Haiku und Kettengedicht: Tan-Renga

Angepasst aus dem Buch: Volker Friebel (2019): Das Haiku. Grundwissen – Vertiefungen – der Horizont. Edition Blaue Felder, Tübingen. Alle Rechte vorbehalten. Die Rechte der zitierten Haiku liegen bei ihren Autoren.

 

Je nach Länge der Glieder werden in Japan verschiedene Formen von Kettengedichten unterschieden. Das früher sehr beliebte Kasen besteht aus 36 Gliedern. Kürzeste Form eines Kettengedichts nach japanischer Tradition ist das zweiglied­rige Tan-Renga. (Dieser Abschnitt folgt im Wesentlichen Claudia Brefeld (2019): Tan-Renga – der Beginn der Kettendichtungen, in Sommergras. Nummer 124, März 2019, Seite 23-28.)

Mit ihm hat das Kettengedicht überhaupt erst begonnen. Das erste Tan-Renga wurde veröffentlicht in der ersten großen japanischen Gedichtanthologie Man’yōshū („Samm­lung der zehntausend Blätter“, um das Jahr 759 erschienen), die in 20 Bänden die japanische Lyrik etwa der Jahre 600 bis 750 darstellt. Das liegt deutlich vor der Zeit des Haiku.

Das erste Glied eines Tan-Renga, der Oberstollen, besteht aus einer Folge von 5, 7 und wieder 5 Moren, das zweite aus einer Folge von 7 und noch einmal 7 Moren. Heute werden Tan-Renga bei uns meist in freien Versen als 5-Zeiler geschrieben, mit nicht mehr als 17 Silben für den Dreizeiler und nicht mehr als 14 Silben für den Zweiteiler, also insgesamt 31 Silben – möglichst weniger.

Das Versmaß entspricht damit der Form eines klassischen Tanka. Beim Tan-Renga haben allerdings der Drei- und der folgende Zweizeiler zwei verschiedene Autoren. Ein Autor gibt den Oberstollen vor, der andere ergänzt ihn mit dem Unter­stollen zum fertigen Gedicht.

Zentral im Tan-Renga ist die Verbindung zwischen den beiden Teilen. Meist wird vom zweiten Teil ein Wort aus dem ersten Teil aufgegriffen und daraus ein eigener Vers ent­wickelt, ohne dieses Wort direkt zu wiederholen. Aus dem Wort „Mond“ im ersten Teil könnte der zweite Teil auf „Sternennacht“ kommen.

Dabei müssen beide Teile nicht am selben Ort oder zur selben Zeit spielen, die Verbindung kann sich ganz auf diese zwei Begriffe beschränken, die beiden Teile müssen auch thematisch nichts miteinander zu tun haben. Derart lose ver­bundene Texte wirken allerdings meist gekünstelt, mitein­ander inhaltlich verbundene Teile entsprechen besser unserer Ästhetik.

Mainacht –
die Nachtigall schlägt hoch
bis in den Hals

Geknickte Rohre im Schilf,
wo gestern das Boot lag.

Gerd Börner / Volker Friebel 2

Das Beispiel (aus Sommergras, Nummer 86, September 2009, Seite 24) zeigt, dass im Idealfall beide Teile als selbststän­dige Gedichte betrachtet werden können, dass durch ihre Zusammenstellung sich aber ein neues Bild ergibt, das so in keinem der beiden enthalten ist.

Wo mag das aus der verborgenen Anlegestelle im Schilf entschwundene Boot nun sein? Dem ersten Teil nachsinnend, sehe ich es unterm Vollmond auf dem Waldweiher, mit einem Liebespaar.

Der Zweiteiler nimmt in diesem Beispiel nicht ein bestimm­tes Wort aus dem Dreizeiler auf, sondern seine Atmosphäre. Und führt sie weiter.

Ob Tan-Renga, ob Kettengedichte überhaupt literarisch über­zeugen können, ist umstritten. Im alten Japan war das Ketten­gedicht ein gesellschaftliches Ereignis, viele Haikai-Dichter beteiligten sich rege an Gemeinschaftsdichtungen. Der große Reformator und Namensgeber des Haiku, Shiki, hat sie aller­dings als literarisch wertlos abgelehnt.

Jedenfalls sind Kettengedichte ein Angebot zur Begeg­nung. Und sicher fördert es die eigene Sensibilität, sich auf andere Dichter einzulassen, mit ihnen gemeinsam zu dichten.

Ein weiteres Beispiel (aus Haiku-Jahrbuch 2017, Seite 88):

unter altem Laub
leere Schneckenhäuser
was war und was wird …

aus den Ruinen
der Klang einer Flöte

Brigitte ten Brink / Ruth Karoline Mieger

Die Zeichen der Vergänglichkeit im Dreizeiler werden vom Zweizeiler mit dem Wort „Ruinen“ aufgenommen. Und die Frage nach dem „was wird“ beantwortet der Klang einer Flöte.

Nicht, dass der zweite Teil immer eine Beantwortung des ersten sein muss oder sollte. Er kann den ersten Teil auch in Frage stellen. Wichtig ist, dass es eine Beziehung gibt, nicht dass diese immer in einer bestimmten Art und Weise gestaltet ist.

Titel oder Überschriften sind wie beim Haiku nicht gebräuchlich.

Üblicherweise wird zwischen Ober- und Unterstollen ein Abstand gesetzt. Die beiden Verfasser stehen unter dem Text. Das ist aber nicht verbindlich.

 


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Merkmale des Haiku
Kleine Geschichte des Haiku
Haiku und Prosa: Haibun
Haiku und Kettengedicht: Tan-Renga
Haiku und Bild: Haiga
Haiku in Gedichten
Haiku und besondere Orte

Vertiefungen (Auswahl)
Wird ergänzt …

 


Alles angepasst aus dem Buch: Volker Friebel (2019): Das Haiku. Grundwissen – Vertiefungen – der Horizont. Edition Blaue Felder, Tübingen. Alle Rechte vorbehalten. Die Rechte der zitierten Haiku liegen bei ihren Autoren. Ein Klick auf die Schaltfläche führt zum Shop des Druckwerks, wo eine Vorschau eingesehen und das Buch bestellt werden kann.