Top-Extra Juni 2026

und Haiku-Besprechung
von René Possél

 

ihr einziges
lächeln
auf dem familienfoto

Alexander Groth

 

Geburtstagsfeier
auf Mutters Porzellan
welken die Rosen

Ruth Karoline Mieger

 

Testament
ein letztes Schreiben
mit Tinte

Heiner Brückner

 

letzter fahrgast
leise seufzt die
pneumatiktür

Tim Scharnweber

 

Schulkonzert
das Schweigen der Eltern
vor dem ersten Ton

Ruth Karoline Mieger

 

ruhiger See
meine Gedanken
ditschen

Friedrich Winzer

 

Nach der Scheidung
im Werkzeugkasten fehlt
der Zollstock

Taiki Haijin

 

sein Parfümduft
er ist geblieben
als er ging

Christa Beau

 

am Brunnen
der Obdachlose meidet
den Bettler

Pitt Büerken

 

Familienfest
lebhafte Gespräche
in der Küche

Sylvia Hartmann

 

Im Mai 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 605 Kurzgedichte von 88 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.

Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.

 

ihr einziges
lächeln
auf dem familienfoto

Alexander Groth

Ein einfaches und unspektakuläres Haiku. Es bietet dennoch Raum für Phantasie und Vorstellungsvermögen. Das Schlüsselwort des Haiku ist das letzte Wort der letzten Zeile „familienfoto“.

Da betrachtet einer/eine in einem Album mit alten Fotos ein sogenanntes „Familienfoto“ Schon das weckt vermutlich bei den meisten einschlägige Assoziationen. Wer sieht nicht mit Lust und Schaudern die alten Fotos an, auf denen man selbst als Kind oder Heranwachsender, aber auch die Familie mit ihren Mitgliedern (Eltern, Geschwister, Verwandte) „verewigt“ ist.

Manche erinnern sich auch an das „setting“: Man musste sich aufstellen und möglichst lächeln, wenn der Fotograf (Vater?) es kommandierte.

HIer fällt dem Betrachter/der Betrachterin bei einer Person etwas auf. „ihr einziges lächeln“. Wer diese „sie“ ist, ob Mutter, Großmutter oder Schwester, wird nicht gesagt. (Ich vermute mal: die Mutter. Wir suchen oft in alten Fotos nach einem Verstehen der Eltern und Vergangenheit…)

Das Lächeln dieser Person muss etwas Besonderes gewesen sein. Es ist das einzige Wort der zweiten Zeile, steht also im Mittelpunkt. Das Lächeln wird aber auch in Bezug gesetzt zu anderen Bildern. Mit dem Adjektiv „einzig(es)“ wird eine Beobachtung festgehalten. Offenbar hat sie (Mutter, Großmutter, Schwester) wenig gelächelt …

War es, weil sie „wenig zu lachen“ hatte oder weil sie eher ernst war? Nur ein einziges Mal zu lächeln auf den vielen Fotos der Familie – in dieser Beobachtung steckt Melancholie oder die Tragik einer Familie oder auch nur eines bestimmten Familienmitgliedes …

Aber dies alles ist uns verborgen. Es bleibt rätselhaft und komplex – wie Familien eben so sind. Und es bleibt virulent und geht uns nah. Wie gesagt: Ein eher unspektakuläres Haiku, das es aber in sich hat…

 

Zur Monatsausgabe Juni 2026