und Haiku-Besprechung
von René Possél
ihr einziges
lächeln
auf dem familienfoto
Alexander Groth
Geburtstagsfeier
auf Mutters Porzellan
welken die Rosen
Ruth Karoline Mieger
Testament
ein letztes Schreiben
mit Tinte
Heiner Brückner
letzter fahrgast
leise seufzt die
pneumatiktür
Tim Scharnweber
Schulkonzert
das Schweigen der Eltern
vor dem ersten Ton
Ruth Karoline Mieger
ruhiger See
meine Gedanken
ditschen
Friedrich Winzer
Nach der Scheidung
im Werkzeugkasten fehlt
der Zollstock
Taiki Haijin
sein Parfümduft
er ist geblieben
als er ging
Christa Beau
am Brunnen
der Obdachlose meidet
den Bettler
Pitt Büerken
Familienfest
lebhafte Gespräche
in der Küche
Sylvia Hartmann
Im Mai 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 605 Kurzgedichte von 88 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
ihr einziges
lächeln
auf dem familienfoto
Alexander Groth
Ein einfaches und unspektakuläres Haiku. Es bietet dennoch Raum für Phantasie und Vorstellungsvermögen. Das Schlüsselwort des Haiku ist das letzte Wort der letzten Zeile „familienfoto“.
Da betrachtet einer/eine in einem Album mit alten Fotos ein sogenanntes „Familienfoto“ Schon das weckt vermutlich bei den meisten einschlägige Assoziationen. Wer sieht nicht mit Lust und Schaudern die alten Fotos an, auf denen man selbst als Kind oder Heranwachsender, aber auch die Familie mit ihren Mitgliedern (Eltern, Geschwister, Verwandte) „verewigt“ ist.
Manche erinnern sich auch an das „setting“: Man musste sich aufstellen und möglichst lächeln, wenn der Fotograf (Vater?) es kommandierte.
HIer fällt dem Betrachter/der Betrachterin bei einer Person etwas auf. „ihr einziges lächeln“. Wer diese „sie“ ist, ob Mutter, Großmutter oder Schwester, wird nicht gesagt. (Ich vermute mal: die Mutter. Wir suchen oft in alten Fotos nach einem Verstehen der Eltern und Vergangenheit…)
Das Lächeln dieser Person muss etwas Besonderes gewesen sein. Es ist das einzige Wort der zweiten Zeile, steht also im Mittelpunkt. Das Lächeln wird aber auch in Bezug gesetzt zu anderen Bildern. Mit dem Adjektiv „einzig(es)“ wird eine Beobachtung festgehalten. Offenbar hat sie (Mutter, Großmutter, Schwester) wenig gelächelt …
War es, weil sie „wenig zu lachen“ hatte oder weil sie eher ernst war? Nur ein einziges Mal zu lächeln auf den vielen Fotos der Familie – in dieser Beobachtung steckt Melancholie oder die Tragik einer Familie oder auch nur eines bestimmten Familienmitgliedes …
Aber dies alles ist uns verborgen. Es bleibt rätselhaft und komplex – wie Familien eben so sind. Und es bleibt virulent und geht uns nah. Wie gesagt: Ein eher unspektakuläres Haiku, das es aber in sich hat…