Haiku-Preis 2023

Die 10 ausgewählten Haiku

 

1

Mittsommer
das Bachbett füllt sich
mit Stille

Gabriele Hartmann

 

2

Dein Atem
noch spürbar im Abendwind
Der Flug der Schwalben

Bernd Reklies

 

3

Schlehenblüte
die Wandergruppe
zieht an mir vorbei

Elisabeth Weber-Strobel

 

Würdigung von Claudia Brefeld

Ein zeitgenössischer japanischer Haiku-Dichter berichtet (auf seiner Website) von einer Anekdote über den Haiku-Dichter Bashō (1644-1694):
Einer seiner Schüler zeigte Bashō das Haiku eines anderen. Dieser Schüler rief aus, dass das Stück die Szene sehr gut wiedergebe. Daraufhin stellte Bashō ihm die bemerkenswerte Frage:
„Wenn du alles (in einem Haiku) gut erklärst, was bleibt dann zurück?“

Man könnte also sagen, dass das Haiku auf eine perfekte Weise unvollkommen sein sollte.
Hierbei spielt die Intuition der Dichterin, des Dichters eine besondere Rolle, die das Haiku absichtlich auf der Ebene der Intuition bleiben und somit der Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser freien Raum lässt.

Wird die Stille im Bachbett als friedlich empfunden oder als Auswirkung der Klimaveränderung? Der Wunsch, etwas noch ein wenig halten zu wollen, beinhaltet zugleich im Wahrnehmen des Schwalbenflugs das Wissen um Abschied und Vergänglichkeit. Für einen Moment anhalten, um vielleicht die ersten Schmetterlinge in den Schlehenblüten zu entdecken, macht bewusst, dass man sich losreißen wird, um den Anschluss (an die Wandergruppe) nicht zu verlieren.

Das, was jedes Haiku einfängt, ist vergänglich, aber das, was das Haiku uns fühlen lässt, kann gleichwohl universell und umfassend sein. Das macht für mich die Faszination des Haiku aus.

Zum Schluss geht mein herzliches Dankeschön an alle Dichtenden, deren Haiku ich für diese Auswahl lesen durfte. Es war für mich eine große Bereicherung.

Claudia Brefeld

 

4

Moorwanderung
die verborgenen Blüten
meines Lebens

Birgit Heid

 

5

Innehalten
auf der Wiese
der Große Fuchs und ich

Michael Rasmus Schernikau

 

6

sonniger Märztag
die Forsythie blinzelt
mit einer Knospe

Sylvia Hartmann

 

7

Du erklärst die Welt
deinem Hinterherziehtier
in fremder Sprache

Reni Salzer

 

8

Schützengraben
über dem Rand
die Sterne

Wolfgang Hölz

 

9

suppenküche –
ein mädchen bittet um nachschlag
für seinen teddy

Alexander Groth

 

10

Baumpatenschaft
ich erzähle ihm
von meinen Zweifeln

Anke Holtz

 

Bemerkungen

Nach der Beseitigung von zu vielen oder fremdsprachigen Texten blieben von den eingesandten Texten 196 Haiku von 101 Autoren zur Auswahl.

Diese Auswahl traf Claudia Brefeld ohne Kenntnis der Autorennamen in der oben gesetzten Reihenfolge. Die Koordination leistete Volker Friebel.

Den Preisträgern unsere Glückwünsche, auch allen anderen Dank für ihre Mitarbeit.

Der Haiku-Preis ist dieses Jahr der japanischen Haiku-Dichterin Chiyo-ni gewidmet.

 

Claudia Brefeld zu Chiyo-ni

Kaga no Chiyo (1703-1775), besser bekannt als Chiyo-ni, begann mit 17 Jahren Haiku zu schreiben. Als eine der wenigen Haiku-Dichterinnen in der vormodernen japanischen Literatur gilt Chiyo-ni als einflussreiche Figur. Geprägt durch den berühmten Dichter Matsuo Bashō, aber auch als unabhängige Persönlichkeit mit einer eigenen Stimme, ebnete Chiyo-ni mit ihrem Engagement nicht nur den Weg für ihre Karriere, sondern eröffnete auch anderen Frauen den Weg. Chiyo-ni gilt als „Vorreiterin, die sich für den internationalen Kulturaustausch einsetzte“. Viele sahen in ihr eine der wahren Erben Bashōs, sowohl in ihrer Poesie als auch in ihrer bescheidenen Haltung, ihrem warmen Bewusstsein für die Welt und ihrem einfachen Leben. Im Alter von 52 Jahren beschloss sie, buddhistische Nonne zu werden. „Nicht“, so sagte sie, „um der Welt zu entsagen, sondern um ihr Herz zu lehren, wie das klare Wasser zu sein, das Tag und Nacht fließt“.

Das wohl bekannteste Haiku, wenn auch nicht unbedingt das Beste, ist:

asagao ya
tsurube torarete
morai mizu

Die Windenblüte
den Schöpfeimer umrankt
ich bitte um Wasser

(aus: OAG Notizen 5/2004)

Ich persönlich favorisiere eher folgendes Haiku:

Aufgeraute Lippen
vergessen –
klares Quellwasser.

 

Die Ausschreibung

Folgende Ausschreibung lag dem Haiku-Preis 2023 zu Grunde:

Haiku heute schreibt das fünfte Jahr einen Haiku-Preis aus. Er ist dieses Jahr Chiyo-ni (Kaga no Chiyo, 1703-1775) gewidmet.

Modalitäten: Die Teilnahme ist frei. Jeder Autor kann ab sofort bis einschließlich 31.07.2023 bis zu zwei eigene Haiku in deutscher Sprache einreichen, die bisher nicht öffentlich geworden sind. Diese sollten bis zum 30.09.2023, dem Abschluss der Auswahl, nirgendwo veröffentlicht werden. Das Thema der Texte ist frei. Ein Haiku sollte aus möglichst nicht mehr als drei Zeilen und möglichst nicht mehr als 17 Silben bestehen. Die Haiku können nur online auf dem für den Haiku-Preis vorgesehenen Formular unten eingereicht werden.

Auswahl: Die Auswahl der Haiku trifft Claudia Brefeld. Auf Ihrer Präsenz einiges zu Ihrer Person: https://www.artgerecht-und-ungebunden.de/Bio-Bibliografie.htm

Gewinn: Die Bestplatzierten erhalten Zertifikate ihres Abschneidens.

Koordination: Die eingereichten Haiku sammelt Volker Friebel, der selbst keine Haiku einreicht.

Rechte: Die Rechte an allen Haiku bleiben bei ihren Autoren. Bei ausgewählten Haiku nimmt Haiku heute die nicht-exklusiven Veröffentlichungsrechte von Haiku und Autorenname für seine Seiten in Anspruch sowie für einen Bericht zum Haiku-Preis, der auch an anderen Stellen und in anderen Medien erscheinen kann, sowie für das Haiku-Jahrbuch und eine von Volker Friebel zusammengestellte Anthologie des deutschsprachigen Haiku (Papierdruck und elektronische Ausgaben). Die Autoren von ausgewählten Haiku können ihre Texte nach Veröffentlichung des Ergebnisses weiterhin frei verwenden.

Widmung: Der Haiku-Preis bietet Gelegenheit, auf Personen in der Haiku-Dichtung besonders hinzuweisen. Im Jahr 2023 ist der Haiku-Preis der japanischen Haiku-Dichterin Chiyo-ni gewidmet. Unter dem Einsendeformular einige Worte von Claudia Brefeld zu ihr.

Die Haiku bitte in das untere Formular eintragen [nicht mehr gültig]. Einsendungen auf anderem Weg können leider nicht akzeptiert werden. Wenn alle Angaben gemacht wurden und Sie auf „Einreichen“ klicken, wird das Formular versendet, und Sie erhalten automatisch eine Bestätigung. Falls es nicht funktioniert hat, schauen Sie bitte, ob Sie alle Pflichtangaben gemacht haben (die mit roten Sternchen gekennzeichneten Felder), ob auch die Häkchen bei „Datenschutz“ und „Rechte“ gesetzt sind.

 

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