Haiku-Jahrbuch 2025 – Stille Fenster

Das ganze Jahrbuch als pdf-Datei.

 

Was sind Haiku?

Haiku sind Kurzgedichte. Ihre besonderen Merkmale:

Kürze: Sie werden meist in drei Zeilen gesetzt.

Gegenwärtigkeit: Sie sind in der Gegenwart. Wenn andere Zeiten vorkommen, dann sind es Erin­nerungen oder Zukunftsfantasien, die jemand in der Gegenwart hat.

Konkretheit: Haiku stellen ein Erleben konkret dar, sinnlich miterlebbar, sie reden nicht abstrakt über die Welt, sondern zeigen sie.

Offenheit: Nach dem Lesen sollte ein Nachhall, etwas Ungesagtes, offen Gelassenes bleiben.

Endreime und Überschriften gibt es nicht.

 

Impressum

Haiku heute ist ein Projekt zur Förderung des deutsch­sprachigen Kurzgedichts. www.haiku-heute.de erstellt Monats­auswahlen eingereich­ter Texte. Die Jahr­bücher ver­sammeln davon die interes­santesten Verse jedes Jahres, ergänzt durch nur für das Jahrbuch einge­reichte Haiku auch aus anderen Quellen.

Edition Blaue Felder, Volker Friebel,
Denzenbergstraße 29, 72074 Tübingen (Deutschland)
www.volker-friebel.de

Herstellung und Verlag: epubli, Berlin / Edition Blaue Felder, Tübingen.

Redaktion, Gestaltung, Foto (Brockenbahn): Volker Friebel

Lektorat: Elisabeth Menrad

Veröffentlicht: Mai 2026

Alle Rechte liegen bei den Autoren.

 

Zum Buch

Das Haiku-Jahrbuch erscheint seit dem Jahr 2003. Ziel ist es, Herausragendes aus dem Strom der geschriebenen und veröffentlichten Texte festzu­halten und damit ein Gedächtnis des deutsch­sprachigen Kurzgedichts aufzubauen und zugäng­lich zu machen.

Die vorliegende Ausgabe des Jahrbuchs enthält 663 Haiku von 163 Autoren, die im Jahre 2025 geschrieben oder erstmals veröffentlicht wurden. Sie stehen als gute Beispiele für die Band­breite des deutschsprachi­gen Kurzgedichts.

Diesem Text folgt der Hauptteil des Buchs, mit den aufgenommenen Kurzgedichten, aufgeführt unter den alphabetisch gesetzten Autorennamen. Diese Texte stammen vor allem aus der Netz­präsenz „Haiku heute“, die monatlich eine Aus­wahl erstellt (eingereicht wurden dort 2025 über 6.500 Texte, davon veröffentlicht 1.082), außer­dem aus den Publikationen der Deutschen Haiku-Gesellschaft (Vierteljahresschrift „Sommergras“), aus dem halbjährlich erscheinenden „Chrysanthe­mum“ sowie aus direkt für dieses Jahrbuch einge­reichten Texten.

Es folgt ein Sonderbeitrag: sechs Tan-Renga (zweigliedrige Kettengedichte) als Beispiele für die Möglichkeit, gemeinsam zu dichten.

Ein letztes Kapitel, „Das Haiku-Jahr“, skizziert den Stand und die Entwicklung im deutschsprachi­gen Kurzgedicht 2025.

Am Schluss steht das Autorenverzeichnis.

Alle Texte wurden von Volker Friebel ausgewählt, kritisch unterstützt durch Elisabeth Menrad. Prosa ohne Verfasserangabe stammt von Volker Friebel.

Allen Menschen, die Texte eingereicht haben, unseren Dank für ihre Beteiligung, auch wenn nicht alle Beiträge aufgenommen werden konnten. Wir versuchen bei der Auswahl eine möglichst breite Auffassung von Haiku gelten zu lassen. Trotzdem werden immer wieder auch Texte abgewiesen, die eigentlich gut sind – weil sie Haiku aus vergan­genen Jahren ähneln, weil sie zu lang oder zu kurz erscheinen, weil ihnen wichtige Merkmale eines Haiku fehlen, so Gegenwärtigkeit und Konkretheit, oder weil sie sprachliche Probleme aufweisen. Jeder nicht aufgenommene Text kann durch Überarbeitung gewinnen.

Alle Verse zeigen Aspekte der Welt und des Menschen in ihr. Dass diese Welt für jeden von uns und für alle Wesen eine sehr verschiedene ist, kann uns bereichern. Im Frühling, in der Freude – doch auch im Leid und im Winter.

 

Haiku

 

Elena Abendroth

unter der Seilbahn
die Schatten der Gondeln
kommen später

Ostern
ich nehme den Hasen mit
auf den Schlitten

ihr Leben erzählt
die fremde alte Frau mir
Schmetterlingsbesuch

 

Sylvia Bacher

nach der rasur
wieder sichtbar – das grübchen
in seiner wange

sekundenschlaf
ein verirrter tintenstrich
in der mitschrift

 

Marita Bagdahn

Klavierkonzert
ein Kind im Publikum
macht Fingerspiele

Nach der Wahl
noch all die Versprechen
auf den Plakaten

Rabattschlacht
am Black Friday – ich spare
alles

Wahlkabine
im Eck
hockt die Spinne

 

Christa Beau

Abschied
in meinem Taschentuch
der Schmerz

im Restaurant
ein Grieche serviert auch
sein Lachen

laute Sirenen
im Ambulanzauto
bin ich

 

Daniel Behrens

Förmchenspiele –
die Kleine gibt ihm
ihren Sandkuchen …

Blindes Kind:
„Ich sehe was,
das du nicht siehst!“

Kurz vor dem
Abendmahl –
mein knurrender Bauch

Mund-Kommunion –
die Nikotinhände
des Priesters …

Auf der A4 –
das Rehkitz
geblitzt …

 

Reinhard Berg

Noch führt keine Spur zum Gartentor
Wintermorgen

 

Martin Berner

Herbstpark im Nebel
aber sie weiß
um die Farben

Raunächte
sie bittet den Wäschetrockner
um Verzeihung

die Meise
am schwankenden Zweig
ihres Liedes sicher

erster Schultag
der Opa rechnet ob er
das Abi noch schafft

Vater im Krieg
auf den Fotos in Polen
lachen sie alle

morgens Schnee schippen
ein Autoradio plärrt
heat me up

wieder ein Terroranschlag
sie hat Angst vor den Reden
der Kollegen

Treffen der Parteiveteranen
die Nelken
verwelkt

der Befund
sie sucht Rat
beim hinfälligen Apfelbaum

Märzvogelsang
das Eis um sein Herz
schmilzt ein bisschen

 

Lidwina Bilgerig

Marienlied
dann
grosse Stille

 

Christof Blumentrath

Vorstadtblues
zwischen Lupinen und Klee
Wodka Gorbatschow

 

Tony Böhle

kennen kein Entkommen …
Kerle in der Kumpelzone,
Goldfische im Glas

 

Boryana Boteva

die alte Sonnenuhr
hat ihren Schatten verloren
Ich vergesse, wer ich bin

Der Fluss
schlängelt sich langsam dahin
Zeit für Vergebung

 

Adrian Bouter

Schachbrettblume
der Schmetterling bemerkt
dich auch

Atlasgebirge Hassan hackt Holz

Sommerwein
die Scherben einer Flasche
zerstreuen den Mond

Ostermorgen die Stimme des Gärtners

unzählige Sterne …
das transparente Kondom
auf dem Parkplatz

Solarpaneele –
in den Zypressen
das letzte Licht

 

Claudia Brefeld

Erdüberlastungstag –
ihr Blick verfängt sich
in den Wolken

von Horizont
zu Horizont
mein Weg durch den Schnee

 

Brigitte ten Brink

bleischwer die Luft –
am Rand des Wanderweges
Bunkerreste

Inselhochamt
Orgeltöne fluten
das Kirchenschiff

Vorfrühlingstag
noch ungekämmt das Gras
auf den Wiesen

 

Ralf Bröker

ein Tag ohne News
die Hände in der Erde
meiner Beete

im Coupé
über die Ampel
welche Farbe hat das Leben

erster Frost
wie du Sahne gießt
in unseren Tee

grauer Wintertag
selbst die Schatten der Zwerge
unsichtbar

komm schnell
der Himmel
so rot
so unfassbar rot

Herr!
Ich betrinke mich bei Bach
und deiner Nähe

mein Auto zugefroren
das Seitenfenster
dein Liebesbrief

 

Heiner Brückner

Morgenduft
er trägt noch reife Äpfel
mit achtzig

Flugverkehr
ein Vogelschwarm landet
im Triebwerk

Sonnengesang
Durch die offene Tür
gurren Tauben

Walserhaus Gurin
zwischen steinernen Ziegeln
die Seelenluke

 

Stefanie Bucifal

Novemberlicht
zweigschmal die Schatten
deines Schweigens

 

Pitt Büerken

der alte Kotten
bis er ein Schmuckkästchen ist,
bleibt viel zu tun

Windräder im Meer
Fische jagen die Schatten
der Rotorblätter

die Katze
sie spielt mit den Schatten
des Mobilés

Karaoke
meine Stimme klingt
mir fremd

Schienenstrang
zwischen den Schwellen
die Blaue Blume

 

Christian W. Burbach

Jahreswechsel
die Fruchtfliege klebt am Fenster
wie ich

Juniabend
früh zu Bett gegangen
auch die Träume

 

Kerstin Burkart

Zwei Ohren schweben
Durchs Gras wie von Zauberhand
Kätzchen auf der Jagd

 

Gabi Buschmann

Wintermorgen –
die Sonne weckt den Frühling
in mir

 

Ingo Cesaro

Später Nachmittag.
Der Wanderer hetzt hinter –
seinem Schatten her.

Umgedrehtes Glas.
Ein wild flatterndes Insekt –
verwirbelt Stille.

 

Cezar-Florin Ciobîcă

Kirschblüten …
Mutter nennt mich beim Namen
eines Engels

feuerwerk
der große wagen
voller blumen

altes Schlachtfeld
immer mehr
Mohnblumen

erster Schneefall
die Besucher verlassen
die Kunstgalerie

tropfende Eiszapfen …
die letzten Momente
mit meinem Vater

Polarwind …
ich verlasse das Altenheim
mit Vaters Stiefeln

Flüchtlingslager
die Schneemänner tragen
Militärhelme

Herbstfarben
Mutter färbt ihre Haare
knallrot

Knospen überall
die Friedensgespräche
noch unfruchtbar

Flohmarkt
das Lied der Amsel
ohne Preis

 

Beate Conrad

Digitale Front
lang der Weg durch das Labyrinth
unserer Kriege

im regen lauschend dem meer

fast gesättigt das
Dunkel zwischen den Menschen
Novemberneumond

streuen den Duft des Himmels aus erste Veilchen

warmer Regen
tanzend erreicht mich
der Himmel

singend losgeradelt im Regen ein Sonnenstrahl

wie die Brise durch die Gräser streicht Mittsommernacht

Neujahrssonne der Pfau öffnet seine Augen

deckt leise
die Spuren des Kinderstreits zu
erster Schnee

wo Unendlichkeit beginnt Sterne aus Schnee

 

Zorka Čordašević

Vollmond
in der klaren See
laichen die Fische

Abenddämmerung
das Kind auf die Straße
im leichten Nebel

Das erste Blatt fällt
ein langer Weg voraus
alter Freund

Es schneit
der Trauerzug bewegt sich
jemand singt in der Ferne

Mädchen eilt
zur Quelle
wäscht ihr Gesicht

Ostermorgen
Großmutter am Tisch
wischt ihre Brille

Sonnenuntergang
die Schatten in Omas Haus
werden länger und länger

 

Björn Dahlke

Hastige Schritte
ein Kind zählt die Rollkoffer
unter der Uhr

 

Maya Daneva

aschengrauer Himmel
die Unruhe
der Raben

Bergschmetterlinge beobachten –
plötzlich der Drang
Tanzen zu lernen

Chemotherapie-Infusion …
ich zähle die Tulpen
auf der Krankenhaustapete

beim Warten
auf die Osternachtsmesse
erster Mückenstich

Einsamkeit
die Löcher der Felsen
die die Flut nie füllt

allein
nach der Beerdigung
Magnolienknospen

Stadium vier
alle Zugvögel
sind verschwunden

durch den Hospizgarten
in Gedanken verloren …
erste Schneeflocken

nach Papas Beerdigung …
meine Schwester und ich lesen
seine Bucket-List

Trauerfeier unter freiem Himmel …
Kirschblüten fallen
über Mamas Gesicht

bevor wir darüber sprechen
was das Paradies ist …
diese Schale reifer Feigen

 

Reinhard Dellbrügge

Bierdosen
auf dem Kassenband – der strenge Geruch
des Stadtstreichers.

Plaudern
am Dorfbach – zwei Jungen führen
ihre Pferde zur Koppel.

Raue See –
Welle um Welle und keine
hinterlässt eine Spur.

Spätherbstabend –
am frisch gebackenen Brot
die Hände wärmen.

Strauchschnitt.
Ich beobachte ein Rotkehlchen
das mich beobachtet.

 

David Dentel

Einkaufsmeile
sie bettelt
mit den Tauben

 

Frank Dietrich

als streckte ein Kind
seine Hand nach mir aus
erster Schnee

wie es mich durchzuckt
nach dem Spatenstich
2 halbe Regenwürmer

heimlich berühre ich
deine Hand, die mich
heimlich berührt

novembertag
ein teil des grau
bin ich

endlosverschneiteweite
die worte laufen
ins leere

Sternenhimmel
heute Nacht bin ich
Juwelier

in der Psychiatrie
ich suche
ein Jahreszeitenwort

 

Sandrino Dinter

Sonne und Kippen –
die Katze schließt die Augen
unterm Müllwagen

 

Kirsten Döbler

Zusammengetrieben
von einem Hütehund
die Wandergruppe

Klassentreffen
die besten Freundinnen
erkennen sich nicht

 

Hildegard Dohrendorf

Tour de Montmartre
der Farbklecks des Straßenmalers
noch nicht trocken

Heizungsausfall
die Fenster im Lokschuppen
voll Eisblumen

Abendmahl
Brot und Wein
und meine Zweifel

 

Bernadette Duncan

endlose wohnblocks wild
gewachsene birken am fenster
ein kind

als ich endlich
ohne Stützräder fuhr …
Mondfinsternis

den Brief noch in der Hand
tritt sie ans Fenster –
Wildgänse!

wo der Baum aufhört
und der Himmel beginnt
Blütenwolken

erster Mai
die T-Shirts des Schornsteinfegers
im Kirschblütenwind

ganz oben im Weinberg
zwei Kinosessel die
Landschaft betrachtend

goldene pappeln
am teich der wind dichtet den
himmel hinein

karteln mit enkel wie schön zu verlieren

nachdenklich dreht sie
das Glas Wasser in der Hand
Tagmond

Sommerfest
sie hängt Lampions auf
für die Verstorbenen

nach dem Geburtstag
betrachtet sie sich lang im
Puppenhausspiegel

sternennacht die unwichtigkeit der abstände

beim sortieren die
schatten von den abschieden
trennen … waffelduft

was uns trennt ist
was uns verbindet
schritte im nebelwald

von Taufe bis Beileid …
der Kartenständer hört nicht auf
sich zu drehn

 

Claudia Dvoracek-Iby

trotz allem
den herzförmigen Stein
aufheben

 

Xaver Egert

Amselflug
überm Wintergarten.
Lidschlag.

 

Bettina Engel-Wehner

alt geworden …
das erste Auto
plötzlich ein Oldtimer

Vorweihnachtszeit
auf der Autobahn sechsspurig …
die Lichterketten

frostiger Hauch des Winters:
Eisfedern …
Vöglein dicht an dicht

sehnsucht nach frieden
ich lausche der wärme
des fallenden schnees

Heimatdorf –
wo der Bäcker war …
ein ambulanter Pflegedienst

Morgentau
auf den Wiesen … Glitzern –
gefallene Sterne

der Ruf einer Krähe
lautlos
im Sturm

fliederduft
er fasst ihre knöcherne hand –
ein neuer frühling

Sonnenuntergang –
lauschen
dem Flüstern der Farben

 

Amadea Felber

abgeschlossen
ich hämmere an die Türe
bitte tu dir nichts

 

Hartmut Fillhardt

Dieses Fliegengesumm
In der Küche
Dieser Suppenduft

 

Günter Fitzke

erstes Schneegestöber
die Tür gegenüber
ging noch nie auf

 

Brigitte Flicke

Fremde Heimat.
Auf glattem Marmor
ihre Namen.

 

Gerda Förster

am Ende der Buhne
das Meer kommt und geht
mit seiner Asche

 

Christiane Freimann

Päonie
tausend rote Zungen fallen
Pfingsten

Vielliebchentag
Kunstlichttrösterchen
Gnadenpanier.

Zu verschenken
Puppe Pia schaut ihr
aus dem Puppenwagen nach.

Trauerzug
eine Feuerwanze kreuzt
von rechts nach links.

Geisterbahn
Nicht bremsen!
Car wash.

Totenfürsorgeverfügung
Mondfinsternis
Biberratte.

Ulf und sein Garten
korrigiert ihn immerzu
Nun im Liegestuhl.

Zum Gedenken
an jüngst Verstorbene
tanzen, tanzen, tanzen.

 

Volker Friebel

Alte Lieder …
Von all den vergossenen Tränen
blieb Salz.

Auf der Reeperbahn –
in einer dunklen Pfütze schimmern
Blüten.

Endlos fallendes Licht –
jemand übt Orgel.

Wo Hemingway soff,
leere Gläser. Der Kellner nimmt
eine Bestellung auf.

Spanien, Pamplona, Café Iruna

Santiago.
In den Staub getreten die Feder
einer Taube.

Spanien, Santiago de Compostela

Frauen flanieren.
Eine Zikade zirpt vom einzigen
Sommer.

Ertrunkene Bäume.
Ein Fisch schlüpft zwischen Zweigen
von Blau zu Blau.

Bibliothek
im Schiffssalon – Wildenten
flattern vorbei.

 

Ivan Georgiev

endloser Sommer
die Sammlung von Reiseführern
eines Obdachlosen

Erinnerung an die Zeche
sie zeichnet mit Kohle
ihren Großvater

 

Helga Maria Gorfer

Morgenlicht – langsam
öffne ich die Schiebetür
zum Holunderduft.

Blauregenblüten –
im Wind hebt und senkt sich
ein Sonnensegel.

Ein Windstoß im
Nussbaum – lauter als sonst
fallen Blätter.

Das Tal liegt im Schnee –
als ich die Augen schließe,
geht der Traum weiter.

 

Alexander Groth

sommersonnenwende
sie zeigt mir ihre neue
narbe

auf der schaukel
der schmetterling in ihrem haar
schwingt mit

psilocybin
an meinen armen entlang
klettern rosenblüten

der mond
in ihrem glas
halb voll

dorffest
unter den sternen liegend
in fremder kotze

straßenkreide –
das flüchtlingskind malt sich
einen freund

freispiel
sie führt ihre barbiepuppen
an den altar

familienpicknick
die kleinste
umsummt den honig

im tierheim
sie benennt ihn
nach ihrem mann

mistelstrauch
er küsst
ihre glatze

valentinstag –
an ihren spind schreibt jemand
das wort „hure“

sommerferien
die dorfkinder schießen
auf straßenkatzen

an der u-bahn-station
er wirft ihm eine münze
in den kaffee

auf ihrer schulter
sein name
überstochen

stadtbummel
die kleinste erspäht
das fixbesteck

großstadtleuchten –
ich suche nach sternen
zwischen den flugzeugen

taufe
sie reicht dem pfarrer
ihre puppe

strandtag
die kleinste sammelt
kippenstummel

vogelzug –
aus dem krieg
in den krieg zurück

unterm mistelzweig
meine freundin küsst
die katze

Hitzeflimmern –
sie leckt sich seinen Schweiß
von den Lippen

leuchtkäferflug
der jüngste greift
nach den sternen

 

Ruth Guggenmos-Walter

der weiher taut
spannungsrisse
urtöne …

gefrorener weiher –
in schlittschuhspuren
blinkt sonnenlicht …

 

Silke Habig

Stadtbummel
im Schaufenster treffen sich
zwei Augenpaare

 

Taiki Haijin

Après-Ski-Bar
sein Ausweis liegt draussen
im Kunstschnee

Morgenröte
am Hochzeitstag weckt mich
der Staubsauger

 

Claus Hansson

Regensinfonie
monoton im Hintergrund
blinkt ein Drucker

Grabpflege –
ein bisschen reden
im Frühlingsduft

Wintereinbruch −
er wartet noch immer
auf ihren Brief

 

Gabriele Hartmann

fallender Schnee
im Luftschutzkeller singt ein Kind
Stille Nacht

flackerndes Licht
das Klopfen meiner Geister
hinter der Wand

Neujahrstag
ich drehe die Tischdecke
nochmal um

Kirschblüte
er passt seine Schritte
den ihren an

Gott der Berge die Stille nach seinem Schrei

Querflöte
tiefer nun das Blau
ihrer Augen

 

Georges Hartmann

Straßenlärm bricht sich
am vergitterten Fenster.
Noch 10 Jahre

Vor der Sonnenglut
such’ ich Schutz unterm Baum.
Gewitterwolken

 

Sylvia Hartmann

erster Kratzer
am neuen Möbelstück
nun gehört es mir

Sprachkurs
aus meinem Mund spricht
eine Fremde

einsame Alte
nur der Hund versteht noch
ihre Sprache

 

Bernhard Haupeltshofer

nebelkalter tag
heute schlagen wir den baum –
das haus: lichterwarm

alte grabplatte
des auslandsjournalisten –
ein stein statt blumen

 

Birgit Heid

Wahlheimat
großes Geschnatter bei den
Kanadagänsen

Burgfräulein
das Raunen
der Erwachsenen

Südwind
ein Feuerwehrmann
weint

Webshop
ich öffne das Fenster
zum Vogelgesang

Käsekuchen
Omas Rezept für ein
gelungenes Leben

Kranichrufe
eine Reisegruppe
wird still

Familienbesuch
du sprichst in der Sprache
unserer Urgroßmutter

Winterklausur
ich schlafe unter dem
offenen Fenster

weiße Leinwand
sie rührt einen Klecks
Sonne an

 

Martina Heinisch

Urlaub
der Kuckuck
ruft und ruft

 

Hubert Heizmann

Kranichzug –
am gespaltenen Himmel
die Schreie

Treidelpfad
ziehende Kraniche
flussaufwärts

as times goes by –
der flüchtige Duft
wilder Rosen

im Schilfsaum
ein Graureiher verlangsamt
den Tag

ein Schwan
den Hals zur Sonne gereckt
entfaltet den Tag

Schweifstern
am Nachthimmel verglüht
ein Satellit

Wacholderheide –
eine Schafherde zieht
über den Himmel

erste Knospen –
ich packe den Koffer
wieder aus

wankender Mond –
im Wasserglas sprudelt
ein Aspirin

im Maien …
auf dem Blechdach tanzt
der Regen

Liebesbrief –
die blaue Tinte verlaufen
ins Weiß

Saharasand –
auf der Windschutzscheibe
Sehnsuchtsworte

die Fünfjährige
klimpert auf dem Klavier
die Zunge spielt mit

im Reisebus
der Favorit
ein Heimatfilm

Jahresneige –
erloschene Sonnen
auf kahlem Feld

Strandspaziergang –
vor mir die Flut spült Licht
in die Priele

 

Torsten Hesse

morgens im April
das Sternbild des Löwenzahns
im taunassen Gras

Nach langem Wandern
als wäre das Ziel erreicht
der Ruf des Pirols

Heavy Metal dröhnt
aus der Wohnung nebenan –
ich bin nicht allein

 

Sandra Hilbert

Süßes oder Saures
zwischen Zombie und Skelett
eine Mutter

am Küchentisch
er legt FRIEDEN
mit Russisch Brot

Die tanzenden Hände
des Taubstummen im Gespräch
mit sich selbst

Passion
Gottes Sohn stirbt im Licht
der Handys

Im Laden
zum Testen der Stifte
Frieden schreiben

 

Anke Holtz

Fado und Portwein
den alten Liebeskummer
noch einmal spüren

Februarsonne
die fliehenden Krähen
nehmen das Gleißen mit

auf dem Gipfel
nur Nebel
und das Kreuz

nach dem Glühwein
die heitere Weihnachtsbeleuchtung
am Toilettenwagen

neue Nachricht
aus Einsen und Nullen
eine Umarmung

Halbmast
im kalten Wind
das Schlagen der Flaggen

über der Blütenwiese
das Schmetterlingspaar
umtanzt auch mich

Stellenabbau
die Büro-Orchidee blüht
und blüht

 

Angelika Holweger

Frühstückstisch
auf dem Steuerbescheid
sitzt die Katze

Wabenkerzen aufrollen
dieser Duft aus
Vaters Honigküche

auf der Anhöhe
lehne mich an
das warme Holzkreuz

der Zauber
in ihren Augen
Tollkirschen

auf seinem Grab
Butterblumen und Löwenzahn
Kater Mikesch

Wandlung …
die Farben des Seitenschiffs
im Abendlicht

 

Wolfgang Hölz

bitterkalt
in der Flasche
nur noch Beeren

am Steg
ein Hund verbellt
sein Spiegelbild

Hunde kläffen
der Mond
nicht zu verjagen

Asphodelus
in der Opferschale
schwimmen Sterne

Taufbecken
im Wasser schwimmt
ein Plastikfisch

die Glocke
von Hiroshima
ihr tiefer Ton

eine Libelle
bewacht ihr Paradies
Panzerspuren

erste Regentropfen
im Staub
blitzen Perlen

Gutenachtgeschichte
das Holzpferd
schläft im Kinderbett

Heiliger Abend
in der Plätzchendose
nur noch Brösel

Marienstatue
zu ihren Füßen
ein Gebetsteppich

Jakobsweg
nur Pilger sehen ihn
den Engel

Mittagessen
vor dem Schaukelpferd
ein Salatblatt

Morgentau
auf Buddhas Glatze
glitzern Perlen

Zugvögel
das Fenster im Hospiz
weit offen

am Grab
allein
mit all den Blumen

 

Tobias Hormann

Liebesglück
zwischen uns
nur die Katze

 

Ilse Jacobson

Erbsensuppe
Erzählstunde mit Mutter
am Herdfeuer

„hinter der welt …“
steht auch mein ahornbaum wartend
im herbstlichen rot

(„Die Welt ist weit“ von Ingeborg Bachmann)

 

Winfried Jokisch

Im Morgennebel
die unheimlichen Schatten
sind nur die Kinder

 

Rüdiger Jung

Im Fenster gegenüber
sieht keiner mehr wenn ich
den Briefkasten leere

Was immer du tust
Du gehst ihn nie mehr wieder
den Weg von heute

 

Christoph Junghölter

Jugendherberge
unterm Bett
eine Dose Monster

 

Hilde Kähler-Timm

Obdachlos.
Doch am Arm blüht noch in Schönheit
eine Tattoo-Rose.

Totensonntag.
Kinder spielen Verstecken
hinter den Grabsteinen.

 

Deborah Karl-Brandt

Englischer Rasen
Auf dem frischen Grün grasen
drei Plastiklämmer

Orkanböen
Ihr Atem und das Universum
vermischen sich

Kirschblütenblätter …
merke dir das, das ist alles
was du hast

 

Claudia Katz

Sonnenaufgang
Glitzerfetzlein auf dem See
der Akku ist leer

Abendsonnenschein
der Bauer hängt die Mütze
über das Kuhhorn

 

Marek Kiślak

Frühlingsgezwitscher.
Der Tinnitus vermag’s nicht
zu übertönen

„Das Problem ist, dass
alle haben Probleme.“
Zigarettenrauch

 

Bastian Klinke

Zahnarztbesuch —
im Wartezimmer
ein Teller mit Keksen

Herbstnebel
im Whiskyglas
5 Jahre Staub

 

Rolf Klöcker

Vaters Werkzeugkasten
unter den Geräten
das Herz Ass

Am Gartenzaun
hält der Betrunkene,
spricht mit den Blumen.

Von Rocco
korrekt gestellt:
Der Postbote.

Nach dem Regen.
Das Mondlicht tropft
durch die Tannen.

 

Anett Klopsch

Erster Frost
das Glitzern in den Zweigen
und ihr Abschiedsbrief

Bunte Seifenblasen
die Sehnsucht nach
einem Morgen

Über den Wolken
serviert die Stewardess
ein Lächeln

Ginsterblüte
dich an die Hand nehmen
und tanzen

 

Oliver Kai A. Knütter

Nicht das Bild
eines Puppengesichts.
Ein Spiegel.

Eine Rose im
Staub. Der Abdruck einer
Rose im Staub.

Die Amsel im Hof
meiner Kindheit
singt falsch.

 

Angelika Kolb

alt gewordene Anmut
im Blütenmeer
jetzt

 

Sylvia König

Chorprobe
Requiem im Sopran
ein leerer Stuhl

auf dem Fischerboot
in ihrer Hand die Muschel
mit seiner Asche

 

Norbert Kraas

Der Witwer im Bus
nur die Halteschlaufen
als Stütze

 

Isabella Kramer

orchideenduft
nach all diesen jahren
mein brautbouquet

schlosspark
zwischen fallenden blättern
geigentöne

pfirsich samthaut
ihre lippen erinnern sich
an seine

 

Gérard Krebs

Mitternachtssonne
die Lok vorn am Zug schwarz
vor lauter Mücken

Sonntagmorgen –
kalter Kaffee und das Surren
des Kühlschranks

unter der Linde
ruhen wir uns aus
mein Schatten und ich

 

Tine Krieger

Teestunde –
in Mutters altem Becher
zittert der Himmel

 

Tobias Krissel

arie
den federwolken
lauschen

„über den wolken“
der blick des bettlers
am flughafen

kinderschlafsack
die wärme des luftschachts
am morgen

dämmerung
selbst unsere bewegungen
werden blau

schneeflocke
ihr kuss
zum abschied

 

Gerd Kufner

Schweiß auf der Stirn
sehne ich mich nach den
fallenden Blättern

 

Nicole Kullick

Noch lauter
als im Wortgefecht soeben
schweigen wir

Abschied
zwischen uns
das Zugfenster

 

Marianne Kunz

Frühjahrsputz
das Grau des alten Jahres
im Putzwasser

Wildbach
der Klang des Schnees
aus den Bergen

Als sie zu denken aufhörte –
der Klang fallenden Schnees

Verlassenes Bergdorf
im Briefkasten des „Hirschs“
nistet ein Vogel

Chest Pain Unit
am Monitor die Nulllinie
ins Endlose

Erste Schritte
die Händchen
voller Blütenstaub

Sternenhimmel
der Kleine erklärt seinem Papa
Gott

Schwalbenzug
auf seinem Grabstein
das Profil seiner Wanderschuhe

Unter dem Sarg des Kindes
das tiefe Loch

Des Totenglöckchens Geläut
ein Kind
hält sich die Ohren zu

Zur Stille finden –
das Innere einer Pfingstrose

Brief um Brief
legt sie ins Feuer
lodernde Nacht

Am abgeräumten Grab der Mutter
Pusteblumen

 

Moritz Wulf Lange

Die Frühlingssonne –
selbst das magere Kutschpferd
trägt den Kopf höher.

Ein kleines Mädchen
fährt mit dem Fahrrad im Kreis –
Kirschblütenschauer.

Am 8. Mai
beim Anblick einer Wagenspur
stehen bleiben.

20. Juli –
ganz hinten im Raum glitzert
ein Fleischerhaken.

Eine Schautafel
an der Erschießungsmauer
die Butterblumen.

In der Kapelle
eine dünne Eisschicht im
Weihwasserbecken.

In Omas Küche
die einzige Bewegung
am Fliegenfänger.

Beim Kostümfest
schmiegt sie sich an ihn,
die Schwägerin.

Zu zweit im Strandkorb –
wir vergleichen unsere
faltigen Hände.

Am Nikolaustag
mit gesenktem Kopf vor der
Essensausgabe.

Dichtes Schneetreiben –
Vater geht noch einmal raus,
Feuerholz holen.

 

Roger Le Marié

Derselbe Gipfelaufstieg
An Urgrossvaters Sonnenhut
Edelweiss

Darkroom
die ganze Tiefe
seiner Einsamkeit

 

Rudolf Leder

Mein Gang
in deinem Gang
hallt nach

schiff auf see
zusehends werde ich
kleiner und kleiner

 

Georg Leng

morgendämmerung
zwischen traum und wachen
das lied der amsel

brücke im sturm
die liebesschlösser
halten

abend am see
die spiegelung des lichts
in uns

 

Eva Limbach

Sommerregen …
in der Schutzhütte die Tüte
des Obdachlosen

fallende Blätter
die Lust
mich zu verlieren

Erntedankfest
auf jedem Apfel
ein Kunststoffsticker

alleine
ich frage die KI
nach ihrem Namen

Morgennebel
das warme Licht in den Fenstern
der Trauerhalle

Frühling über Nacht
die knallbunten Farben
im Containerhafen

mein Leben
wie’s so an mir vorüberzieht
Schneeflocken im Wind

wie er mich tröstet
der Schnee
auf den ich warte

zwischen den Jahren
die Engel
im Angebot

junge Amsel
noch einmal
so vertrauen

 

Paul Lindner

Ins 5. Stockwerk:
Knochenmarktransplantation.
Hoffentlich schaff’ ich’s.

 

Ramona Linke

Abendsonne
der Auwald geflutet
mit Stille

Weihnachtsmond
zuweilen duftet ein Windhauch
nach frischem Brot

Fastenbrechen
die Kühle des Apfels
in meiner Hand

nach der Diskussion
das leise Summen
des Teekessels

Schneesturm …
im Schaufenster der Putzmacherin
Frühlingshüte

Intensivstation
sie erzählt ihm vom Meer
das er nie sah

Mittagshitze
weit geöffnet
die Schnäbel der Hühner

Nachbarschaftsstreit
hinter der Hecke
das Kichern der Mädchen

Notaufnahme …
über der Ausgangstür leuchtet
ein Weihnachtsstern

Kreuzworträtsel:
ein anderes Wort für Demut

Polterabend …
die gezuckerten Ränder
der Cocktailgläser

Wieder hier …
er sucht das Herz
in der Rinde

Midlife-Crisis
sie nimmt ihre Maske ab

Eis auf den Pfützen.
Ein Schwarm Krähen sucht
den Schlafbaum auf.

Damengambit
die Schachuhr berühren
Sonnenstrahlen

Feenkreise –
das leise Rauschen
des Rechners

 

Mile Lisica

Bluttransfusion –
zwischen zwei Tropfen
Sonnenuntergang

Herbstmorgen –
jedes Berghaus
hat eine eigene Cloud

schleicht sich
in die Geigentöne
die Aprilsonne

 

Ingrid Löbling

Grabpflege
unter dem Laub
der Frühling

 

Birgit Lockheimer

der Armreif locker
am Handgelenk
römisches Frauenskelett

mit seinem Eisvogelschnabel
fliegt er flirrend voran
Shinkansen

 

Horst Ludwig

Wie die Fähre treibt,
’s weiße Segel sich schüttelt.
Blau heut der Himmel.

Fußgängerzone,
Picassos Weinende Frau.
Ein Frühlingsschauer.

Re-Reruns: Rawhide
Bonanza, The Rifleman …
Ich konnt’ auch reiten.

Aus ’ner offnen Tür
Lied vom geheimen Garten.
Lange Korridore.

Wie’s mich begleitet,
’s gewohnte Wo gehn wir hin?
Immer nach Hause.

 

Werner Martini

Des Weihers Stille
nach eines Fisches Sprung
nur noch tiefer

 

Gaby Matthes

Grillenzirpen
in den Feldern glühen Tag
und Sonne nach

 

Ingrid Meinerts

Aquarellkurs
wie male ich
Pflaumenblütenduft?

Faschingsdienstag
hinter lachenden Masken
müde Gesichter

 

Ruth Karoline Mieger

Friedensdemo
zwei Mädchen streiten
um Papas Arm

allein im Heim
sie lauscht den Vogelstimmen
auf der CD

Neumond
seine Narben im Gesicht
ein Familiengeheimnis

siebzehnte Etage
jemand bedankt sich
für einen Sonnenstrahl

 

Conrad Miesen

Die Weihrauchkörner
in den Ofen geworfen –
Raunächte glühen

 

Eleonore Nickolay

erster Schnee
sie zupft ein weißes Haar
aus der Braue

Weltbienentag
er mäht den Rasen
und die Gänseblümchen

„Octobre Rose“
das Zartrosa von
Chantals Narbe

die Blumen der Freundin
jetzt bleiben sie für immer
bei mir

Herbstwind
zwischen den fliegenden Blättern
ein Schmetterling

Metro Paris
Willkommen an Bord
sagt der Obdachlose

Hochsitz
Vaters zitternder Finger
am Abzug

Fernweh
auf der Wiese ruhen
Kanada-Gänse

 

Gareth Nurden

Eine Straße füllen
mit einer einzigen Note
Nachteule

 

Lisa F. Oesterheld

Frühaufsteherin
das Morgenrot –
ihr Geheimnis

auf dem Schreibtisch
zwischen den Denkzetteln
ruht die Herzmuschel

Sonntagsspaziergang
wir kosten Sommeräpfel
mit sauren Mienen

vor der Buchhandlung
in Büchern stöbern –
der Wind blättert um

Friedensdemo
eisiger Wind
wir rücken zusammen

 

Ludmilla Pettke

betreuungsangebot
oma und enkel
sichten die flyer

an heiligabend
brauchen die geschenke platz
die krippe muss weg

 

Jutta Petzold

fallende Blätter
die Sehnsucht
eine Frühlingswiese zu malen

in der Kirche
ein kleines Kind
verneigt sich vor der Ikone

leuchtende Bergspitzen
Abendsonne
flutet das Atelier

plötzlich Katastrophenalarm
die Bettlerin
sucht ihr Handy

auf dem Bahnsteig
immer kleiner
unser Winken

in die Blüte schlüpfen
die Wiesenhummel
und ich

 

Rudi Pfaller

Heimkehr
steifbeinig
lasse den Nachtfalter rein

 

Tihomir Popović

baumkronenrauschen
auf dem tim-und-struppi-heft
der blutdruckmesser

sommerferien
vor dem computerbildschirm
nur leises schluchzen

 

René Possél

osterglocken
ihr strahlen übertönt
jedes wort

trappistenkloster
der alte bruder zeigt uns
die stille

von fern
angelusläuten
so fern

 

Willemina Preiß

Unterwegs im Wald –
die Tüte voller Flaschen
mit Aufdruck With love

 

Sylvia Prieth

Im Kreidestaub glitzert
das Licht
Tafellöschen

nach dem vierten Läuten endlich
ihre Stimme
sie lebt

 

Sonja Raab

zwei badenixen
im himmelblau versinkt
ein köder

 

Jörg Rakowski

Zimmer 402 –
am Ende
die Stille

 

Bernd Reklies

Verfallene Scheune
Im Winterwind
Stimmen von früher

Winterwind
Im Takt des Schmiedehammers
lodert das Feuer

Im Schiffslokal
Haifischzähne an der Wand
Draußen schreien Möwen

 

Renate Maria Riehemann

Längst trägt der Ahorn
goldgelbe Blätter – auch du
duftest nach Herbst

Abschiedsgedanken
beim Klang des Nadelspiels
Runde um Runde

 

Wolfgang Rödig

zwischen Aufbruchsstimmung
in Umzugskartons
das alte Leben

ein guter Jahrgang
der alte Winzer
liest in den Trauben

 

Rita Rosen

Grabstätte
die Laute in der Hand des Engels
moosüberzogen

Magnolienblüten
verstreut über den Weg –
ein Windstoß kam auf

Dämonenfratze die Wolke
der Drache
verwirbelt sich

Eifel-Heimatdorf
eine Senegalesin
weist mir den Weg

Weihnachtsmarkt
Glühwein getrunken –
eine Sternschnuppe im Glas

 

Catharina Rudy

Hagebutten
Jetzt zieht auch die Jüngste aus
Lass uns Tee kochen

mit leeren Körben
verlassen wir den Wald
Arm in Arm

 

Elke Sackel

herr schrödinger* schläft
im schatten des apfelbaums
vielleicht – vielleicht nicht

(* herr schrödinger ist meine schildkröte)

 

Frank Sauer

Weihnachtssterne
im Heim hinter der Scheibe
ein altes Gesicht

 

Birgit Schaldach-Helmlechner

frühherbstabend
aneinandergekuschelt
die schwarzkopfschafe

in der umarmung
so sacht dann gestreift
vom frühlingsatem

noch zukunftsdunkel
was wir uns zuhauchen
unter’m mistelzweig

sandige furt
sommerwind, der das schilf biegt
hin zu dir

vorfrühling
dächt’ ich doch nicht ans sterben …
die erste biene

herbstahorn –
pulsend warm fühlt es sich an
zu lieben

ernteluft –
lächelnd teilen wir
die herzkartoffel

einfach ausgelöscht
was ich an spur hinterließ
vom tauenden schnee

 

Tim Scharnweber

tagesanbruch
er schöpft die farben
zurück in die welt

das licht
ist bereits drinnen
kirchenbesuch

letztes konzert
der saison auf der waldbühne
laubbläserduett

 

Michael Rasmus Schernikau

Neue Wohnung
Die Nachbarin bringt Brot und Salz
und Ohropax

Kirschblüten
treiben vorbei an der Brücke
der Liebesschlösser

Spiegelbild
des Herbstlaubs – ein Fisch
zerteilt es.

Immer noch
liegt der Hund unter der Couch –
Neujahrsnacht

 

Gabriele Schettler

Pusteblume
zwei Kinderhände versuchen
zu fliegen

Lichtwesen sind wir
sagst du und stolperst
über einen Ast

der Schrei meines Sohnes
im Halloweenkostüm
hockt eine Spinne

Sonnwendfeuer
die leichte Schwermut
im Saum meines Kleids

wie im Hotel
sagt die Mutter im Hospiz
und muss auschecken

 

Elisabeth Ba Schmid

gefrorene eider
in warmen daunenfedern
die ente und ich

 

Annika Carmen Schmidt

kirschholz
das kind schnitzt
dem urgroßvater ein herz

ferienfreund
das kind schwimmt
mit dem unsichtbaren delfin

u-bahn-morgen
plötzlich an meiner schulter
ein schlafendes kind

übers baugerüst
kam er zum sonnen aufs flachdach
der fuchs

vatertag
er füllt den bierkasten
mit blumen

unter dem laub
müde marienkäfer
wieder zugedeckt

auf dem weg zur nachtschicht
die hunde heulen
mit mir

weihnachtswunder
es klingelt
an der wichteltür

 

Benno Schmidt

ferner horizont –
das meer hält an
vor zwei kinderfüßen

großmutters gedichtband –
das gepresste herbstblatt
bricht beim umblättern

herbstwald –
ein salamander verschwindet
im pilzring

lichtspiel –
durch kinderfinger
rinnt himmel

mondlicht auf wurzeln
der fuchs lauscht lautlos
vor nichts

salzwiesenwind –
zwei reiher fliegen auf
tragen den blick fort

museumslicht –
mein schatten
wird teil des gemäldes

zwischen stille
und stille
ein vogelruf

 

Angela Schmitt

beginnt mit leisem Glockenklang – Abendstille

nimmt die Wehmut – der Chrysantheme schweres Rosé

Schneeflocken fallen vom alten ins neue Jahr

dorthin mit leichten Flügeln – schwertlilienblau

 

Kristoffer Schneider

Morgenzeremonie:
Im Takt des Mokugyo
eine Ente

 

Dyrk-Olaf Schreiber

Früchteeisbecher
mit jedem Löffel
das Café wärmer

Schnee am Morgen
die kleine Spur vertieft
Vaters

Klang des Haustürschlüssels
am Morgen
am Abend

 

Rosemarie Schuldes

am igelhaus
mariechen summt
ein schlaflied

Weihnachtsoratorium
der Raum füllt sich
mit Vanilleduft

mutters todestag
ein rotkehlchen singt

 

Helga Schulz Blank

süßer die Glocken
im Kaufhaus Gedränge
mein Enkel weint

Gottesdienst
„I like the way you kiss“
ihr Handy singt

im Bach
Holunderblütensterne
fische dir einen

nach der Kirche
das Brautpaar schreitet durchs
Regenschirmspalier

Allerseelen
heute lachen und rauchen sie
mit den Toten

 

Marie-Luise Schulze Frenking

Frühlingsbeginn
im lichten Wald
dem Leben lauschen

der Klingelton
des Kloputzers
die Bondmelodie

dein Schatten
im Türrahmen
als du gehst

der Barista schenkt
ihr lächelnd sein Herz
im Cappuccino

im Sterbezimmer
den Durchzug
spüren

in den Ruinen
das Kyrie eleison
verweht

Scherbenviertel
der kleine Junge sammelt
Treuepunkte

Jahr der Schlange
meine Kollegin bietet mir
das Du an

Münztelefon
aus der Zeit gefallen
meine Einsamkeit

Valentinstag
zwei Eheringe
an ihrer Hand

Silvesterböller
im Schlaf schreit es auf
das Flüchtlingskind

auf der Blüte
die Libelle mit Flügeln
aus Licht

sie wird neunzig
wenn sie vom Vater spricht
weint sie

voller Pendlerzug
in den Scheiben spiegeln sich
leere Gesichter

Zugausfall
wir bitten um Verständnis
die Tauben nicken

aufgegangen
am Kirchenportal
Reispflänzchen

Buße tun
den Pilgerweg begleiten
Heckenrosen

 

Maria Schuppler

in der lücke
zwischen schmerz und atem
die nachtigall singt

lautlos pulsierend
lichter rund um den see –
sturmwarnung

straßenlaterne
eine spinne seilt sich ab
ins dunkle

auf einem sonnenstrahl
durchs offene fenster –
die erste fliege

 

Kea Martina Schwarzfeld

verstorbener Pianist
einzig hinterblieben
das Klavier

der Senior lobt
nach langem Monolog
das gute Gespräch

 

Angelica Seithe

Winterstille –
aus verschneiten Sümpfen
steigt der Mond

Kranichballett –
wie schwebend damals
unser Tanz

Neujahrsnacht –
wir finden die Katze
im Keller

Sommerende –
jedem Schritt entspringen
Grashüpfer

Stirn an Stirn
unsre Schatten an der Wand –
Mittsommerstille

über geschmolzenem Gold
die Flügel ausbreiten –
Sommerabend

vergangen –
noch immer gibst du mir
Halt

in der Vase
ein blühender Zweig –
Abendgebet

wie der Vogel
sich löst und dahinschwebt
über den Schnee

nach dem Beben –
in Trümmern steht aufrecht
der Feigenbaum

Windharfe –
noch immer singt
der tote Baum

Sommernacht –
das Zurückfluten der Stille
nach dem Fest

Wolfsmond –
der ausgeleuchtete Schlafplatz
des Obdachlosen

Novemberblues
ich fege Blätter, neue
fallen

Blätterfall –
bald wieder sichtbar
dein erleuchtetes Fenster

 

Georg C. Sindermann

Glitzernde Winterlandschaft –
ein Zug fährt mitten
durchs erste Türchen.

„Tratsch im Treppenhaus“ –
im Foyer geht er weiter.

Am Pissoir –
aus dem Lautsprecher
plätschert Musik.

vor der muckibude –
ein champignon durchbricht
den asphalt.

Diskussionsrunde –
auf dem Klangteppich
davongeschwebt.

Nachts am See –
die Entenfamilie
auf dem Weg zum Mond.

Konfirmandengottesdienst –
in der letzten Bank
kein Empfang.

 

Sulamith Sommerfeld

Raureif
Grashalme am Straßenrand
leuchten im Dunkeln

 

Martin Speier

an der dorfkirche
die namen der helden
kaum noch lesbar

Gleich oben
in der Umzugskiste
ein Trennungsratgeber

im garten
die enkelin gießt
das unkraut

Vorfrühlingstag;
Igelchen, schläfst hier
auf ihrem Grab?

 

Mira Speier

Blick aus dem Fenster
Der weiße Vogel
Nur eine Plane im Wind

Heimfahrt
Im Abenddunkel
Das Wort Krieg

 

Helga Stania

preiselbeeren in einer kiepe ihr kind

ein brett als bank
etwas mitnehmen von der ruhe
der schafe

als streichelte ich
mutters haar –
fruchtendes wollgras

an ihrem widerstehen uns zu messen: alte Lärchen

schneenacht –
tiefer und tiefer zieht’s mich
in mein buch

computercrash – ich lese kafka

das andere
hinter den morgenschatten
ungewissheit

hinterlandpfad – die handvoll wilder kirschen

die bank
in einsamer höh’
türkenbund

ein anruf und die farbe der rose ist verblasst

grasmücke …
der moment in dem ich
schweigen möchte

herbstschur – die augen tränen im wind

als erzeuge sie farben
im singflug
die lerche

vaters todestag.
ein windhauch streift
die blütenwiese

dem dunkel trotzend
die kirschblüte

ein langes leben …
sie feiert
ihren eigensinn

kornelkirschenrot ihr lächeln nur für sich

sehen im rhythmus meiner schritte moortagebuch

wilde lilien …
die geheimen kammern
meiner freude

 

Susanne Staudinger

O, wie weit der Weg
durch den knöcheltiefen Schnee
in Schuhen aus Bast

 

Heike Stehr

Im Frühlingslicht
die Farbe
deiner Narben

 

Thomas Steiner

holzwurm!
der korb, der korb! der schöne
korb! der kindheitskorb!

rouladen
rotkohl knödel
draußen nebel.

oh!
maden im salat!
wie fröhlich sie krabbeln.

 

Katrin Streeck

Diese Leichtigkeit
Wie Flaumfedern schwebend
Im Frühlingstaumel

 

Tobias Tiefensee

ehestreit
der kater
stellt das schnurren ein

ich liebe dich
sagt die kleine und umarmt
ihren globus

adventskonzert
bei stille nacht schweigt er
mein tinnitus

die kleine
ihr handteller im vergleich
mit dem ahornblatt

jugendgefängnis
der hof voll gefallener
kirschblüten

amseln im schnee
genährt vom wildapfelbaum
den ich fällen wollt

 

Angela Hilde Timm

Im Frühlingswind
tanzt welkes Laub mit
Schmetterlingen

Krankenbesuch
Durch die Terrassentür –
Ein Admiral

Himmelwärts –
Bis letzte Blütenblätter
Im Wind verwehn

 

Ulrike Titelbach

das wasserrauschen
in den kiemen der fische
am angelhaken

de nokadn esd
grauschwoaz de krah, si schdreidn
um eana blazl

die nackten äste
grauschwarz. die krähen streiten
um ihre plätze

der pusztakutscher
lässt die zügel schleifen
fliegende hufe

ein letztes mal noch
über die klinge springen …
das kopflose huhn

stumme felsen
das maul der moräne
weit aufgerissen

zwa fingaspitzn
grod so auf da hüftn
da easchde tango

zwei fingerspitzen
berühren kaum die hüfte
der erste tango

 

Anna Vriede

glühende Gesichter
im geschlossenen Buchladen
brennt Licht

sonnenwarme Bleche
trockne Aronia
und meine Tränen

12-Wizard-1-4
die Freundinnen schauen sich
in die Karten

ein bunter Tulpenstrauß
Du lachst
in Akkorden

Umarmung
zwischen seinen Schulterblättern
entfalten sich Flügel

 

Jennifer H. Weber

Friedvolle Stille
herrscht im Seniorenwohnheim
Opa plant die Flucht

Pech in der Liebe,
kein Glück im Spiel – ich träume
von Kohlrouladen

 

Elisabeth Weber-Strobel

Trauerfeier
die Nägel der Enkelin
tragen schwarz

Gartenarbeit
wie tief sie wurzeln
Mutters Ableger

 

Helga Weiss

Sommerhitze
der Geschmack von Orangen
am gurgelnden Bach

im Krankenhaus
warten im langen Flur
auf ein Bett

todkrank an der
Chrysantheme riechen
leben wollen

mein Gesicht im Fell
das Kätzchen schnurrt
heilt alte Knochen

 

Claudia Wenzel

Letztes Lied im Konzert.
Der Sicherheitsmann
weint.

 

Irene Wiedemann

Es raschelt wieder
unter unseren Füßen
Laubbläserdefekt

Aufgebot zum Fest
Zauberst Licht in diese Welt
Engel ohne Schuh

 

Roland Wiedenmann

Ein Kuchenstück
und keine Blumen – wieder
ein Jahr einsamer

Auf dem Grab
der Kalkstein ohne Namen
Heimat eines Spinnleins

Blick vom Turm
im Fernrohr
drei Gänseblümchen

Gleise im Mondlicht
die ins Dunkel führen
Rascheln einer Maus

 

Friedrich Winzer

Morgenkaffee
ich küsse Milchschaum
von ihrem Mund

nach dem Regen
Fußspuren füllen sich
mit Sonne

Altenheim
jeden Tag ein Kranich …
gefaltet

Haltestelle
ein Erstklässler buchstabiert
fuck you

Kinderhospiz
und wieder entsteht
ein Stern

alter Schuppen
die Fensterscheibe geflickt
von einer Spinne

Alzheimer
der Enkel erzählt Oma
von früher

Beileidsbriefe
und dann die Flut
die Rechnungen

der Stern
den ich ihr schenkte
verglüht

Wolkenkratzer
in den Glasfassaden
Wolkenkratzer

der Witwer
nimmt die CDs seiner Frau
als Vogelschreck

Grabrede
ich zähle heimlich
die Fakes

Kirschen
ich zeige meinem Enkel
die Räuberleiter

Bergkapelle
in der Dornenkrone
ein Vogelnest

Krieg …
ich entsorge die alten
Zinnsoldaten

nach dem Sturm
verwüsteter Zen-Garten
der Buddha lächelt

Winterwald
die weißen Atemwolken
der Rückepferde

Nacht …
das leise Klackern
der Spraydosen

Neuschnee
zwei Jungen pinkeln
ihre Namen

Trennung
sie überlässt mir
ihren Stern

Abschiedsbrief
zwischen den Zeilen
Leere

 

Klaus-Dieter Wirth

nach dem Kurkonzert
die Leere des Odeons
auf Sendung der Wind

hoch am langen Stiel
rebellisch eine Rose
Novemberblues

Fußgängerzone
Kaufangebote, dabei
wieder kein Lächeln

nach fünfzig Jahren
noch derselbe Duft aus dem
Hochzeitsflakon

Soldatenfriedhof
die unsichtbaren Schatten
der Vermissten

Nacht auf See
eine silberne Leiter
bis zum Mond

 

Frauke Witte

„Bitte nicht füttern“
wenn du wüsstest Katze, was
auf dem Halsband steht

 

Marion Worf

Sozialwohnungen
an einer Tür
ein Traumfänger

 

Birgit Zeller

Diaabend
die Staubkörner im Lichtkegel
wir

Supermond
ganz nah
sein Schnarchen

Jahresrückblick
in der Sauna zählt einer
seine Narben

 

Romano Zeraschi

Mein verlorener Ring
Ein Elsternflug …
Tagundnachtgleiche

am Revers
ein Herbstblatt …
blaue Stunde

Sie …
Und meine Liebe, die sich ändert
zwischen den Herbstblättern

auf der Suche nach Gold
in einem Traum …
Bergarbeiter

 

Udo Zielke

Blitzeis auf der Autobahn
Ein Porsche überholt
sich selbst

Morgens im Hafen
Die Nebelbank gebiert
ein Containerschiff

 

Sonderbeitrag

Tan-Renga

 

unser Baumstumpf
angeschmiegt im Licht
auch das Moos

für kurze Zeit
etwas wie Heimat

Claus Hansson / Ilse Jacobson

 

HORIZONT:
so weit das
Auge reicht
dahinter
das Niegesehene sehen

Rüdiger Jung / Reiner Bonack

 

Obstwiese
gemeinsam ernten
Wespen und Flüchtlingskinder

unter den alten Bäumen
ein vielfältiges Summen

Ruth Karoline Mieger / Brigitte ten Brink

 

Weinberg-Gerüche
unsere klebrigen Finger
beim Lesen

auf dem Suser*-Fest tanzen –
nur mit dir

*Suser: Ausdruck in Baden-Württemberg für den jungen Wein

Ruth Karoline Mieger / Brigitte ten Brink

 

Wildgänse schreien
innehalten
beim Koffer packen

ohne dich reisen –
es fällt mir schwer

Ruth Karoline Mieger / Brigitte ten Brink

 

Hof der Konversen.
In Baumriesen flüstert der Wind …
Greifbare Stille

Und irgendwo Hildegard
zwischen Arznei und Musik

Conrad Miesen / Rüdiger Jung

 

Das Haiku-Jahr

Siehe die pdf-Datei.

Autoren

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