Top-Extra Mai 2026

und Haiku-Besprechung
von René Possél

 

Pflaumenblüte
die Schatten verlassen
das Tal

Hubert Heizmann

 

auf dem flohmarkt
so viele stücke
leben

Alexander Groth

 

kurz vorm gewitter
werfen die getreidefelder
wieder mit krähen

Alexander Groth

 

so windstill
dass ich den weißen Schlehdorn
schweigen höre

Angelica Seithe

 

die melone
gekauft.
der farbe wegen.

Thomas Steiner

 

ferienbeginn
die schnittmuster
des frühlingshimmels

Alexander Groth

 

Frühlingssonne
sie entfalten sich
die Nachbarn

Birgit Heid

 

kleiner zeiger
das kind sagt die sonnenuhr
steht auf freizeit

Annika Carmen Schmidt

 

samstag
gehört papa
dem rasenmäher

Tim Scharnweber

 

winkend
läuft er auf mich zu –
und auch vorbei

Sandra Hilbert

 

Im April 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 574 Kurzgedichte von 85 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.

Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.

 

Pflaumenblüte
die Schatten verlassen
das Tal

Hubert Heizmann

 

Was beim Lesen und Wahrnehmen dieses Haiku zum „Frühling“ zunächst auffällt: Da stimmt etwas nicht! Natürlich „verlassen“ die Schatten nicht das Tal, wenn die Pflaumenbäume blühen.

Aber was suggeriert das „ungewöhnliche Bild“ dennoch oder gerade deswegen? Was passiert, wenn in einem Tal irgendwann im April die Pflaumenblüte beginnt?  Sie verändert das Landschaftsbild.

Die weißen bis rosa Blüten knipsen in dem (von Bergen oder Hügeln umgebenen) Tal gewissermaßen das Licht an. Es wird hell, wo vorher das Dunkel oder Grau des Winters war. Vielleicht verdecken die Blüten sogar, wenn die Sonne scheint, die Schatten – jedenfalls lassen die Pflaumenbäume in weißer Blüte die Schatten vergessen …

Man kann den Frühling und die (Pflaumen-) Blüte sicher auf verschiedene Weise beschreiben. Dies Phänomen, das das Ende des Winters signalisiert, kann in seiner Wirkung auf Landschaft und Menschen nicht wunderbar genug dargestellt werden.

Und so verstehe ich dieses Bild – das eigentlich nicht ganz stimmt. Es stimmt nämlich dennoch quasi gefühlsmäßig. Es passiert etwas, das den Haiku-Schreiber / die -Schreiberin zu dem Bild greifen lässt. Es ist ein Bild, das über Landschaftsbeschreibung weit hinaus geht.

„die Schatten verlassen das Tal“ – der Vorgang der Pflaumenblüte, der in seiner hellmachenden Wirkung im Wortsinn „natürlich“ ist, wird durch diese Formulierung nahezu „menschlich“ dargestellt. Denn damit ist die Auswirkung auf den Menschen hervorgehoben.

Es ist ein Bild der Hoffnung: Das Dunkle muss weichen, die Zeit der Finsternis wird enden – und das nicht nur landschaftlich oder jahreszeitlich, sondern existentiell, im Leben der Menschen, die dieses „Natur-Wunder“ erleben. Ein feines Haiku zum Frühling.

 

Zur Monatsausgabe Mai 2026