Top-Extra März 2026

und Haiku-Besprechung
von René Possél

 

kurz geweint
nach der trauerfeier
nur für mich

Alexander Groth

 

So viele Punkte
auf den Fliesen in der
Notaufnahme

Taiki Haijin

 

blinde Nachbarin
ihre Hände
finden mich

Ilse Jacobson

 

Räumung
auch im Puppenhaus
nichts mehr

Eleonore Nickolay

 

so laut
der augenblick
bevor sie auflegt

Popović Tihomir

 

greiser Dichter
die Wörter gehorchen
nicht mehr

Martin Berner

 

Kinobesuch –
im Abspann ein Schnarcher.

Georg C. Sindermann

 

Der Weg im Wald
kein Geräusch
ich höre mich

Heino von Grudzinski

 

in der Regentonne
badet
eine Wolke

Wolfgang Hölz

 

Urlaub –
ihr Kuss
schmeckt nach Meer …

Daniel Behrens

 

Im Februar 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 405 Kurzgedichte von 66 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.

Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.

 

kurz geweint
nach der trauerfeier
nur für mich

Alexander Groth

Wer kennt sich schon selber genau? Vielleicht ist das die Aussage dieses Haiku, das mir eher ein Senryu scheint. Denn es geht hier nicht um Natur, sondern um Innenleben und Selbstbeobachtung. Aber es lässt (wie ein Haiku) Raum zum Ausfüllen und Weiterdenken mit eigenen Assoziationen und Erinnerungen …

Da konstatiert einer/eine, dass er/sie „kurz geweint“ hat. Die zweite Zeile liefert eine gewisse Erklärung: „nach der trauerfeier“. Aber die Zeilen provozieren auch Fragen: Warum „kurz“ geweint? Ist die Trauer um den verstorbenen Menschen nicht so groß, ist die Erschütterung nicht allzu tief? Warum erst „nach“ der Trauerfeier?

Die dritte Zeile schließlich mag das „einsame Weinen“ erklären. Da will einer/eine nicht weinen in der Öffentlichkeit der Trauer-Gesellschaft. Warum? Es scheint mir eine private, vielleicht gar gegen den eigenen Willen aufsteigende Trauer, die auf gewisse Ambivalenz hindeutet. Der-/diejenige will sie für sich behalten.

Das ist alles, was wir aus dem Haiku lesen können. Gründe und Erklärungen werden nicht geboten. Und ich will keine Spekulationen anstellen. Vielleicht ist maßgeblich, dass wir uns selber nicht genau kennen und die eigenen Gefühle uns bei Gelegenheit noch überraschen, überrumpeln. Wer weiß?

 

Zur Monatsausgabe März 2026