Top-Extra Februar 2026

und Haiku-Besprechung
von René Possél

 

beerdigung
die leichtigkeit
des sarges

Alexander Groth

 

Der Spiegel
in den ich sehe – fängt an
Fragen zu stellen

Gudrun Egner

 

neuschnee
wir sind nicht
die ersten

Eva Limbach

 

Spaziergang
unter unseren Worten
knirscht der Schnee

Gabriele Schettler

 

küstenpfad
mein blick treibt auf wolken
ins blau

Tobias Krissel

 

nach unruhiger Nacht
ich fädle mich ein
in den Tag

Hubert Heizmann

 

Neujahrstag
sie schimpft
mit dem Grabstein

Birgit Heid

 

so viele Bilder
mir fehlen
die Worte

Hubert Heizmann

 

weiß in weiß der reiher nur er selbst

Helga Stania

 

Subtrahieren
neu lernen
vor Grabsteinen

Gudrun Egner

 

Im Januar 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 553 Kurzgedichte von 87 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.

Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.

 

beerdigung
die leichtigkeit
des sarges

Alexander Groth

 

Das erste Wort der ersten Zeile des Haiku signalisiert eine Situation, die der Inbegriff einer schweren Lebenserfahrung ist: „beerdigung“. Das (einzige) Wort der zweiten Zeile steht dazu in einem unmittelbaren und zunächst unverständlichen Gegensatz: „die leichtigkeit“.

Die dritte Zeile enthält den Schlüssel für die beiden ersten: „des sarges“. Sie gibt zugleich das Rätsel auf, was „die Leichtigkeit des Sarges“ meint.

Ist es die Größe (Kleinheit) oder das Material? Lässt sich die Leichtigkeit vermuten aufgrund von Gewicht des Sarges oder von der Person oder Geschichte dessen, der im Sarg liegt?

Die Auflösung und damit die ungewöhnliche Pointe des Haiku bleibt der eigenen Vorstellung überlassen. „Leicht“ an Gewicht könnte der Sarg sein, wenn ein kleines Kind oder ein magerer Greis/eine Greisin darin liegt …

Im ersten Fall bekommt „die Leichtigkeit des Sarges“ eine bittere und tod-traurige Bedeutung: Der Sarg ist leicht, weil ein Kind darin liegt, das gestorben ist. Doch ist dies überhaupt nicht „leicht“, im Gegenteil: Es ist menschlich mit „das Schwerste“, was man sich vorstellen kann.

Im Fall, dass darin ein alter, abgemagerter Mensch (Frau/Mann) liegt, bekommt „die Leichtigkeit“ mehr eine tragische Bedeutung: Sie deutet etwas an vom (vielleicht langen) Sterbeprozess eines Menschen, der ihn bis zum Sterben hat abmagern und vom Gewicht her leicht werden lassen.

Das Haiku gibt Stoff zum Nachdenken. Es behandelt ein „schweres Thema“. Von da bekommt das verwendete Wort „Leichtigkeit“ besondere Bedeutung. Steckt darin Bitterkeit, Ironie, Tragik oder nur Ausdruck von Nüchternheit?!

Dass dies alles mit sparsamsten (fünf!) Worten im Haiku vermittelt wird – darin liegt die Kunst des kleinen Gedichtes.

 

Zur Monatsausgabe Februar 2026