und Haiku-Besprechung
von René Possél
über den luftschutzräumen
fällt schnee
nur schnee
Alexander Groth
groß genug
sagt das Flüchtlingskind
weist auf das Loch im Zaun
Ralf Bröker
die Fünfjährige
klimpert auf dem Klavier
die Zunge spielt mit
Hubert Heizmann
semesterferien
meine mutter beginnt
zu fremdeln
Alexander Groth
feuerwerk
der große wagen
voller blumen
Cezar-Florin Ciobîcă
im Regal
die Hörgeräte
fiepen
Marie-Luise Schulze Frenking
Luftblasen im Eis
die Versprechungen
des letzten Jahres
Gabriele Schettler
Neujahrstag
ich drehe die Tischdecke
nochmal um
Gabriele Hartmann
raureif
die vogelscheuche
plötzlich alt
Cezar-Florin Ciobîcă
Zwischen den Jahren
Wollen wir sprechen?
Eleonore Nickolay
Im Dezember 2025 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 493 Kurzgedichte von 70 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
über den luftschutzräumen
fällt schnee
nur schnee
Alexander Groth
80 Jahre nach dem Krieg in Europa haben wir uns wieder an Kriege gewöhnt; Ukraine, Gaza, Sudan, neuerdings Venezuela?! Die sich aus eigenem Erleben an den 2. Weltkrieg erinnern, werden älter und weniger. Wer das Haiku schrieb, hat noch was vom Krieg mitgekriegt (bei uns/anderswo) oder ein Gespür dafür …
Das Hauptwort der ersten Zeile ist ein Begriff aus der Zeit des Krieges: „Luftschutzräume“ waren baulich verstärkte Räume, oft im Keller von Gebäuden und sollten bei Luftangriffen Schutz vor Bomben, Splittern und Trümmern bieten. Sie stammen in der Regel aus dem 2. Weltkrieg. Wenn sie heute noch erhalten oder gar gebaut werden, dann als Schutz bei Katastrophen – welche auch immer man damit im Auge hat.
Nach der Ouvertüre, die also an Krieg erinnert, ist die zweite Zeile harmlos, geradezu friedlich: Es „fällt Schnee“. Was könnte natürlicher, friedlicher sein als winterlicher Schneefall?! Er ist gewissermaßen ein Kontrast zum Kriegs-Stichwort „Luftschutzbunker“ in der ersten Zeile.
Die dritte Zeile bringt, mit der Wiederholung der zweiten Zeile und der Änderung eines Wortes die Wende: darin steckt die Erinnerung an die Schrecken der Luftkriege: „nur Schnee“. Zu ergänzen wäre da die erste Zeile „über den Luftschutzräumen (fällt) nur Schnee“.
Jemand erinnert sich heute, bei dem Schneefall über Luftschutzräumen, an „den Fall“ tödlicher Bomben damals. Und stellt mit Erleichterung fest, dass es „nur Schnee“ ist, der hier fällt. Darin blitzt mit einem Male eine der schrecklichsten Situationen des Kriegs für die Zivilbevölkerung auf. Sie mag denen noch in Erinnerung sein, die den Bombenkrieg erlebten.
Ist das übertrieben? Oder können wir einfach nicht nachempfinden, wie nachhaltig durch den Luftkrieg damals (heute in der Ukraine/anderswo) Menschen tief in der Seele von Schrecken und Angst gepackt waren/sind? Ist das Gedicht womöglich sogar die Erfahrung eines aktuellen Krieges?
Das Haiku drückt, ohne Erwähnung des Wortes, Sehnsucht nach Frieden aus. Es ist sicher für die meisten von uns der Wunsch zu Beginn des neuen Jahres!