind bläst Licht in eine Pappel“; als sei es eben der Wind, der in die Pappel Licht bringt.
Das ist schon alles bei diesem Haiku. Aber es ist zugleich viel mehr. Am Anfang steht die Wahrnehmung: Der Wind bläst in eine Pappel. Dann folgt die zweite überraschende Beobachtung: die grünen Blätter der Pappel werden hell, wenn der Wind ihre Rückseite hervorkehrt.
Schließlich der „dichte“, dichterische Ausdruck dieses Vorgangs. Dass der Wind „Licht bläst“ ist „poetische Logik“. Sie macht den Reiz und die Poesie des Haiku aus. Das einfache Haiku ist also bewusst und kunstvoll komponiert. Chapeau!