Haiku-Jahrbuch 2020 – Nebelland – b




Vorwort

Haiku-Verständnis
Nebeneinander
Griff nach dem Wind
Durch den Spiegel

Haiku

Tan-Renga

Das Haiku-Jahr
Bücher
Das Netz
Nachbemerkung

Autoren
Edition Blaue Felder

Haiku

 


Iwa Antonow


Ähren lesen,
den ganzen Sommer
im strohblonden Haar

Kreistanz –
unsere weit geöffneten Arme.
Die Streife auf Abstand.

Sonnenbaden.
Das Guckloch im Zaun
zwinkert.

 


Marita Bagdahn

Kontaktverbote
er tanzt
mit dem Staubsauger

Mittagshitze
in die trägen Gedanken
taumelt ein Falter

 


Christa Beau

Kontaktsperre
nur der Frühlingswind
berührt mich

Ausgangssperre
der Versuch mit Tusche
Stille zu malen

nach dem Arztgespräch
die Gartenblumen
ohne Duft

Sommernacht
das leere Bett neben mir
voll Mondlicht

noch frisch das Grab
auf den Wangen
Wimperntusche

am Grab
zwischen duftende Rosen
fallen Kastanien

erster Schnee
das Glitzern der kalten Sterne
auf dem Grab

 


Winfried Benkel

Geburtstag
das Gewicht
der fehlenden Worte

 


Silke Berke

Rendezvous im Herbst
Jahrmarkt der Eitelkeiten
Auf Blumen schießen

 


Martin Berner

Grasmückenlied
sie stellt
die Rollstuhlbremsen fest

Todesnachricht
der Star in der Felsenbirne
sieht ihn lange an

aus dem letzten Brief
der Freundin
eine Schwalbe falten

Schach
die Enkelin bedroht den König
mit der Burg

zweiter Schultag
sie steckt ein Bild ein für Can
der so böse schaut

Kunst des Alterns
im Schaufenster
grantelnd schleckt er sein Eis

sie kämmt sich
mit Sorgfalt
heute kommt Bofrost

Zoom-Chorprobe
wie viele Bücher
alle haben

Advent
sie wählt Sympathy for the devil
als Klingelton

Spätwintersonne
er verbrennt
die angefangenen Briefe

 


Wolfgang Beutke

Landregen …
das Prasseln der Eicheln
noch im Traum
Lidwina Bilgerig

Nebeltag
nur das Krächzen
der Krähen

Ahornblätter
welch ein Tanzen
im Fallen

am Grab
hockt eine Amsel auf
wir vermissen dich

Ich komme in den Garten
und schon bin ich
verloren

 


Christof Blumentrath

Gazzetta del Sud
ein Wind vom nahen Meer
blättert zum Sportteil

am Krankenbett
Großmutter operiert
den alten Teddy

Schwarzwälder Kirsch
wie sie tratschen
die kleinen Spatzen

im Opernglas
die feuchte Zungenspitze
der ersten Geige

Cello Suite
mit der linken Hand spielt
ein Sonnenstrahl

auch fünfzig ist nur eine Zahl rote Rosen

klackende Jetons
im Gewitter der Farben
ein blasses Gesicht

B2, Innere
allein – mit dem Muster
des Linoleums

tanzender Staub
die Stille des alten
Bandoneons

 


Gerd Börner

wilde Akazien –
wir fangen die Blüten
aus dem Wind

im Treppenhaus –
nach dem letzten Kuss
schleicht der Morgen herein

Herbstabend –
Stare tanzen nach den Klängen
des Himmels

arbeitslos –
hinter Gardinen
auf die Straße sehen

Hohe Kiefern –
die Pinselspitze eilt
bis in die Kronen

windstille See –
leise schmatzen die Wellen
dehnen die Zeit

im Abendwind
das erste Lied der Amsel –
gerötete Augen

schlaflos
Meeresrauschen bauscht
die Gardinen

Herbstlaub raschelt –
jetzt erst spüre ich den Wind
in den Augen

Schwarzmond –
ich rede mit ihm
über sein Licht

 


Elke Bonacker

Abstandsregel
unsere Küsse
aus Schaum und Schokolade

 


Adrian Bouter

ferne Liebe
der Duft von Äpfeln
im Wind

der Blick des Hundes
beim Ticken des Gehstocks …
bewölkter Tag

Weltnachrichten
sie nährt das Baby
an ihrer Brust

forever young …
die klapprige Leiter
zu den Sternen

geschlossene Kirche
wo das Wort wohnte
ein Schwalbennest

Hafen
ein Wechsel im Wind
entfaltet Möwen

alte Schreibmaschine
in der Stille des Morgens
die Arbeit des Spechts

mich verlierend finde ich dieses Gedicht

hungriger Regen …
vergebens die Suche
nach Keksen

platter Reifen
so viel Luft
um mein Fahrrad

 

 


Claudia Brefeld

… wieder spät
das leise Surren
der Nähmaschine

Am Fluss
die zerrissenen Teile
meines Mondes

Schneeschmelze
in ihren Bewegungen
schon Frühling

 


Brigitte ten Brink

Großvaters Taschenuhr
immer wieder vergisst
sie die Zeit

zunehmender Mond
mein Enkel wünscht sich
ein Geschwisterchen

 


Ralf Bröker

im Chesterfield-Sessel der Geruch eines Sechzehnjährigen

Mittsommernacht
beim letzten Bier spricht er
von Krebs

iPhone-Abend meine Umwelt unscharf

ins Krankenhaus
hänge Meisenknödel
auf Vorrat auf

 


Heiner Brückner

Am Tassenrand
die roten Kusslippen
Der Kaffee kalt

Gefüllt mit Regen
der Fischerkahn auf dem Sand
glüht in der Hitze

Teichrosenblätter
beben im Karpfenteich.
Dein Kussmund.

 


Yann Brunotte

Draußen der Regen.
Die Katze auf dem Sofa
muss etwas rücken.

 


Stefanie Bucifal

Fischmarkt
Makrelen, verschwommen
im Morgennebel

Kastanien
in meiner Hand
der Atem des Rehs

Klostermorgen
die Gedanken schärfen
am ersten Licht

U-Bahn-Waggon
der Schweiß der anderen
mischt sich mit deinem

Strand
aus dem großen Schatten
löst sich ein kleiner

vor der Ankunft der Boote
schläfrig noch
liegt die Insel im Blau

Erinnerungen –
fielen Blüten auf mich
oder Schnee

alle Haiku geschrieben
doch dann –
dieses Licht

 


Pitt Büerken

ein Buch
vom Flohmarkt
der Liebesbrief gratis

am Geländer
der Brücke unser Schloss
die früheren auch

Boulespiel
das Klackern der Kugeln
bis tief in die Nacht

der Fahrkartenautomat
es fehlt ihm gänzlich
an Empathie

 


Gabi Buschmann

Herbstspaziergang –
ein alter Mann sammelt den Glanz
der Kastanien

Zwiegespräch
auf Vaters Grabstein landet
ein Rotkehlchen

alter Friedhof
aus der Flanke des Bronze-Jesus
fliegt ein Spatz

 


Ingo Cesaro

Abstandsregelung.
Endlich Platz auf den Stühlen –
für tote Freunde.

Als lachte der Mond.
Zu viel Wein getrunken. Voll –
in den Schmutz gestürzt.

 


Cezar-Florin Ciobîcă

Sonnenblume
der gelbe Klang
deiner Lüge

aufgehender Mond
die gebrechlichen Beine
des Lämmchens

große Hitze
die Schaufensterpuppen
ohne Kleider

Hauptverkehrszeit
die Heiligen Drei Könige
an der Ampel

Selbstisolation
jeden Tag schneide ich
den alten Bonsai

Pandemie
der Weihnachtsmann liest
die neuen Gesetze

krächzende Krähen
in meinem Traumtagebuch
einige Fehler

 



Silvio Colditz

das Auge der Taube
du wendest es
mit jeder Bewegung

 


Beate Conrad

Milde Frühlingsnacht –
eine Krankenschwester
nimmt ihre Maske ab.

Wartend am Ufer
nichts als der kalte Himmel
im Blick des Fährmanns.

Aufgehender Mond.
Für das Kind seinen Daumen
und ein Wiegenlied.

Jemand, der ich war
wurde jemand, der ich bin –
Jahreswechsel

Zurückgeblieben
am Gleis kalte Nebelnacht
und ein Kinderschuh.

Erste Pfingstrose
eine Wasserdampfwolke
steigt aus dem Kühlturm

Cape Canaveral –
ein Albatrosjunges nimmt
Anlauf ins All

Am Ende des Schnellzugs Herbstwind

Frisch aufgeschlagen
zwei Tassen Matcha
entfalten die Zeit

Ein Stückchen Leinwand
das geschmierte Thunfischbrot.
Wind die ganze Nacht.

Im Schatten der Lüge Lavendelduft

Jugendliebe …
in der Jukebox die Platte
mit unserm Lied klemmt.

Leichenwagen …
auf seiner Windschutzscheibe
ein Stück vom Himmel.

Zurückgeblieben
im Lärm ziehender Gänse
ein leerer Himmel

Oktoberabend –
vor der Leinwand sitzt
der Künstler und gähnt.

Erster Schnee
der Künstler tauft
sein Gemälde

 


Zorka Čordašević

Morgendämmerung
vor den Jägern
rennen Hirsche durch den Tau

Alter Mann
redet mit sich selbst
staubiger Weg

Schwalben unter dem Dach
ihr Zwitschern
gegen meine Einsamkeit

Abenddämmerung
an der gefrorenen Pfütze
die Wildente

Pferde rennen
ihre Hufe
schlagen Funken

 


Maya Daneva

Schweizer Alpensee
zwei blinde Kinder halten ihre Hände
Sonnenuntergang

Hospizbesuch
Mama sagt mir
wie alt der Wind ist

Abschiedsnachricht
meine Eltern schicken ihr letztes Selfie
aus Zürich

frostiger Abend –
mein Stift auf der letzten Seite
meines Tagebuchs

Winterstille
ich höre den Tanz
der Schneeflocken
Matthias Daube

Abendspaziergang
Weißdornblüten am Feldrain
Wie mein Herz schlägt

 


Reinhard Dellbrügge

Im Gras
ein toter Nestling. Aufstiebt
ein Fliegenschwarm.

Altes Grab.
Der Name zog sich zurück
unters Moos.

 


Frank Dietrich

die Frau die dort stand
eine junge Birke
im Nebel

abnehmender Mond
den Eisprung
verpasst

Sturmnacht
die Namen der Kinder
die ich nie hatte

social distancing
der mond
im apogäum

Höhlenmalerei
etwas in mir ist älter
als ich

trockenes Flussbett
durch meine Adern
weht Staub

erste Sterne
die Grille singt das Lied
ihrer Vorfahren

Gewitternacht
im Schatten des Hundes
ein Wolf

eine Mücke erschlagen
auf der Tapete
mein eigenes Blut

dieses weiße Rechteck
an der Wand: das Bild
das ich vergessen will

ich bin ich bin nicht die dunkelheit zwischen den u-bahn-stationen

Monsun
der Atem
eines Wals

Seebestattung
Wolken gleiten
durch ihn hindurch

wie die neue Welt
sich auf die alte legt
erster Schnee

zerrissener Liebesbrief
Schnee rieselt
durch meine Finger

Schnee
unter der aufgehenden Sonne
blaue Felder

wo die Augen wären
die blinde Stelle
im Spiegel

ob ich nach ihnen greife
oder nicht
Wintersterne

Vollmond
eine Wolfsspur führt
in mein Herz

 


Hildegard Dohrendorf

weltverloren
der Alte unter der Brücke
ohne Schlafsack

Ginko im Herbstkleid
ein Straßenmusiker
stimmt seine Geige

Dachbodenfund
mein Teddybär
ohne Augen

 


Bernadette Duncan

birnenblüten
eine amsel wartet
auf ihr lied

das letzte jahr vergessend
süß geworden
runzlige schlehen

bis wir außen und innen menschen sind
sturm im herbst

alte weltkarte
das brüchige der menschen-
gemachten falten

blümchenmaske die schönheit der gesten

tunnel unter der sandburg
die hand des anderen
königs

kürzester tag
einer geht mit seinem hund
richtung berge

repariere den wachsengel
mit der wärme
meiner hände

rückkehr der schwalben
übersetze gedichte
die ich einmal schrieb

maiwege
manchmal noch ein hufschlag
im wind

letzter tee
unter sternen
morgens im becher
der mond

Pumuckl-Buch
der Geruch von
Lesen können

Mineralienbörse
der Tausch von
Geschichten

im Wiegeschritt des August
zwei alte Pferde
Richtung Schatten

vor dem sturm
in die scheune geflüchtet
werde still wie heu

 



Hartmut Fillhardt

Stachelbeerbaiser
löffelweise
Wespenchachacha

 


Brigitte Flicke

Die Kleinen: heim
Am Tischbein angebunden
Das rosa Kätzchen

 


Gerda Förster

im Winter am Fluss –
ich wärme einen Stein in meiner Hand

kleine Fluchten im Abendlicht wilde Rosen

Winternacht –
zwischen Traum und Tag
die toten Freunde

Traumströme mein Bett wird zur Insel

die gläsernen Ringe …
mein Stein tief im See

 


Christiane Freimann

Hope, sagt sie,
kommt von hopsen.
Allererster Schnee.

Enkelins Feenbuchstaben
nun
im Staubsauger.

Der Engel auf ihrem Grab
aus Plastik, aus Erdöl,
aus Licht.

ZweiWäschekörbevollkorrigiert

Maskenball im Baumarkt:
Coronatänze
zwischen Schrauben.

Plötzlich ein kleiner Regenbogen
im Buch
Kroküsse

Om Om Om Om Om
Om Om Om Om Om Om Im
Mond.

Rote Tulpen auf dem Tisch,
schwarze an der Wand.
Sonnenaufgang.

 


Volker Friebel

Nach der Frostnacht
die Glut im Morgenlied
einer Amsel.

Im großen Spiegel
die Welt,
zwischen Schnapsflaschen.

Schlehenblüten …
Jeder Windstoß hebt
Schatten.

Wildnis aus Worten – erster Schnee.

Morgendämmerung.
Aus einem Kürbisacker löst sich
die Sonne.

Die Wespe,
zum Sterben gelegt in dieses
dunklere Blatt.

Ei an Ei
in der Mulde. Wochenmarkt,
Stimmengemurmel.

Nach der Treibjagd
der Wald.


Philipp Gabriel

Brechende Wellen
Auf sich zurückgeworfen
In den Dünen ein Paar.

 


Loretta Gaukel

Nelken rot auf
deinem Grab – und das Gurren
der Turteltauben.

 



Hans-Jürgen Göhrung

Ostergeschenk
Die neue Puppe muss erst
in Quarantäne

Klaviersonate
gegenüber tippt ein Mann
im Takt aufs Display

Zeitkurve
Die Rundung des Kieselsteins
in meiner Hand

Vollmond
endlich
nur noch du und ich

Herbstnebel
Die Bettdecke speichert noch
deine Wärme

Tränen
Die Linien der Welt verlieren
ihre Klarheit

Sommerferien
Die Kreissäge des Nachbarn
schneidet ein Stück ab

Abendstunde
Ein Schmetterling saugt Wärme
aus der weißen Wand

 


Claus-Detlef Großmann

späte heimkehr
du streifst dir vom mantel
stäube & sterne

an der abendtafel
das tischtuch fleckig
wie die haut meiner hand

oktober
wie viele blätter der baum
wie viele schläge mein herz

mit alten Augen
im Zwielicht
noch einmal die Freundin sehen

waldlichtung
abends
nur das wild und der wind

 


Ruth Guggenmos-Walter

glitzernde bäche
ein halb versintertes blatt
fern der kuckucksruf …

steg
in den nebel –
das glück der teichmuscheln …

die füße baumeln
unter dem steg
spielt das weiherlicht …

der ring
am grund des weihers …
nach dem streit

starenkasten –
das einflugloch abgewetzt –
abendglocken …

salatpflänzchen
in den zeitungsartikel gewickelt
mit den fallzahlen …

hagebutten
im rauhreif –
die ferne des meeres …

ruhig fließender fluss –
die ringe der regentropfen
treiben fort …

der wald
voller zwielicht –
sterndolden …

der junge am wiesenrand –
im baum gefangen
sein drachen …

neujahrsmorgen –
die stille
der tiere …

pfütze am feldweg –
blaue falter
tragen die kühle fort …

ums teelicht moos
und der duft
des nächtlichen waldes …

stockend –
mit dem krah der krähe
krächzt der bleistift übers papier …

zwischen den fichten
das haus der kinder
gelegt aus zweigen und zapfen …

unterm baum
der puppenwagen
voller äpfel …

alter schafstall
auf dem eingebrochenen dach
das spiel der füchse …

der weidezaun weg –
noch der geruch der kühe
am alten weißdorn …

im nebel geborgen –
das haus
an der klippe …

 


Matthias Gysel

ein Regentropfen
die Schwere einer Wolke
im Netz der Spinne

Dinge
nach dem Weg zu zweit
wieder Dinge

Frühstückskaffee
sie trinkt einen Schluck
Sonne

tango
schritte in deine
umarmung

Rotwein
er spricht in
ihr Glas

 



Taiki Haijin

Gartenparty –
ich rede lange
mit dem Zwerg

Kurzarbeit
die Leere im
aufgeräumten Keller

 


Susanne Hanik

Der Geruch von Schnee
morgens im Hof
weht das Jahr vorbei

 


Claus Hansson

Herbstbrandung –
eins mit dem milden Licht
seine Augen

ohne Zeitung …
der Frühstücksapfel
süßer als sonst

Enklave der Ruhe
die Zeit wird weiß

Herbstnebel –
die tastenden Figuren
einer Kantate

Seine Adern
geschwollen im Licht.
Alter Efeu.

unsere Schritte
in den Gedanken
eines anderen

Herbstmond –
im Flakon funkelt
Walgesang

Cap Arcona
Wellen überspülen
eine Rose

Treibgut –
er sitzt versunken
im Kirchenschiff

 


Gabriele Hartmann

ob ich spreche
oder schweige – es regnet
Apfelblüten

nackt im Spiegel wir gehen blind über Rot

bergan …
unser Gespräch
wird Nebel

zitternd im See
der Mond – du fragst mich
wer ich lieber wäre

dunkle Wolken
das Rauschen der Fritten
im schäumenden Fett

Eternitplatten
die Nachbarn lassen sich
scheiden

Zoom-Konferenz
in der Tiefe des Raums
ein Seufzen

Neujahrsmorgen – Teeblätter entfalten sich

Traube um Traube
raubt mir die Elster
den Wein

was ich auch sage
gekräuselt die Oberfläche
des Sees

am Ende
eines langen Tages – Stille
in die Regen fällt

 


Sylvia Hartmann

nach deinem Tod
an einem Glas noch Spuren
deiner Lippen

Erste Grashalme
auf deinem Grab – wie könnte
ich sie ausreißen?

 


Bettina Haubold

Spuk zu Halloween:
Die schwarze Katze braucht sich
nicht zu verkleiden.

 


Bernhard Haupeltshofer

zu!“, ruft der enkel –
das aufgeschlagene buch
eine steinskulptur

äste berühren
die erde – der kalligraph
wächst um die tusche

 


Birgit Heid

Gegrillte Zucchini
scheibchenweise
spricht er von seiner Frau

Klostercafé
meine Gedanken versunken
im Milchschaum

Bitterschokolade
die dunklen Geheimnisse
meines Opas

Leere Bänke
beim Bittgebet hört der Pfarrer
sich selbst

Neujahr
ich falte die Socken
des Vortags

Weihnachtsgans
ins Blubbern der Wasserpfeife
dein „Ach, übrigens“

Zur Lage der Nation
im Wohnzimmer rattert
die Nähmaschine

Verblühende Akelei
die mattrosa Lippen
meiner Mutter

Walpurgisnacht
sie hat ihren Mundschutz vergessen

Blümchenmuster
mein Erröten hinter der Maske

Rehamaßnahmen
eine junge Frau liest einen
Liebesroman

 


Zam Helga

Endlich abendstill
Ein Herz hebt sich und senkt sich
Wie das andere

 


Hildegard Hilpert

Besuch in der Bar –
aus meinem Cocktailglas
sprüht Sommerlaune …

 


Anke Holtz

Herbstufer
eine Ente fordert ihren Anteil
von meinem Brot

beim Aussortieren
zwischen alten Arztberichten
mein Testament

die Augen des Frühchens
und die Faust
diese Faust

Rotweinglas
sie taucht ihre Lippen
in das Funkeln

Neumond
im Bett neben mir
ein leuchtendes Handy

Flughafenflirt
unsere Lächeln
landen im Mundschutz

Kinderfasching
der kleine Cäsar
erklärt seine Ermordung

hartnäckig
der Schmutzrand der Topfpflanze
die ich verdorren ließ

Hochzeitsplanung
beim Hygienekonzept
gibt es Tränen

in den Fluss starren
ein Fisch springt
durch mein Denken

Sommerwind
aus unseren Lügen wird ein Lied

Kinderspielplatz
mit Masken die Guten
und die Bösen

Kurznachricht
ich schreibe von Sehnsucht
er von Sushi

nach der Kündigung
im Auto laut mitgrölen
zu AC/DC

letzter Arbeitstag
auf einmal so leicht
der Schlüsselbund

Vollmond
mit den Augen des Wolfes
die Nacht ganz nah

 


Angelika Holweger

erste Blätter fallen …
im Gartenteich
wie einsame Boote

auf ihrem Laptop
Tränen der Nacht …
eingetrocknet

allein heute Nacht
Öffne ein Fenster
Dem Mond

bis ins Abendrot schnurgerade die Wintersaat

Samenflug
Im Gartenteich schwimmen
Sterne

den Mähbalken gestoppt: Margeriten

grußlos vorbei
doch sein Atem
streift mich

Seiltänzerin
am Spinnfaden die Sonne

 


Saskia Ishiwawa-Franke

Letztes Froschquaken
unter Schäfchenwolken.
Zweite Viruskrise.

Unterm Kragen
einer Herbstjacke versteckt,
brummt eine Wespe.

Schneefall. Kein Job.
Unter einer Brücke
mit Freunden trinken.

Wie hieß sie noch,
fragte sich der Witwer, wir
lachten an Neujahr.

Zikadenhülsen
an Hortensienblättern,
einsame Stille.

Dekor, übervoll,
Weihnachten dieses Mal
alleine.

Ahornblatt
als Tempura verspeist,
erstes date.

 


Ilse Jacobson

ihr später Tanz …
ein, zwei Schneeflocken
im Licht

Rehe am Waldrand …
ganz Auge sein

Blue Moon
im Traum
den Teich umrundet

geschenkte Zeit
die Wärme
einer Kerze

Mondlicht
eintauchen
in die Farben der Nacht

verschlossene Gärten
richte mich ein
in meinem Gedicht

manchmal ein Schatten –
meine stillen Zwiegespräche
Sommerwind

 


Rüdiger Jung

Sie kommen kaum hoch
die aufgeschreckten Krähen
Sturm Was für ein Sturm

 


Hilde Kähler-Timm

Nebelhorn.
Auf ihren Schwingen tragen die Möwen
letztes Licht fort.

Sonnenuntergang am Meer.
In deinen Augen bewahrt
das Leuchten.

 


Deborah Karl-Brandt

Wintermond
Die Einladung zum Tee
Unbeantwortet

Nach dem Gießen
Lavendelduft lange noch
an meinen Fingern

Frühstück zu zweit
Die Wespe nimmt
etwas Kochschinken

Das Kleinkind
Wie es lacht
mit seinem Spiegelbild

Krötenwanderung
Der leere Becher
in der Hand des Obdachlosen

Efeuranken
Überwuchert der Engel
auf ihrem Grab

Winterregen
Im Mülleimer verwelken
seine Rosen

Der kleine Spatz
weggeflogen – sein Gesang
noch da

 


Silvia Kempen

die Puppe
unterm Weihnachtsbaum
mit Mundschutz

Regentage
langsam wächst der Frühling
mit dem Puzzle

 


Michaela Kiock

schneelicht
eingebacken ins brot
sonnenblumenkerne

zwei getrocknete rosen
das gewicht
meiner sommerträume

10. etage
auf augenhöhe
mit einer jungen möwe

erntedank
das salatbeet reich gedeckt für uns,
kleine schnecke

schneewolken
ein kind erzählt mir
die geschichte des himmels

frühlingsgräser ertasten …
die alten sandalen
geschultert

heimweg
über der keuchenden stadt
der mond

mittagshitze
ein schaf weidet
in seinem schatten

nachtgewitter
die weißen risse
der stille

sternenmeer
hinter unseren worten
die weite spüren

nachtwind
das erleuchtete fenster
im hospiz

quarantäne
die schritte der ärztin
wie sie verklingen …

waldwiese
lausche mit einem käfer
dem mond

schattiges schilf
die alte kröte sammelt
morgenlicht

was ich ihm sagen wollte
im maiglöckchenduft
verstummt

sonnenaufgang
ein blindes kind liest
mein gesicht

augustnacht
biete meinen arm
einer mücke

strömender regen
im tiefen farn der hut
eines fliegenpilzes

trennung
nur noch du und ich,
weiße chrysantheme

weihnacht
die krippe erleuchtet
von kindergesichtern

zwischen kirschblüten
das alte paar
korrigiert den mundschutz

spaziergang im nebel
ihre worte
immer klarer

gurgelnder bach
op. 1
mit licht getränkt

 


Sven Klein

Herbstblues.
Ohrenbetäubende Rückkehr
der Stille.

Innehalten.
Schritt für Schritt aus dieser
dröhnenden Stille.

 


Anett Klopsch

Gewitterwolken
ungerührt trinkt die Fliege
ihren Morgenkaffee

Hochzeitstag
der kalte Regenguss
nach dem „Ja“

Nach dem Regenguss
das Glitzern und Funkeln im
Grün deiner Augen

Abenddämmerung
alle Worte aufgebraucht
Zikadengesang

 


Tanja Kloth-Bober

Regennasser Wald.
Eure Lügen und die Wut
versickern lautlos.

Beim Tragen der Maske
– der Gedanke an Orgien.
Hinter mir hustet einer.

 


Angelika Knetsch

Gartenarbeit
nun bin ich per du
mit dem Rotkehlchen

 


Angelika Kolb

Morgendämmerung
womöglich weder gut noch schlecht
das Gestrige

Umzug ohne Gepäck
gemeinsam geben sie alles
die Wildgänse

 


Fuyuko A. Kose

Wintervollmond
durchs Haus zieht der Duft
von Kürbiskuchen

Altjahresabend
die Buntfasane kommen
beinah bis ins Dorf

 


Isabella Kramer

nebeltag
hinter der stille ruft mich
jemand beim namen

 


Gérard Krebs

Weihnachtswunder
das Rieseln in den Augen
der Einjährigen

bloß das Gewicht
all seiner Bücher –
Zugvogelzeit

sie zittert
nicht mehr, die Espe
erster Schnee

in den Rockies
ein Kolibri unterbricht
die Stille

lange Zugreise
der nie gesehene Schaffner
in Dantes Hölle

Stimmbruch
das Blätterrauschen
wird harscher

langsamer Gang –
der Wald wird größer
und größer

Mittsommernacht
im Ruf des Prachttauchers
der ganze See

Party-Schiff –
die Lichtsäule des Mondes
beginnt zu tanzen

Schwermut –
im Schaufenster der Frosch
mit Flügeln

der Schwalbenschwanz
klappt seine Flügel auf –
ich schließe mein Buch

Pilgerfahrt
wir wurden Freunde –
der Stab und ich

 


Tobias Krissel

leise
mein moment
mit dem kleiber

salzcaramel
der geschmack des tees
als er weint

neubau
selbst der vogelschiss
wirkt elegant

kündigung
ich kehre heim
zum rosenduft

Synkope
das Zittern
des Dirigenten

mondkrater
nacht in den augen
des pflegers

sonntagsruhe
unbemerkt
verstummte die fliege

nächster halt
einen schönen tag
wünscht nur die bettlerin

sturmnacht
der griff des säuglings
nach dem wind

 


Hans-Joachim Kuhn & Jutta v. Ochsenstein

Wildgänsegeschrei
Blicke zum Himmel
ein Kompass trudelt

 


Marianne Kunz

Erste Amselstrophen
ein Kind legt sein Ohr
an die Erde

Die Augen der alten Puppe
öffnen sich wieder –
Enkelbesuch

Quarantäne
schreibe ihren Namen
in den Blütenstaub

Eingerollte Erntenetze
im Gezweig
Fäden aus Licht

Gekräuselter Moorsee
seine Worte
Wollgras im Wind

Leere Felder
am Wegrand die letzten Blumen
für ihr Grab

Totengedenken
das Ächzen der Eichenbalken
im Glockenstuhl

Wiedersehn
in seinem Bart
schmelzen Eiskristalle

Im fahlen Mondlicht
das Gewicht seines Armes
auf meiner Schulter

Krakelige Handschrift –
Espen zittern
im anflutenden Wind

Enkelbesuch
wir lauschen den Wiegenliedern
von einst

Durch den Spiegel
schaut sie ihn an
den Pfleger der sie wäscht

Nachlass –
jetzt zeigt ihre Uhr
mir die Zeit an

Septemberlicht
die Milde ihres Blickes
beim Trocknen der Tränen

Vollmondnacht
aus meinen Händen tropft Licht

Urlaubsvideo
das Lächeln des Kindes
wird meines

 


Moritz Wulf Lange

Gras im Dünensand.
Am Strand ragt aus dem Wasser
ein alter Bunker.

Hartmannsweiler Kopf.
Laufgräben widerstehen
den Sommergräsern.

Der einzige Baum
in der Straße – voll Blüten.
Ein Hund hebt das Bein.

Der Möwenschnabel
zeigt in den Wind – und füllt sich
allmählich mit Sand.

Die offene Tür –
alles nahm der Dieb mit, auch
die Wärme im Haus.

 


Roger Le Marié

beatmungsstation – der moment, als sein ton zur linie wird

 


Matteo Lieber

Portal zum Frühling
die Schlaflöcher
der Sumpfschildkröten

Quarantäne
der Frühling bricht
die Ausgangssperre

 


Eva Limbach

Social distancing –
unser neuer Nachbar
dengelt die Sense

Allerheiligen –
die schwarzen Regenschirme
alle geerbt

wer jetzt kein Haus hat
der Whisky in meinem Glas
Fassstärke

Beifang …
die trüben Augen
der Fischer

Bohnen fädeln
meine Hände
wie ihre

Covid-Winter
das einsame Flackern
der LED Kerzen

Heiliger Abend
das Licht in den Fenstern
der Anderen

Lockdown Lockerung
am Wegesrand
ein zertretenes Schneckenhaus

Ausgangssperre –
der junge Hund schüttelt sich
Blüten aus dem Fell

Pusteblumen …
wie weit
wird der Wind uns tragen

was du mir hinterlassen hast …
Wintersterne

Nachsaison –
das Piano im Speisesaal
frisch gestimmt

Endstation –
vom Regenbogen
nur noch das Blau

 


Ramona Linke

Holz schlichten
auf einem Stück Borke
ein halbes Herz

alter Schulgarten …
unterm knorrigen Apfelbaum
ausruhen

Ballonfahrt …
in meine Hand schmiegt sich
die des Enkels

Pflegeheimflur
einer in Nadelstreifen
beäugt die Rollstühle

am Feldrain
der toten Lerche weit geöffneter Schnabel

früher Herbstabend …
uns wiedergefunden in einer Umarmung

Burnout –
immer wieder malt er
unberührten Schnee

weiße Amaryllis
sie taucht die Pinselspitze in die Tusche

den Pinsel füllen
mit Leere
werde Bambus

die nicht geführten Gespräche
trinke Tee
aus Mutters Tasse

Trennungsjahr
sie betrachtet den hellen Streifen
am Ringfinger

Krisendebatte
unaufhörlich
die Nachtigall

Nebelmorgen …
dem Teig zuschauen
im aufschäumenden Fett

stille Andacht –
im Chorraum die Doppelnatur
des Lichts

Videomeeting
ein Glückskäfer landet
auf meinen Notizen

Abendläuten …
forme meine Gedanken
zum Gebet

Abendzeit …
mich laben
am Leuchten der Stille

 


Birgit Lockheimer

Kontaktsperre
unverhoffter Besuch
von einer Amsel

Abstandsregeln
der Ober trägt Maßband

Extra-Systole
aus dem Takt geraten
die ganze Welt

Inseltag
rundum nichts
als das Meer in mir

 


Ingrid Löbling

das alte Paar
die Frau zupft seinen Mundschutz
zurecht

beim Schnäbeln
das Herz der zwei Schwäne
voll Licht

 


Horst Ludwig

Autoradio:
Baltimore Ravens weit vorn …
Weit vorn ein Adler.

Januarnachtwind…
das Sternenthalermädchen
bleich auf der Brücke

Die Schuhmachersfrau,
„ja, sie starb auf die Schnelle.“
Sandalen wie neu.

Wie sacht ’s reife Korn
sich wiegt und wieder sich wiegt,
wie Grillen zirpen

Lao-tse vergaß es,
als er ins Gebirg einzog …
dich, mein stilles Tal …

Nach dem schmierigen
Echokardiogrammtest
totstille Straßen

Auf dem gleichen Flur
drei Mädchen aus Singapur –
Martiniabend

Septembermorgen,
ferner Wandlungsglockenschlag.
Ein Adler hebt ab.

Vieles hätte ich
noch erledigen müssen –
Nikolausschneesturm

Wie alte Sprüche
das Leiden etwas lindern …
Sanctificetur …

 


Ingrid Meinerts

Sommerende
im Koffer der Sand
vom vorigen Jahr

Identitätskrise
das Handy erkennt
den Fingerabdruck nicht

Abend im Herbst
das schale Gefühl
nach dem Zappen

tanzende Drachen
im Frühlingswind
sie wagt einen Hüpfer

 



Ruth Karoline Mieger

Kirschblüten
vier fünf Sprossen der Leiter
erneuern

mit den Lilien
auch Spinnenkinder
verschenkt

die Storchennester
leer
in der Luft Erntestaub

geschlossene Schulen
ein Mädchen malt
die Lehrerin

ihr Lächeln
nach dem Schwangerschaftstest
blühende Kirschen

 


Conrad Miesen

Für ein Nickerchen
geht in den Beichtstuhl heute
der alte Pastor

Krippen-Ausstellung
in Sankt Martin. Die Aufsicht
ist eingeschlafen

 


Andrea Naß

Sumpflandschaft –
Der Ehering
ein Artefakt

 


Eleonore Nickolay

Boule-Spiel
die Flugbahn
des Schmetterlings

Kontakteinschränkung
sprich mit mir –
schöne Blume

Strandpromenade
zwei Lehrer interpretieren
Wolkenbilder

Paris Montparnasse
schief wie der Turm von Pisa
die Fotografin

Tumormarker
in ihrem Gesicht die Spuren
von Tränen

im Lavendelfeld
einen Moment lang
an Gott glauben

Kontaktsperre
wir zähmen
einen Igel

Winterzeit
sie wünscht sich
ein Kätzchen

Sonntag
sie trägt die Maske
mit den Blümchen

Onlinesitzung
die Präsenz
der Fliege

Sterbezimmer
sie wünscht sich eine Handvoll
Erde

Ostern
ein Ei im Garten
aus dem Nest gefallen

Sommerende
ich überlasse das Chalet
einer Spinne

Pariserin
im Schaufenster überprüft sie
den Sitz ihrer Maske

 


Jutta v. Ochsenstein

nach dem Regen
die Biene trinkt am Tropfen
die Welt

 


Thomas Opfermann

Glückskekszettelchen
„Ich kann die Welt verändern“
im Tischmülleimer

Türkischer Mohn
Samenkörner keimen an
Nachbars Gartenzwerg

 


Rudi Pfaller

Angina pectoris
niederlegen
auf einer weiten Wiese

einsamer Weg
eine Grille noch –
verstummt

gegen den Sturm lehnen
unter Bäumen
gebeugt vom Sturm

 


Dorothea Philipps

Herzinfarkt
geschlossen
der Klavierdeckel

 


Tihomir Popović

auf dem bürgersteig
das kleine krokodil
macht strandurlaub

warmer herbsttag
auch der vogelkalender
falsch aufgeschlagen

 


René Possél

dichter nebel
die krähe auf dem baum
fliegt ins nichts

kinderspiel
räuber und gendarm
tragen masken

zwei fetzen papier
vom söhnchen – wir wissen
zwei schiffe

erde zu erde“
nur eine handvoll
sand verweht im wind

die frau am fenster
ganz vertieft in das putzen
ihres spiegelbilds

halbseitenlähmung
mühsam artikuliert er
das wort „beschissen“

rad putzen
von den schönen fahrten
nur dreck

 


Sabina Ptascheck

Apfelmus –
Erinnerungen an die
Süße des Sommers

Auf der Haut
das Prickeln des Mairegens –
voller Verheißung

 


Jörg Rakowski

Zitronenfalter –
Nektar sammelnd
von Grab zu Grab

 


Wolfgang Rödig

Herbstdepression
der Enkel auf der Schaukel
will noch höher hinaus

Schneeballschlachtenlärm
wehmütig an Fenstern
die Veteranen

unser Walnußbaum
mit den Eichhörnchen
für den Winter sammeln

 


Gerd Romahn

Im Sucher
Deine Lippen
auf unendlich

Gartenparty
das Funkeln des Mondes
im Rotweinglas

Wiedersehen
sie spielt mit dem Rotweinglas
… dieses Funkeln

Autobahnrauschen
in der kleinen Kapelle
ein Kreuz aus Helmen

Leichter Schneefall
die schlafenden Schwäne
noch weißer jetzt

Corona-News
der unterdrückte Husten
des alten Mannes

Neuer Flughafen
ganz sanft gelandet
eine Schneeflocke

Sperrstunde
die Stammkneipe füllt sich
mit Abwesenheit

Paternoster
von den langen Beinen
nur noch das Rot

Oktobermorgen
zwei Hände voll Farbe
und ein Jauchzer

 


Jörg Schaffelhofer

ein schrei
ohrenbetäubend
die stille danach

 


Birgit Schaldach-Helmlechner

zweite rauhnacht
was eben noch last ist
wird fallender schnee

faschingsumzug
die blaskapellen
vom wind dirigiert

aufgestiegen
die gedankenspirale
ist des milans kreisen

herbstlaub …
mein leben ist jetzt, sagst du
wachsende entropie

froststarrer baum
am späten morgen endlich
flügelschläge

 


Philipp Scherr

Sie lacht
Und die Hängematte
Zittert

 


Annika Carmen Schmidt

nach dem entrümpeln
mit dem rücken zur leere
die fenster öffnen

ultramarinblau
im museum nur ein seil
vor dem himmel

auf sommerfrische
fruchtfliegenfamilie
im abwaschgebirge

blut gehustet?
erwacht auf rosenblüten
aus dornigem traum

kanalisation
fett & feuchttuchpfropfen
wie rattenkönige

 


Benno Schmidt

eine kleine laterne
wie sie dem regen trotzt
in der nacht

am fahrrädchen
ein beutel kastanien
vergessen im mondlicht

vor der herz-op
am wegrand
leuchtender klatschmohn

erdgeruch
die vögel im regen
unsichtbar

im einmachglas
mit nach hause genommen
ein stück meer

ausrangierte laute
tief im rosenholz
ein herbstlied

sitzbank am kai
ein boot nimmt die möwen mit
in den morgennebel

latte macchiato
der langsame kellner
ihr ex

 

 

 


Maren Schönfeld

Lockdown
die Telefongespräche
nehmen kein Ende

Stille in Nebeln
die sich auf Bäume legen
auf Wiesen und Blumen

 


Dyrk-Olaf Schreiber

Gardinenschlitz
größer und größer
der Mond …

bevor der Bach Fluss wird
diese Last
Kirschblütenblätter

Stolperstein – ich helfe ihr hoch
nach dem Putzen
mit Zahnbürsten

diese eine zeit
von schneeflocken
fallen lernen …

beim Stapeln der Scheite
mein Blick
zum alten Kirschbaum …

letzter Brief
zwischen den Zeilen
nichts

langsames Dunkeln
er ordnet
Glük
zu einem Kleeblatt

Wanderpause
nun stützt der Stab
Erinnerungen

 


Rosemarie Schuldes

Sonnenuntergang
hinter leeren Stuhlreihen
Melodien im Ohr

 


Helga Schulz Blank

ein toter Fuchs
neben dem Jagdschloss
Raben picken

Kirschen.
In diesem Jahr – Unmengen.
Süß wie dein Kuss.

hangle mich entlang
auf dem schmalen Pfad
deines Monologs

An seinem Grab.
Sie wickelt ihre Liebe
in rote Rosen.

abgerissen
vom Kalender die Tage
der Trauer

allein am See
Kieselsteine spielen
mit ihren Händen

 


Angelica Seithe

Quarantäne –
sie lauscht der Nachtigall
aus ihrem Rechner

Jägermond –
das Röhren der Hirsche
in seinem Traum

Herbstfrühe –
ein ferner Schuss zersprengt
die Sonnenstille

eisiger Frühling –
an der Wäscheleine
zwitschern die Klammern

Fensterspiegel –
durch unsre Umarmung strömt
Sommerregen

Herbstspaziergang –
auch mein Schatten
schweigt

Untergrundbahn –
ein dunkles Gesicht
vom Display erleuchtet

im Laub
die letzten Nüsse mit der
Sohle suchen

während sie kocht
am Abend die Hügel
in sämigem Licht

die Bewegung
knospender Zweige im Wind
badende Dohlen

die weißen Augen
der Burgruine am Morgen –
Rabengeschrei

Notarzteinsatz –
zwischen den Gleisen die Wiese
wund von Mohn

Abstand –
nur unsre Räder noch
eins ans andre gelehnt

Quarantäne –
auf der Terrasse tanzt sie
den Strohbesen-Tango

 


Martin Speier

baugrube
ein huhn beobachtet
den bagger

Endstadium –
Er lernt ein neues
Klavierstück.

erschrocken
vor einem gesicht
ohne maske

herbstabend
schärfer sehen was war
alte augen

 


Claudia v. Spies

Ausgangsbeschränkung
ich spaziere
durch einen Wanderführer

Ausgangsbeschränkung
Opa singt am Fenster
„Die Gedanken sind frei“

 


Helga Stania

wo der strom seine ufer trifft der alte schaukelstuhl

auch dort lächelt jemand fernes ufer

dinkelfeld vergesse den himmel über all dem blau

ein schluck aus der schwefelquelle bernsteinlaub

einkornfeld   eine glocke ruft zum gebet

eisiger wind drosseln folgen drosseln von feld zu feld

stare dann wieder abendhimmel

gräser in holz geschnitten die gabe zu sehen

friedwald
dieser eine baum
mich anzulehnen

korallenbleiche
zähle perlen an mutters kette

schwalbenzug der junge streichelt sein kaninchen

limnische zone die metamorphosen in der brechung des lichts

unkartiert am fuße der wand wolkenfluchten

mutters hand
die schatten
von regentropfen

weidenlaub
ich folge
dem fließenden mond

den wind aushalten mein blick aufs ufer stiller freude

regenduft der waldwesen tagesnotiz

schneefall über schmale brücken mir selbst folgen

sommersonnenwende ihre schritte kürzer

plaisir d’amour
sonnenlicht ruht
auf den tasten

wo der baum fiel raum für eine ausstellung

 


Dietmar Tauchner

Septembersonne
der Schatten an der Mauer
bin ich

 


Joachim Thiede

Umzug
die leeren Räume
voller Erinnerungen

Corona Café
fast jeder Gast
eine Insel

Acrylfarbtuben
am schnellsten verbraucht
das Weiss

 


Tobias Tiefensee

flußufer
im alten angelnachen
tummeln fischlarven

deichspaziergang
unser zwiegespräch
zwei monologe

einst unbezwingbar
die burgmauern
angerüstet

verlassene burg
leicht einzunehmen
von der flut

treibgut
sie hält seine Hand
ein wenig fester

frühsommermond
sie lässt ihn nicht schlafen
bafög rückzahlung

gartenfest
in ihr sektglas fallen
holunderblüten

hochzeitstag
ihre ringe wieder vereint
im ultraschallbad

supermarkt
sie sucht zutaten
gegen einsamkeit

kürbisgeist
ein lufthauch nimmt ihm
den schrecken

streuobstwiese
das torkeln
der schafe

ostersonntag
die kleine malt mama
ohne mundschutz

strg + r
den cache löschen
im frühlingswald

balkontüre
die kleine küsst
ihr spiegelbild

ins haus getragen
mit den sonnenblumen
eine honigbiene
Angela Hilde Timm

Arm in Arm
Mäuseschritte zählen
mit Oma Erna

Sonntagsgeläut.
Im Morgenlicht nicken
Osterglocken.

 


Ulrike Titelbach

im schneegestöber
die äste des zwetschkenbaums
ein eichkätzchen springt

 


Elmar Vogel

Frühlingsgefühle-
unruhig die Atemzüge
unter der Maske

 


Anna Vriede

Hochzeitsantrag –
Über deine Lippen
rinnt Schweiß.

Trennung:
Deine Bücher auf
meinem Nachtisch.

Morgenlicht
die Monster stöhnen
unter dem Bett

 


Stefanie Wachowitz

Vorsicht!
Bitte nicht
auf die Tränen treten.

 


Maike Walbeck

Tidenhub
an den Strand gespült das Treibholz
die Sterne

morgens im Friedwald
ein Eichelhäher streift
Reif von den Zweigen

eisiger Wind
im Strauchgeäst die Spatzen
dicht an dicht

 


Udo Wenzel

ein mann eine frau
weichen aus schätzen beide
lächelnd die distanz

Kein Mensch
in der Häuserschlucht
ein Reh

 


Friedrich Winzer

beäugt
von Nachbars Schafen
der Mähroboter

Herbst
im alten Ballsaal
tanzen Blätter

verborgen
hinter der Maske
die Maske

Schach
sein letzter Zug
im Hospiz

im Rollstuhl
auf Augenhöhe
mit der Dogge

Raureif
zwei jauchzende Kinder
auf einem Müllsack

Stau …
die Dampfstöße
der Zigaretten

Trennung
das ganze Haus
voller Leere

Alzheimer
zart gleiten ihre Finger
über den Flügel

Shutdown
die Lok im Schaufenster
entgleist

Herbstmorgen
ein Kran hebt Steine
ins Nichts

nach dem Streit
das behutsame Rechen
im Zen-Garten

Lockdown
der Himmel bleibt dunkel
im Sternelokal

 


Klaus-Dieter Wirth

Coronavirus
dicht an dicht im Schlafbaum
die Schar der Krähen

der Schneemann schmilzt
doch er taucht wieder auf
der Gartenzwerg

lauer Sommerwind
lautlos das blaue Läuten
der Glockenblumen

Küstennebel
umso klarer und bunter
die Kiesel im Spülsaum

Nachbargespräche
das stille Blühen
der Blumen

Neunzigjährige
versorgt die Zimmerpflanzen
der Selbstmörderin

Rotkiefern
entlang der Steilküste voll
von Meeresrauschen

 


Birgit Zeller

Loch im Stalldach
Er pfeift Sabine hinterher
durch seine Zahnlücke

Sterne am Himmel
in den Dünen
wo wir tanzten

Freiluftkino
Die Flugbahn einer Fledermaus
vor der Leinwand

Nach dem Setzen des Kommas
das Grübchen
auf ihrer Wange

Morgenhimmel
Unter der Milchhaut
der Rest des Tages

wieviel wiegt die seele
hinterm horizont
möwenlachen

 


Romano Zeraschi

Morgendämmerung
der Pfau schlägt ein Rad …
Phase 2

Blatt für Blatt
fließender Herbst …
strömender Bach

ohne einen Freund
in einem fremden Land …
sternenklar die Nacht

nur Schnee
nur ein Krähenruf …
Erwachen

späte Stunde
das Heulen einer Geige –
U-Bahn

 


Iris Ziesemer

Blitzschnell ein Handstrich
Vom Sand-Mandala bleibt
Ein lächelnder Mönch

 



Tan-Renga

später Herbst
ein Stück Treibholz
kann nicht anlanden

in starker Strömung
steht dein Schatten

Claudia Brefeld / Angelica Seithe

subito piano
sie sagt sie liebt mich
nicht mehr

in den Schattierungen
ein Hauch zu viel Blau

Christof Blumentrath / Gabriele Hartmann

Selbst Stacheldraht
kann dir Halt sein:
Mohnblume im Wind

mit Sorgfalt zieht sie
ihre Lippen nach

Volker Friebel / Gabriele Hartmann

Pirouetten
sie verdreht
ihre Augen

zahllose Versuche
einen Kreis zu zeichnen

Gabriele Hartmann / Angelika Holweger

Äpfel pflücken
in der neuen Hose
ein Winkelriss

sie stillt sein Blut und spricht
von Nähe

Silvia Kempen / Gabriele Hartmann

Neuschnee
die dünne Haut
der Erde

fröstelnd zieht sie
den Mantel enger

Gabriele Hartmann / Ingrid Meinerts

hinter Gittern
geweitet der Horizont
seiner Augen

das Spinnennetz
zu dicht gewebt

Gabriele Hartmann / Brigitte ten Brink

 

Wie sich Klatschmohn–
blütenblätter im Wind an-
einanderzittern.
Neujahrsschnee, ausreichend Grund,
um darauf anzustoßen.

Horst Ludwig / Beate Conrad

 

Gekräuselt der See
eine Feder legt sich weiß
auf Gottes Atem
Glatteis. Vorhersage: Schnee.
Räumung nicht vor morgen nacht.

Beate Conrad / Horst Ludwig


Zu Teil a: Vorwort, Haiku-Verständnis (3 Haiku-Besprechungen)
Zu Teil b: Haiku und Tan-Renga
Zu Teil c: Haiku-Jahr und Autorenverzeichnis