Ulrike Titelbach (2025): augen im hoiz

Buchvorstellung von Volker Friebel

Buchumschlag Ulrike Titelbach (2025): augen im hoiz

Ulrike Titelbach (2025): augen im hoiz. kurzgedichte in zwei klangfarben. Edition Melos, Wien. 106 Seiten, gebunden, 28,00 €.

Erhältlich wohl bald im Buchhandel, schon jetzt beim Verlag.

Ein schön gebundenes Buch, es enthält Haiku, eines auf jeder Seite, in Grau im „oberösterreichischen Dialekt“ (das ist das Bundesland mit Grenzen zu Bayern und zu Tschechien, Linz ist seine größte Stadt), darunter schwarz eine freie Übertragung in Standarddeutsch. Über den beiden Versionen steht eine Überschrift. Die Themen stammen aus der Natur oder (mehr noch) dem zwischenmenschlichen Bereich, einige sind keine Beobachtungen, sondern handeln etwa von Atomen, vom Thetysmeer oder betrachten die Welt mit den Augen eines Hundes. Einige Beispiele.

vor dem gartentor

voan goarndial
daunzd da oide zwetschgenbaam
mit sein schottn

vor dem gartentor
der alte zwetschkenbaum tanzt
mit seinem schatten

hinter dem rücken der mutter

jo, wo bisd den du?
hintan ruckn vo da muata
lochd des kind

ja, wo bist denn du?
hinter dem rücken der mutter
lacht das kind

Viele Haiku versuchen, das Unscheinbare, Alltägliche aufzunehmen und zu Literatur zu verwandeln, was immer wieder beeindrucken kann. Es gibt auch einige surreale und metaphorische Texte, die mich meistens etwas ratlos zurücklassen.

flamenco

jeda atomrean
is all in seina zön
und daunzd flamenco

jeder atomkern
ist allein in seiner zelle
und tanzt flamenco

Lange sinne ich über das Für und Wider mundartlicher Texte nach und seufzte, da ich mich nicht recht entscheiden kann. Nun, auf jeden Fall ist es eine verdienstvolle Sache, Mundart dichterisch festzuhalten. Dafür wurde dieses Buch mit zwei Stipendien gefördert. Und natürlich ist es richtig, dass praktisch alle unsere großen Dichter (und Denker) Mundart gesprochen haben.

vollkommen unwahrscheinlich

hed i ma nia dengd
und es foigd kan logarütmus
wia du mi anschaust

vorausberechnungen zufolge
vollkommen unwahrscheinlich
wie du mich ansiehst

stilles blau

a oekalüptusbladl
in de hoa eini gflochdn
so schdü und so blau

ein eukalyptusblatt
ins haar geflochten
stilles blau

die schneeflocke

schdü riad
de schneflokng
des schdade wossa

leise bewegt
die schneeflocke
das stille wasser

 

Ein interessantes Buch, besonders natürlich für Leser, die sich für Mundart interessieren. Und sicherlich für alle Oberösterreicher und solche, die dieses Land lieben.