und Haiku-Besprechung
von René Possél
nach der OP
sie zählt die Schritte
bis zu den Veilchen
Angelika Holweger
ein Reiher
sammelt die Geduld der Zeit
Ufernebel
Angelica Seithe
im gedichtband
nicht mehr allein –
bleistiftspuren
Tim Scharnweber
kleine Schritte
ein Freund, der seine
Frau verlor
Birgit Heid
Kur am Meer
auch der Schmerz
kommt in Wellen
Eleonore Nickolay
Mohnblüten – von Stille bewegt
Angela Schmitt
über der wiese
ein kondensstreifen
teilt die stille
Benno Schmidt
wieder daheim ein neues schweigen
Alexander Groth
er gießt
ihre blumen –
friedhof
Tim Scharnweber
Sie hängt es sich noch einmal um
das Lebkuchenherz
hart geworden
Marianne Kunz
Im März 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 557 Kurzgedichte von 81 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
nach der OP
sie zählt die Schritte
bis zu den Veilchen
Angelika Holweger
An diesem Haiku wird die Eigenart des Kurzgedichtes sehr schön deutlich. Es enthält drei Stichworte. Sie lösen jeweils bestimmte Assoziationen aus bzw. haben einen Bedeutungs-Hintergrund, der aufgerufen wird. Das Haiku lebt vom Hallraum, den die Worte und das setting im Geist des Lesers bilden.
Die Stichworte heißen „OP“ – „Schritte zählen“ – „Veilchen“. Die erste Zeile setzt den Ton. Die Worte „OP“ (selber eine Abkürzung für „Operation“) und „nach“ wecken die Vorstellung eines gerade überstandenen medizinischen Eingriffs. Also eine schwierige, vielleicht gar lebensbedrohliche, Situation.
Die zweite Zeile verrät zunächst, dass es hier um eine Frau geht. Was diese Information bedeutet, ist noch unklar bzw. offen. Dass die Frau ihre Schritte zählt, ist ein Hinweis auf die Phase der Rekonvaleszenz. „Schritte zählen“ ist ein probates Mittel, um die nötige Bewegung zu messen und zu kontrollieren. Bewegung ist eine wichtige Funktion zur Wiedererlangung der Gesundheit.
Das dritte Stichwort schließlich bringt Außenwelt und „Farbe“, sogar Deutung in das Haiku. Veilchen mit ihrer violetten Farbe sind Frühlingsboten der Natur. Die Verbindung von Veilchen mit Demut, Bescheidenheit kann Hinweis sein, dass die Kranke ihre Situation annimmt und „demütig die nötigen Schritte tut“. Wer will, kann in der violetten Färbung auch ein christliches Symbol aus dem Mittelalter für den leidenden (und auferstandenen) Jesus Christus sehen.
Dass eine Frau nach einem (längeren?) Krankenhausaufenthalt nach draußen, in die Natur möchte, ist menschlich nachvollziehbar; besonders dann, wenn es offenbar Frühling ist. Und mit Frühling assoziiert man das Wiedererwachen der Kräfte, den Neubeginn in der Natur bzw. neue Hoffnung für das Leben. Das Haiku scheint mir so Bild für eine Art Rückkehr in das Leben zu sein. Dabei mischen sich medizinische Maßnahmen (Schritte zählen) mit einem Naturphänomen (Frühling) und individuellen Vorlieben (Veilchen sehen).
Das Kurzgedicht spricht, auf seine Weise, von Leid, Leben und Hoffnung.