Nach Beseitigung einiger ungültiger Texte blieben 192 Haiku von 99 Autoren. Die Auswahl traf Ramona Linke ohne Kenntnis der Autorennamen. Die Koordination leistete Volker Friebel. Den Preisträgern unsere Glückwünsche, auch allen anderen sei Dank für ihre Teilnahme.
Der Haiku-Preis ist 2025 dem US-amerikanischen Schriftsteller Jack Kerouac (1922-1969) gewidmet.
Zuerst die drei Haiku der ersten Preis-Kategorie, dann ein Text von Ramona Linke zu ihrer Auswahl, dann die sieben Haiku der zweiten Preis-Kategorie, dann der Widmungstext von Volker Friebel.
Erste Preis-Kategorie
ohne Reihenfolge (alphabetisch geordnet)
als streckte ein Kind
seine Hand nach mir aus
erster Schnee
Frank Dietrich
Kirschblüte
er passt seine Schritte
den ihren an
Gabriele Hartmann
wilde lilien …
die geheimen kammern
meiner freude
Helga Stania
„Above all, a haiku must be very simple and free of all poetic trickery and make a little picture and yet be as airy and graceful as a Vivaldi Pastorella.“
— Jack Kerouac, BOOK OF HAIKUS
Unter diesem Aspekt wurden die vorliegenden anonymisierten Texte von mir gelesen. Ich habe versucht (m)einen Nachklang zu erspüren, habe mich an Sinneserfahrungen orientiert, mich achtsam auf das Ungesagte zwischen den Zeilen eingelassen, und die Konzentration auf Aussagekraft und die Einfachheit der Sprache gelenkt. Haiku – eine Momentaufnahme, die Gelegenheit bietet einen Augenblick wahrnehmen zu dürfen, zu verinnerlichen. Das Durchschimmern von Bescheidenheit, Unvollkommenheit, Vergänglichkeit und des Nichterwähnten übt eine gewisse Faszination aus. Ein Haiku in seiner Fülle gleicht einem Sumi-e, weniger ist mehr.
Die ausgesuchten Haiku zu bewerten und eine Rangfolge festzulegen habe ich nicht in Erwägung gezogen, jedes einzelne hat mich auf seine ganz individuelle Art & Weise angesprochen, berührt, mich in seinen Bann gezogen.
Haikuschreiben ist eine Lebenseinstellung.
Ich bedanke mich dafür, dass ich die Texte lesen und eine Auswahl treffen durfte.
„A real haiku’s gotta be as simple as porridge and yet make you see the real thing, …“
– from Kerouac’s THE DHARMA BUMS
Zweite Preis-Kategorie
ohne Reihenfolge (alphabetisch geordnet)
als streichelte ich
mutters haar …
fruchtendes wollgras
Helga Stania
Chantilly-Spitze
das letzte Spiegelbild
einer Seerose
Isabella Kramer
ein Schwan
den Hals zur Sonne gereckt
entfaltet den Tag
Hubert Heizmann
Erbsensuppe
Erzählstunde mit Mutter
am Herdfeuer
Ilse Jacobson
nachdenklich dreht sie
das Glas Wasser in der Hand
Tagmond
Bernadette Duncan
Novemberlicht
zweigschmal die Schatten
deines Schweigens
Stefanie Bucifal
Sonnwendfeuer
die leichte Schwermut
im Saum meines Kleids
Gabriele Schettler
Widmung: Der Haiku-Preis ist 2025 Jack Kerouac (1922-1969) gewidmet. Der US-amerikanische Schriftsteller franko-kanadischer Herkunft gilt, vor allem durch seine Romane, als einer der wichtigsten Autoren der Beat-Generation. Seine Haiku erschienen erst posthum (Book of Haikus 2003, Trip Trap 1973). Allerdings wird seine Prosa manchmal (vor allem in „The Dharma Bums“, 1958) durch in Prosa aufgelöste Haiku-Kerne getragen. Sein Freund Allen Ginsberg bezeichnete ihn als einzigen Meister des Haiku. Das Haiku hat sich im Westen anders entwickelt, als Kerouac es auffasste. Kerouacs Einfachheit und fast anti-literarische Spontanität können ein hilfreiches Korrektiv sein.