und Haiku-Besprechung
von René Possél
beerdigung
die leichtigkeit
des sarges
Alexander Groth
Der Spiegel
in den ich sehe – fängt an
Fragen zu stellen
Gudrun Egner
neuschnee
wir sind nicht
die ersten
Eva Limbach
Spaziergang
unter unseren Worten
knirscht der Schnee
Gabriele Schettler
küstenpfad
mein blick treibt auf wolken
ins blau
Tobias Krissel
nach unruhiger Nacht
ich fädle mich ein
in den Tag
Hubert Heizmann
Neujahrstag
sie schimpft
mit dem Grabstein
Birgit Heid
so viele Bilder
mir fehlen
die Worte
Hubert Heizmann
weiß in weiß der reiher nur er selbst
Helga Stania
Subtrahieren
neu lernen
vor Grabsteinen
Gudrun Egner
Im Januar 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 553 Kurzgedichte von 87 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
beerdigung
die leichtigkeit
des sarges
Alexander Groth
Das erste Wort der ersten Zeile des Haiku signalisiert eine Situation, die der Inbegriff einer schweren Lebenserfahrung ist: „beerdigung“. Das (einzige) Wort der zweiten Zeile steht dazu in einem unmittelbaren und zunächst unverständlichen Gegensatz: „die leichtigkeit“.
Die dritte Zeile enthält den Schlüssel für die beiden ersten: „des sarges“. Sie gibt zugleich das Rätsel auf, was „die Leichtigkeit des Sarges“ meint.
Ist es die Größe (Kleinheit) oder das Material? Lässt sich die Leichtigkeit vermuten aufgrund von Gewicht des Sarges oder von der Person oder Geschichte dessen, der im Sarg liegt?
Die Auflösung und damit die ungewöhnliche Pointe des Haiku bleibt der eigenen Vorstellung überlassen. „Leicht“ an Gewicht könnte der Sarg sein, wenn ein kleines Kind oder ein magerer Greis/eine Greisin darin liegt …
Im ersten Fall bekommt „die Leichtigkeit des Sarges“ eine bittere und tod-traurige Bedeutung: Der Sarg ist leicht, weil ein Kind darin liegt, das gestorben ist. Doch ist dies überhaupt nicht „leicht“, im Gegenteil: Es ist menschlich mit „das Schwerste“, was man sich vorstellen kann.
Im Fall, dass darin ein alter, abgemagerter Mensch (Frau/Mann) liegt, bekommt „die Leichtigkeit“ mehr eine tragische Bedeutung: Sie deutet etwas an vom (vielleicht langen) Sterbeprozess eines Menschen, der ihn bis zum Sterben hat abmagern und vom Gewicht her leicht werden lassen.
Das Haiku gibt Stoff zum Nachdenken. Es behandelt ein „schweres Thema“. Von da bekommt das verwendete Wort „Leichtigkeit“ besondere Bedeutung. Steckt darin Bitterkeit, Ironie, Tragik oder nur Ausdruck von Nüchternheit?!
Dass dies alles mit sparsamsten (fünf!) Worten im Haiku vermittelt wird – darin liegt die Kunst des kleinen Gedichtes.