und Haiku-Besprechung
von René Possél
für den kleinen
eine lüge
zur nacht
Alexander Groth
Kindersoldaten –
spielen
fangen
Uwe Preugschas
seinen anzug
zu seiner
beerdigung
Alexander Groth
Roter Backstein –
im Klosterhof kommt der Wind
zur Ruhe.
Bettina Haubold
sargabtrag
du wirfst nun
die letzten schatten
Tobias Tiefensee
Hitzefrei
ich entlasse
meine Gedanken
Birgit Heid
mit dem bleistift
über stille
kratzen
Alexander Groth
die große liebe in der schulbank neben mir
sitzengeblieben
Georg C. Sindermann
eintritt bezahlt
den eingang nicht gefunden
maislabyrinth
Ludmilla Pettke
im Restaurant
sein Messer an meinem Hals
kühlt den Wespenstich
Sandra Hilbert
Im Juli 2026 gingen für die Monatsauswahl Haiku heute 571 Kurzgedichte von 84 Autoren ein. René Possél bekam die Liste der Haiku alphabetisch geordnet ohne Autorennamen vorgelegt und wählte aus ihr zehn Texte als besonders gelungen aus. Die ausgewählten Texte stehen in einer von ihm ausgewählten Reihenfolge.
Zu einem der Haiku schrieb er die untere Besprechung.
für den kleinen
eine lüge
zur nacht
Alexander Groth
Manchmal reizt mich ein Haiku, weil es trotz der Kürze ein komplexes inhaltliches Problem anspricht, das mich selber schon beschäftigt hat. Die Aussage dieses Haiku ist zugleich alltäglich und provozierend.
Formal erfüllt das Gedicht nicht die Merkmale für ein klassisches Haiku: Kein Naturphänomen, keine traditionelle Silbenzahl über die drei Zeilen. Es besteht lediglich aus einem Satz, auf drei Zeilen aufgeteilt. Zuletzt hat es keine richtige „Pointe“. In einem Satz gesagt und gelesen, lautet die seltsame (elterliche?), beinahe zynische Aussage: „für den kleinen eine lüge zur nacht“.
Wenn man die Aussage mit gesundem Menschenverstand liest und übersetzt, lautet sie doch: Wenn wir unseren Kleinen (ein jüngeres Kind) für die Nacht fertigmachen, erzählen wir ihm was, von dem wir wissen, dass es eine Lüge ist.
Es wird nicht gesagt, was das ist. Ein Märchen könnte es sein; aber das ist keine Lüge, sondern eine frei erfundene Erzählung über wundersame Begebenheiten, oft mit pädagogischer Absicht dahinter. Wenn es eine andere tröstliche Aussage ist für das Kind, das sich vielleicht vor der Dunkelheit der Nacht fürchtet, wird sie vermutlich lauten: „Hab keine Angst! Alles wird gut. Alles ist in Ordnung!“
Das Problem, das dies Haiku mit der Situation und der Aussage berührt, ist also: Lügt eine Mutter/ein Vater (wer hier spricht, bleibt offen), wenn sie/er ihr Kind auf diese Weise tröstet, damit es ohne Angst einschläft? Wer das Dasein religiös versteht und einen Sinn in ihm sieht, wird aus Überzeugung die Antwort geben „Nein!“. Ist für jemanden das „Natürliche“ die einzige Wirklichkeit, dann lügt die Mutter/der Vater. Denn „natürlich“ ist unsere Welt, in der wir leben, nicht in Ordnung. Und ob alles gut wird, ist ungewiss und eine Frage der Hoffnung. In „natürlicher Sicht“ ist Sinnlosigkeit das letzte Wort über diese unsere Welt. (Die Gedanken sind vom amerikanischen Religionssoziologen Peter L. Berger).
Was will der Autor/die Autorin mit dem formal und inhaltlich ungewöhnlich „freien Haiku“ sagen? Lügen Eltern, die „für den kleinen eine lüge zur nacht“ erzählen, tatsächlich? Oder ist ihr Zuspruch zur Nacht auf einer anderen Ebene „wahr“, sinnvoll? Mich reizt das Haiku inhaltlich jedenfalls zum Widerspruch.