und Haiku-Besprechung
von René Possél
sein schönes Lächeln
beim Lesen
meiner Haiku
Anke Holtz
Kindergartenkinder
beim Frühstück im Altersheim
alle kleckern
Helga Schulz Blank
reife Kirschen …
noch immer fehlt der Leiter
die eine Sprosse
Ramona Linke
in deinem haar
letzte kirschblüten
und erstes grau
Alexander Groth
Therapie –
auf beiden Sesseln
die Schweißränder
Jörg Rakowski
am stadtrand
die sonne
in den fensterscherben
Alexander Groth
juli abend
krähen signieren
das abgeerntete feld
Isabella Kramer
mit großer geduld
erklärt sie die welt
ihrem hund
Tim Scharnweber
Ferien
der Pendlerzug
erleichtert
Friedrich Winzer
Ein Tag im Mai –
das Krankenbett leer und
die Stille hörbar.
Helga Maria Gorfer
Im Juni 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 644 Kurzgedichte von 100 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
sein schönes Lächeln
beim Lesen
meiner Haiku
Anke Holtz
Ein ansprechendes Haiku! Es handelt vom Haiku-schreiben und Haiku-lesen, von der Kreativität des Schreibens von Haiku und der Freude am Teilen eines geschriebenen Haiku; es geht um Vertrautheit, Liebe und schweigendes Lob.
Das Haiku beginnt mit der Beobachtung des Lächelns auf dem Gesicht eines Mannes: Nicht gesagt wird, ob (Ehe-) Partner, Freund oder Familienmitglied. Es muss ein naher Mensch sein, denn das ist eine Lebenssituation, in der ein Mensch den andern beim Lesen beobachtet. Das ist ein Moment der Intimität. Damit spricht vieles für einen Partner. Die dritte Zeile bringt die Auflösung, was der Mann, der da liest und lächelt, tatsächlich gelesen hat: Meine Haiku!
Dieses „meine“ weist darauf hin, dass die Haiku-Schreiberin (naheliegende Vermutung!) dem Mann ihre Haiku zum Lesen gegeben hat – und nun mit der aufgeregten Erwartung der Autorin auf ihn schaut …
Sie wartet auf seine Reaktion, d.h. sie beobachtet sein Gesicht und was sich dort abzeichnet. Das quasi „happy end“ wird im „happy beginning“ vorweggenommen: Am Anfang steht das Lächeln; es ist „sein schönes Lächeln“.
Da kennt eine ihren Partner mit seinen verschiedenen Weisen zu reagieren. Und sie kennt und schätzt sein besonders „schönes Lächeln“. Genau das ist seine Reaktion (und ihr „Lohn“) auf sein Lesen, auf das Vertrauen, das sie ihm mit der Bitte um das Lesen ihrer Haiku geschenkt hat.
Mir scheint das Haiku eine Liebeserklärung. Das, was hier geschieht, setzt bewährtes Vertrauen voraus, wenn nicht Liebe. Die Beziehung zwischen den beiden kommt ohne Worte aus. Er lächelt auf seine ihr vertraute Weise, sie kennt und schätzt dies Lächeln und weiß, dass er ihre Haiku gut findet. Was will Frau mehr?! Es darf gelächelt werden.