Haiku und Bild: Haiga

Angepasst aus dem Buch: Volker Friebel (2019): Das Haiku. Grundwissen – Vertiefungen – der Horizont. Edition Blaue Felder, Tübingen. Alle Rechte vorbehalten. Die Rechte der zitierten Haiku liegen bei ihren Autoren.

 

Schon in den Anfängen der Haiku-Dichtung konnten die Texte von Bildern begleitet werden, das nannte man Haiga. Oft beschäftigte sich ein solches Bild mit einem Wort, das im Haiku genannt ist. Die Art der Bilder war nicht festgelegt, oft waren es einfache Illustrationen.

Das korrespondiert gut mit dem Haiku, das gleichfalls sozusagen mit wenigen Strichen gefertigt und reichlich offe­nen Raum enthalten soll. Auch von Bashō sind solche Skizzen erhalten.*  Buson dagegen wurde in Japan lange Zeit vor allem als Maler hoch geschätzt, erst seit Shiki gelten seine Gedichte als gleichrangig mit seinen Gemälden. Seine Bilder sind entsprechend anspruchsvoller.

Neben die reine Illustration eines Textes sind andere Bezie­hungsmöglichkeiten zwischen Text und Bild getreten. Von einem speziellen Haiga-Stil zu sprechen, scheint bei den offensichtlich großen Unterschieden selbst zwischen den japanischen Klassikern nicht gerechtfertigt. Das wesentliche Merkmal von Haiga ist die Verbindung von Haiku und Bild, nicht die Verwendung eines bestimmten Stils beim Bild oder beim Haiku oder bei der Verbindung zwischen ihnen.

Es dürfte am besten sein, alles was mit Bild und Haiku zu tun hat, außer Filmen, unter den Begriff Haiga aufzunehmen. Foto-Haiku als eigenen Begriff einzuführen und Haiga auf Gemälde und Zeichnungen zu beschränken, führt zu Schwie­rigkeiten, da es Mischformen gibt (etwa Collagen) und die Bearbeitung eines Fotos mit digitalen Programmen so weit gehen kann, dass es gar nicht mehr als solches erkennbar ist. Eine derart weite Definition schließt auch Computergrafiken mit ein.

Einen bestimmten Stil für das Bild vorzuschreiben würde bedeuten, viele Bild-Haiku-Kombinationen prinzipiell als Haiga abzulehnen, obwohl sie von ihren Autoren als solche angeboten werden. Das ist problematisch und dürfte kaum je für alle überzeugend begründet werden können.

Solche Kombinationen generell als Haiga zu akzeptieren, lässt den Autoren ihre Freiheit und lenkt die Sicht auf die einzelnen Kunstwerke statt auf ihr Verhältnis zu einer Schulansicht.

Jedes Kunstwerk muss für sich betrachtet werden, der indi­viduelle Gesamteindruck entscheidet, für wie gelungen ein Werk eingeschätzt wird. Allgemeine Hinweise zu geben, ist schwierig. Wir können aber Merkmale anreißen, deren Befra­gung sich lohnt.

Füllung des Raums: Leerer Raum ist, dem knappen Haiku entsprechend, auch für das Bild meist günstig.

Symmetrie: Eine asymmetrische Gestaltung wirkt meist lebendiger.

Harmonie: Harmonie kann langweilig wirken. Oder schön.

Glätte: Vor allem digital erstellte Haiga tendieren dazu, tech­nisch zu glatt zu wirken.

Komplexität – Einfachheit: Die Möglichkeiten digitaler Bildbe­arbeitung verführen zu besonders komplexen Ausarbeitun­gen. Das kann je nach Thema des Haiga auch ein Irrweg sein. Einfachheit hat in der Kunst ihre Vorzüge. Absolutiert werden kann sie aber nicht. Immer die Frage: Würde das Haiku, würde das Bild, würde das Haiga insgesamt gewinnen, wenn es ein­facher wäre?

Schrift: Die kalligraphische Qualität japanischer Haiku können wir mit unserer lateinischen Schrift nicht erreichen. Der Ver­such, eine europäische Entsprechung durch besonders kunst­volle Handschrift zu finden, überzeugt nur selten. Gerade des­halb sollte die gewählte Schrift, ihre Größe, Farbe, die Vertei­lung der Zeichen im Raum, ihre Lesbarkeit, besonders sorg­fältig überlegt sein.

Und wie steht es mit dem inhaltlichen Verhältnis von Text und Bild?

Wenn das Bild genau wiedergibt, was im Text steht, kann das langweilen. Inspirierender wirkt es, wenn im Bild das Thema des Textes weitergeführt wird.

Durch Vertiefung etwa. Ein melancholisches Haiku kann durch ein atmosphärisch entsprechendes Bild vertieft werden. Das kann besonders interessant wirken, wenn inhaltlich keine oder nur eine sehr lose Verbindung zwischen Bild und Text besteht.

Kontrastierung, etwa ein klarer Widerspruch zwischen Text und Bild, kann Fragen des Betrachters und eine tiefere Aus­einandersetzung mit dem Thema anstoßen.

Bild und Text können zusammen auf eine andere Ebene führen, die einzeln in keinem von beiden aufscheint.

Gemeinschaftsarbeiten sind beim Haiga relativ häufig. Meist stammt dabei das Haiku von einem, Bild und Gesamt­gestaltung vom anderen Autor.

Das Beispiel für ein Haiga („Verwehte Träume“) stammt von Volker Friebel. Zahlreiche weitere Haiga sind auf Haiku heute, Haiga im Focus und im Sommergras zu finden.

 

* In Bashōs Reisebuch „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“, Aus­gabe Dieterich‘sche Verlagsbuchhandung, Mainz, 1985, stammen alle Illustrationen auf rechts liegenden Buchseiten aus Bashōs Pinsel – so die Angabe des Herausgebers G.S. Dombrady auf Seite 40.

 


Grundwissen (Übersichtsseite mit Kurzfassung)
Merkmale des Haiku
Kleine Geschichte des Haiku
Haiku und Prosa: Haibun
Haiku und Kettengedicht: Tan-Renga
Haiku und Bild: Haiga
Haiku in Gedichten
Haiku und besondere Orte

Vertiefungen (Auswahl)
Wird ergänzt …

 


Alles angepasst aus dem Buch: Volker Friebel (2019): Das Haiku. Grundwissen – Vertiefungen – der Horizont. Edition Blaue Felder, Tübingen. Alle Rechte vorbehalten. Die Rechte der zitierten Haiku liegen bei ihren Autoren. Ein Klick auf die Schaltfläche führt zum Shop des Druckwerks, wo eine Vorschau eingesehen und das Buch bestellt werden kann.