Haiku-Preis 2026

Nach Beseitigung einiger ungültiger Texte blieben 185 Haiku von 96 Autoren. Die Auswahl traf Gabriele Hartmann ohne Kenntnis der Autorennamen. Den Preisträgern unsere Glückwünsche, auch allen anderen sei Dank für ihre Teilnahme.

Der Haiku-Preis ist 2026 der Autorin Ruth Franke (1932–2011) gewidmet.

Zuerst die drei Haiku der ersten, dann die sieben Haiku der zweiten Preis-Kategorie, dann Gabriele Hartmann zu ihrer Auswahl, dann eine Würdigung von Ruth Franke durch Gabriele Hartmann.

Erste Preis-Kategorie

ohne Reihenfolge (nach Autoren alphabetisch geordnet)

 

Magnolienblüte
ich betrachte den Glanz
ihrer Augen

Horst-Oliver Buchholz

 

entlang des Pfades zu mir selbst Kirschblüten

Stefanie Bucifal

 

zarte Blüten fallen –
trägt auch mich einst ein Wind

Angela Schmitt

 

Zweite Preis-Kategorie

ohne Reihenfolge (nach Autoren alphabetisch geordnet)

 

im Kinderzimmer
Tag um Tag
stiller

Claudia Brefeld

 

windig
im Teich zittern
die Sterne

Sebastian Chrobak

 

U-Bahn
ein Lächeln
fährt weiter

Wolfgang Hölz

 

hin und her –
die ohren meiner katze
im takt des neuen besens

Brigitte Pemberger

 

ausgeflogen
die stille im haus
wird lauter

Sonja Raab

 

Blühender Flieder –
die Erinnerung
an Großmutters Umarmung.

Georg C. Sindermann

 

Herbstacker
ein alter Bauer pflügt
die letzte Furche

Friedrich Winzer

 

 

Gabriele Hartmann: Ist es der Frühling, der mir die „Blüten“ ans Herz legt? Ist es der Herbst (des Lebens), der mich „Stille“ schätzen lehrt? Es gab weitere Haiku, die ich gerne aufgenommen hätte, aber ich sollte mich auf zehn, davon drei hervorgehoben, beschränken. Mit meiner Auswahl spreche ich ein Urteil über mich selbst und meine persönliche Sicht auf Haiku. Es fällt auf, dass keiner meiner Favoriten 5-7-5 Silben aufweist: Bei keinem von ihnen könnte man Silben hinzufügen, ohne ihm zu schaden. Zu den ausgewählten Haiku gibt es nicht viel zu sagen, sprechen sie doch für sich. Was mir an allen gefällt: Sprachqualität und Sprachklang. Nachhall und Originalität verhalfen Dreien von ihnen zur Hervorhebung.

 

 

Widmung

Der Haiku-Preis 2026 ist Ruth Franke (1932–2011) gewidmet. Sie wurde geboren in Braunschweig, lebte in Emmendingen (bei Freiburg im Breisgau) und beschäftigte sich 30 Jahre mit Ikebana und Haiku. Ihr Buch „Lapislazuli“ (2002) enthält Haiku, ihr Buch „Schwerelos gleiten“ (2010) Haiku sowie Haiga, zweisprachig englisch und deutsch. Außerdem finden sich zahlreiche Beiträge, auch Aufsätze zum Haiku von ihr, auf www.haiku-heute.de. Ein Nachruf von Georges Hartmann auf sie erschien in Heft 93 von „Sommergras“.

Blätter schweben
im Abendlicht – wie schwer
so leicht zu sein

Ruth Franke (Haiku-Jahrbuch 2010, Kirschblütenwind)

 

Würdigung durch Gabriele Hartmann

Georges Hartmann hat sich mit Angela & Mario Fitterer und Ruth & Dieter Franke per E-Mail, in Briefen, sowie bei persönlichen Treffen ausgetauscht.

Georges: „Ruth war eine Dame, umgänglich und wohlwollend“. 2011 ist sie verstorben.

Morgennebel
„die Galoschen des Glücks“
verschwunden

Ruth Franke

Zwei Exponate von Ruth Franke haben einen Ehrenplatz in unserem Bücherschrank: „Schwerelos gleiten“ und „Lapislazuli“. Hierzu ein Auszug aus Georges’ Korrespondenz:

„Liebe Frau Franke,

‚Lapislazuli’ lag heute wohlverpackt in meinem Briefkasten und ich muss gestehen, dass es nochmal etwas völlig anderes ist, das Original in Händen zu halten. In einem pfiffigen Schuber verpackt, wirkt es von Weitem wie eine opulente Tafel Schokolade, so dass ich sicher bin, dass die Kundschaft – wird es in einer Buchhandlung an einem strategisch günstigen Platz ausgelegt – es einfach in die Hand nehmen muss, besitzt das handliche Rechteck doch wegen des aufgedruckten Farbholzschnitts ‚Hokusai‘ eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Und da der Inhalt sowieso für sich spricht, bringt es alles mit, ein Erfolgsschlager zu werden, was ich Ihrer gelungenen Veröffentlichung von Herzen wünsche. Ein besonderes Lob gilt natürlich auch Ihrem Mann, der es akkurat und visuell ansprechend erstellt hat, was ihn sicherlich so manchen Nervenstrang gekostet haben dürfte. Das Ergebnis sollte jedenfalls dazu beitragen, stolz auf sich zu sein.“

Zwischen Farbkübeln
das Weiß
der Orchidee

Ruth Franke

Euphorische Reaktionen dankbarer Empfänger auf die von den Erben posthum an alle DHG-Mitglieder verschenkten Exemplare von „Schwerelos gleiten“ finden sich als „Leserbriefe“ in Sommergras 112 vom März 2016.

Windstille
das Blau der Flügel
kehrt zurück

Ruth Franke

Dieter Franke durfte ich 2015 kennenlernen, für Ruth kam ich zu spät:

Was fehlt

Auf dem Schreibtisch des Witwers ein Kalender, der September ohne Foto. Liebevoll hat er den Tisch gedeckt.

„Natürlich habe ich den Mirabellenkuchen selbst gebacken.“

Laut Kalender im Arbeitszimmer der vor viereinhalb Jahren Verstorbenen wäre jetzt Februar.

Bluesharp
er komplettiert
die Oktave

 

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